Falschmeldung: REFLEX-Pressemitteilungen nicht zurückgezogen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 09.06.2016, 23:29 (vor 1222 Tagen) @ charles

Wieder einmal eine wilde Geschichte aus dem Bauch der Anti-Mobilfunk-Szene. Es geht um die berühmten "Reflex"-Pressemitteilungen, die seit acht Jahren Franz Adlkofer wie Reissnägel in seinen Schuhen plagen.

Die Geschichte ist nicht nur wild, sondern auch kompliziert, Herr Adlkofer braucht quälend lange 19 Seiten, um sie in allen Einzelheiten zu erzählen. Sein Pamphlet sollten Sie zumindest einmal überflogen haben, wenn Sie mich hier und jetzt auf einer kleinen Exkursion begleiten möchten. Lohn der Mühe: Sie erkennen, wie mit vielen Worten (es sind 10'250) ein Sachverhalt so gut vernebelt werden kann, dass der erschöpfte Leser nicht mehr bemerkt, wie er aufs Kreuz gelegt wird. Sind Sie bereit? Gut: Auf die Plätze, fertig, los!

Wie es zu Adlkofers Angriff auf die MUW kam

Im Rechtsstreit K. vs. Lerchl unterlag der Bremer Professor vor dem Hamburger Landgericht: Seit März 2015 darf er nicht mehr behaupten, die ehemalige Laborantin an der Medizinischen Universität Wien (MUW) habe Daten der Wiener "Reflex"-Studie gefälscht. Ex-Tabaklobbyist Adlkofer finanzierte die Klage gegen Lerchl und versuchte mit allen Mitteln das Urteil für seine Zwecke zu nutzen. Adlkofer-Sprachrohre verkündeten noch im gleichen Monat, "Reflex" sei "juristisch bestätigt" worden. Für Adlkofer war diese Desinformationskampagne wichtig, denn "Reflex", sein wissenschaftliches Spätwerk, wurde a) durch begründete Fälschungsvorwürfe von Lerchl und b) durch eine Serie gescheiterter Replikationen in die wissenschaftliche Bedeutungslosigkeit gedrängt – in der es bis heute gefangen ist.

Nachdem spätestens Anfang Juli 2015 der Versuch gescheitert war, das Urteil im Streit Elisabeth K. vs. Lerchl in ein Unbedenklichkeitsattest für "Reflex" umzuetikettieren, kehrte erst einmal Ruhe ein. Anfang Dezember 2015 startete dann Lerchl eine neue Runde in seiner nunmehr acht Jahre dauernden Auseinandersetzung mit Adlkofer, indem er den ehemaligen Tabaklobbyisten in Handlungszwang brachte. Jetzt musste der 80-Jährige reagieren, wollte er am Ende nicht als Verlierer dazustehen.

Womit wir beim vorläufigen Ende der Geschichte angekommen sind: Adlkofer quetschte aus dem Hamburger Urteil die letzten Tropfen heraus und ließ seine Anwälte eine Unterlassungsaufforderung an die MUW aufsetzen. Denn die Universität hatte zu Beginn des "Reflex"-Skandals im Jahr 2008 mit drei Presse-Informationen (PI) eindeutig Stellung gegen ihre eigenen Mitarbeiter bezogen. Für Franz Adlkofer waren diese drei PIs ein immer währendes Ärgernis, zumal Lerchl sie ihm bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb. In zwei PIs erkannte nun der Nichtraucher mit der dunklen Tabakvergangenheit diverse Passagen, die sich mit dem Urteil im Elisabeth K.-Verfahren angreifen ließen: Seine Anwälte forderten die MUW prompt ultimativ auf, bis 4. April 2016 die beiden PIs von der Website der Uni zu entfernen. Die MUW ergab sich kampflos und bestätigte mit Schreiben vom 4. April, die PIs seien zwischenzeitlich von der Website der MUW entfernt worden, wobei ich meine, bereits 2015 dort vergeblich nach den PIs gesucht zu haben. Auch der Zahlung einer kleinen Aufstandverhinderungspauschale in Höhe von 1822,96 Euro an Frau K. stimmte die MUW am 12. April ohne Murren zu, die Verwaltung der Universität wollte den skurrilen Streitfall augenscheinlich so schnell wie möglich los werden.

Warum Franz Adlkofers Erfolgsgeschichte nicht stimmt

Damit ist die Geschichte zu Ende. Wirklich? Nein, selbstverständlich nicht! Geschichten aus der Anti-Mobilfunk-Welt sind immer wirr und voller Widersprüche. So auch diesmal.

Schauen wir uns mal entspannt die Titel der drei "Reflex"-PIs der MUW an, Herr Adlkofer nennt sie in seinem 19-seitigen Pamphlet ab Seite 4:

So weit, so gut. Und jetzt schauen wir nach, gegen welche PIs Adlkofers Anwälte vorgegangen sind, auch dies ist in seinem Pamphlet nachzulesen (Seite 8):

Wir stellen erstaunt fest: Von den drei berühmten "Reflex"-Presse-Informationen der MUW wurde lediglich eine einzige angegriffen, nämlich die zweite vom 29. Juni 2008. Die wichtige erste PI vom 23. Mai und die dritte vom 1. September wurden gar nicht angegriffen, stattdessen fochten die Anwälte eine eher nebensächliche PI mit dem Titel: "Wissenschaft und Wahrheit" an. Damit schießt sich Adlkofer mMn selbst ins Knie, denn indirekt bestätigt er damit das, was er öffentlich unbedingt vermeiden wollte: Er kann sich aus der Zwickmühle nicht befreien, in die ihn Lerchl gebracht hat. Er kann "Reflex" mit dem Elisabeth K.-Urteil nicht reinwaschen, sondern bestenfalls ein paar kleinere Flecken wegrubbeln, nicht aber große wie den verheerenden Verdacht, bei "Reflex" seinen Daten "fabriziert" worden, geäußert in der ersten PI vom 23. Mai.

Der schöne Titel von Adlkofers Pamphlet "Die Medizinische Universität Wien zieht die Pressemitteilungen zur REFLEX-Studie zurück" ist mithin für mich schon einmal zu 2/3 falsch.

Aber jetzt ist die Geschichte endlich zu Ende, oder?

Nein, es gibt noch ein Dessert, das aus 2/3 falsch entzückende 3/3 falsch macht. Ob sich die MUW über Herrn Adlkofer lustig macht kann ich nicht beurteilen, Fakt ist jedenfalls, die angegriffene Presse-Information vom 29. Juni 2008 – "Prof. Hugo Rüdiger zog offensichtlich inkorrekte Mobilfunkstudie zurück" findet sich heute tatsächlich nicht mehr auf der Website der MUW, wohl aber im Pressefach der MUW bei OTS. Laut Herrn Adlkofer ist OTS "Österreichs größtes Portal für multimediale Presseinformation". Tja, nun müssen die Anwälte wohl noch einmal aufmarschieren und böse Briefe schreiben :-). Wie diese Auseinandersetzung ausgeht werden wir bald wissen.

Fast nur noch eine Randnotiz ist bei diesem Sachstand der Hinweis: Bei OTS ist auch noch die wichtige erste PI vom 23. Mai 2008 nachzulesen – "MedUni Wien: Verdacht auf fehlerhafte Studie der ehemaligen Abteilung für Arbeitsmedizin". Nur die dritte PI, das ist die vom 1. September 2008, die konnte ich auch bei OTS nicht mehr auftreiben, obwohl deren Löschung gar nicht verlangt war.

Fazit: Es bleibt dabei, das größte Problem der Anti-Mobilfunk-Szene ist ihr Personal.

Hintergrund
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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
UMTS-Studie, Reflex, Rüdiger, MUW, Laborantin, Retraktion, Landgericht, Lerchl, Spiegelfechterei, Pressemitteilung, Deal, Zweckentfremdung, Presseinformation, Zweikampf, fabriziert, Fälschungsskandal


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