Widersprüchlichkeit - sicheres Alarmsignal für Lobbyismus (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 10.07.2011, 18:02 (vor 4157 Tagen)

Was haben etablierte Mobilfunkgegner mit der Autoindustrie gemeinsam? Sie produzieren Widersprüchliches, weil der Drang zur Wahrung der eigenen Interessen unbändig ist.

Es war zum größten Teil die Widersprüchlichkeit in der Argumentation, die das IZgMF vor etwa fünf Jahren vom Mainstream der etablierten Mobilfunkgegner absprengte. Sie, die Gegner, predigen, jeder Mast müsse bekämpft werden, doch sinkt für Anwohner von Sendemasten und auch für Handynutzer die Funkfeldimmission, je mehr Sendemasten das Netz verdichten. Sie bekämpfen Sendemasten bis aufs Messer, lassen körpernahe Funktechnik - von ein paar Alibikritiken abgesehen - aber unbehelligt. Dabei ist die Immission des Hirns durch ein Handytelefonat 1000- bis millionenfach stärker als durch einen Sendemasten. Sie berichten, dass senkrecht unter Sendemasten schlimme Belastungen auftreten, tatsächlich stimmt dies nicht, sondern soll potentielle Standortvermieter nur das Fürchten lehren usw. usf.

Die Widersprüche in der Argumentation der etablierten Mobilfunkgegner sind schlagartig erklärbar wenn man sich von der Annahme verabschiedet, diesen Leuten gehe es ganz selbstlos allein um das Wohl der Bevölkerung. Dieses Motiv mag bei einigen Mitläufern zutreffen, bei anderen steht mMn dagegen eindeutig Profit im Vordergrund. Je nach Fall finanzieller oder gesellschaftlicher Profit. Derart neu formatiert und von Illusionen befreit fallen einem dann plötzlich Umstände auf, die zuvor glatt übersehen wurden. Etwa die Baubiologen, die tagsüber mit Elektrosmog-Messungen und Schirmmaßnahmen ihr Geld verdienen, und abends als Initiatoren von Bürgerinitiativen mit neuen Gruselgeschichten die Angst vor Elektrosmog am Leben erhalten - für die Kunden von morgen.

Aber: Ist Widersprüchlichkeit wirklich ein brauchbarer Indikator dafür, dass in Wahrheit ganz andere Interessen am Wirken sind, als einem Glauben gemacht wird?

Im Spiegel Heft 21/2011 gab es dazu einen erhellenden Artikel mit dem Titel Vorfahrt für Dicke. Dort geht es um ein geplantes Öko-Siegel für Autos. Hört sich ebenso gut an wie etwa "Schutzorganisation für Elektrosmog-Betroffene". Das Öko-Siegel soll Autos, die wenig Sprit schlucken, gegenüber solchen positiv kenntlich machen, die mehr verbrauchen. In fast allen europäischen Ländern gilt diese simple Logik. In Deutschland aber soll sie nicht gelten. Die Deutschen wollen das Fahrzeuggewicht in die Bewertung mit einfließen lassen. Wobei "die Deutschen" die Lobbyisten der deutschen Autoproduzenten sind.

Sollte das Öko-Siegel tatsächlich kommen, in einer Novelle zur "PKW-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung" wurde es im Kabinett bereits verabschiedet, ist es, so der "Spiegel", die wunderlichste Öko-Klassifizierung der Industriegeschichte. Denn schwere Geländewagen werden dann bessere Noten bekommen als Kleinstautos. "Auto Bild" soll das an einem ganz besonderen Fahrzeug einmal durch gerechnet haben: Das Gefährt schluckt üppige 200 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Aber es bringt 62 Tonnen Fahrzeugmasse auf die Waage und schneidet so beim geplanten Öko-Siegel besser ab als ein Renault Clio. Das spritfressende Wägelchen dürfte daher amtlicherseits als Ökoschlitten bezeichnet werden, besser bekannt ist es allerdings unter dem Begriff "Leopard 2", der Militärpanzer.

Ich meine, die Widerspüchlichkeit des geplanten Auto-Öko-Siegels ist im kleineren Maßstab auch bei den etablierten Mobilfunkgegnern anzutreffen. In beiden Fällen bringt erst der Blick hinter die Kulissen die Drahtzieher und die wahren Interessen ans Licht.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Politik, Lobbyismus, Illusion, Widersprüche, Stategie, Schutzorganisation


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