SaferPhone-Initiative versteigt sich mit Santini-Studie (I) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 01.12.2020, 00:27 (vor 733 Tagen) @ Gustav

Zu der Initiative von Frequencia gibt es Neuigkeiten, d.h. eine neue Webseite.

Ich finde die Seite enthält recht viel Text, bei Initiativen sind die Informationen in den meisten Fällen "kurz und knackig". Es handelt sich jedoch um die üblichen Falschaussagen.

Wenn Uwe Dinger etwas kann, dann schöne Websites gestalten. Die Website der SaferPhone-Initiative ist aus meiner Sicht optisch sehr gut gelungen. Sein Talent zum Designen hat Dinger schon bei seiner ersten Anti-Mobilfunk-Website (Kombas) gezeigt und später bei Diagnose-Funk. Die Verpackung ist bei allen Dinger-Websites erstklassig, der Inhalt hingegen ist indiskutabler Stuss. Ich kenne keine anderen Anti-Mobilfunk-Websites, bei denen Schein und Sein so weit auseinander liegen.

Folgende Grafik von der SaferPhone-Website will diesen Vorwurf exemplarisch belegen:

[image]
Grafik: SaferPhone-Initiative

Schon der Titel der angstschürenden Grafik ist irreführend, denn zu sehen sind nicht "Symptome nach Entfernung zur Mobilfunkantenne", dies suggeriert, mit der Entfernung würden sich die Symptome ändern, sondern man sieht die Häufigkeit von zwölf Symptomen abhängig vom Abstand zu einer Mobilfunkantenne. Doch dies ist nur der kleinste Haken an dieser Grafik.

Schon gewichtiger ist: Die Grafik steht ohne jede weitere Erklärung auf der Seite, auch eine Quelle wird nicht genannt. Ein Betrachter hat also keine Möglichkeit, sich z.B. durch eine Internetrecherche der bösartigen Bildbotschaft zu entziehen:

Je näher du an einer Mobilfunkantenne wohnst, desto mehr Gesundheitsbeschwerden warten auf dich!

Mir aber ist die Quelle der Grafik bekannt. Es handelt sich um die berühmt-berüchtigte Santini-Sendemastenstudie aus dem Jahr 2002/2003. Damals waren wir noch glühende gutgläubige Mobilfunkgegner und von dieser Studie begeistert. Doch das sollte sich bald ändern, als sich die gar nicht begeisterte Sicht der Wissenschaft auf diese Studie bis zu uns herumsprach.

Roger Santini († 2006) war ein französischer Wissenschaftler, der zwischen 2001 (in manchen Quellen auch 2002) und 2003 eine Serie von drei Mobilfunkstudien publizierte (alle drei waren Fragebogenstudien):

2001: Santini R, Seigne M, Bonhomme-Faivre L, Bouffet S, Defrasne E, Sage M (2001): Symptoms experienced by users of digital cellular phones. Pathologie Biologie; 49, 222-226.

2002: Santini R, Santini P, Danze JM, Le Ruz P, Seigne M (2002): Enquête sur la santé de riverains de stations relais de téléphonie mobile : I/Incidences de la distance et du sexe. Pathologie Biologie (Paris); 50, 369-373.

2003: Santini R, Santini P, Le Ruz P, Danze JM, Seigne M (2003): Survey study of people living in the vicinity of cellular phone base stations. Electromagn Biol Med 2003; 22 (1): 41-49

In seiner Studie von 2001 fragte Santini bei 161 Probanden mit und ohne Mobiltelefon diverse Symptome ab, konnte bei der Symptomhäufigkeit jedoch keinen Unterschied zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern von Mobiltelefonen feststellen. Diese Studie wird deshalb von der Anti-Mobilfunk-Szene ausnahmslos ignoriert. Die beiden jüngeren (weitgehend identischen) Studien behandeln Sendemasten, und dies alarmierend, deshalb wurden und werden sie von der Szene ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.

Doch weil Santini 2002 eine falsche Anzahl von Probanden nannte, musste er ein Erratum nachreichen. Statt 205 Männer und 215 Frauen hatte er bei Tabelle 2 im Original irrtümlich 270 Männer und 260 Frauen genannt.

Wesentliche Unterschiede zwischen den Studien von 2002 und 2003 konnte ich bei einer Schnellprüfung nicht feststellen, insbesondere Tabelle 1, auf der auch die Grafik oben beruht, ist identisch. Mutmaßlich handelt es sich bei der 2003er-Studie nur um eine Zweitverwertung vorhandenen Datenmaterials.

Fortsetzung in Teil II

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Baubiologie, Falschmeldung, Santini, Dinger, Safer-Phone-Volksinitiative


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