Impressionen vom 5G-Protesttag in München (Text) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 25.01.2020, 21:02 (vor 399 Tagen) @ Gustav

Ich denke die Recherche für weitere Länder kann man sich getrost sparen.

Im Prinzip ja, aber weil meine Frau und ich nun mal die U-Bahn zum Odeonsplatz nahmen, um dort der Kundgebung der 5G-Gegner beizuwohnen, will ich zumindest kurz ein paar Impressionen des Besuchs zum Besten geben.

Ausgangspunkt: Die Bürgerinitiative stoppt-5g.jetzt aus Huglfing, einem 2550-Seelen-Örtchen vor den Toren Münchens, rief unter tatkräftiger Unterstützung der Partei ÖDP zu einer großen Anti-5G-Kundgebung am 25. Januar 2020 nach München zum Odeonsplatz.

Etwa 300 Teilnehmer in München
München ist für Mobilfunkgegner kein Pflaster. Dass dies so ist merkte ich schon, als ich am Odeonsplatz aus der U-Bahn stieg und dem freien Himmel entgegen strebte: Da war keine Demonstrationsstimmung, kein ungewöhnlicher Menschenandrang, kein erkennbarer 5G-Gegner, kein Pfeifen, Klatschen oder Jubeln, sondern alles wie sonst auch. Und als mich die Rolltreppe an der Erdoberfläche ausspuckte bestätigte sich dieser Eindruck, der Odeonplatz war zu 3/4 leer. Da der Platz vor der imposanten Feldherrnhalle recht groß ist, wirkte die von mir auf 400 Teilnehmer geschätzte Kundgebung ziemlich verloren. Ein von mir befragter Polizist schätze die Teilnehmerzahl auf 300 bis 400, meine Frau tippte eher auf 200 bis 300, also werden es wohl um die 300 gewesen sein. Da der Odeonsplatz gerne von vielen Touristen und Passanten überquert wird, ist eine Schätzung dort nicht ganz einfach. Hin und wieder konnte ich Asiaten beobachten, die eigentlich die Feldherrnhalle fotografieren wollten, sich über den Protestaufzug vor der Halle wunderten und achselzuckend schließlich Halle samt 5G-Gegnern davor knipsten. Listigerweise hatte einer der Protestler aus der bayerischen Provinz seine Alarmbotschaft in englisch auf eine Tafel geschrieben, so dass die Touristen zumindest erahnen konnten, um was es da ging.

Gutmenschen, statt "nützliche Idioten"
Einige der Teilnehmer, die Flugblätter an Passanten verteilten, habe ich angesprochen. Die waren alle nett, freundlich und auskunftswillig – aber völlig ahnungslos was 5G anbelangt. Üblicherweise nennen wir solche Leute "nützliche Idioten", weil sie nur Flötenspielern hinterherlaufen. Doch weil ich diesmal netten ahnungslosen Menschen vis-a-vis gegenüberstand, halte ich die harte Einstufung für unangemessen und bezeichne sie lieber etwas weniger hart als Gutmenschen. Keiner der Gutmenschen, die ich dort traf kam aus München, alle kamen aus dem Umland der Bayerischen Landeshauptstadt. Die gesamte Kundgebung fand zwar in München statt, gefühlt waren aber mindestens 90 Prozent der Teilnehmer Auswärtige. Bekannte Gesichter waren so gut wie keine zu sehen, wiedererkannt habe ich nur einen grünen "elektrosensiblen" Mobilfunkgegner aus Wolfratshausen.

Widersprüchliche Beobachtungen
Wer auf dem Odeonsplatz vor dem kleinen provisorischen Rednerpodest verharrte, muss nicht zwangsläufig auch ein 5G-Gegner sein. So stellte sich bei einem Mann heraus, einem Ingenieur, dass er sich lediglich einmal hautnah über 5G-Gegner informieren wollte, weil zu seiner Verwunderung ein Freund, ebenfalls Ingenieur, der Anti-Mobilfunk-Szene angehört. Der Besucher war entsetzt, was er an Parolen zu sehen und zu hören bekam: Statt mehr Verständnis für seinen Freund aufbringen zu können, trat für den Mann das Gegenteil ein.

Passanten, die kurz stehen blieben, um sich das Treiben der 5G-Gegner anzusehen, gingen danach sichtlich unbeeindruckt weiter, einige schüttelten demonstrativ den Kopf. Eine 5G-Gegnerin kam mit drei Kindern im Alter von etwa acht bis zwölf Jahren. Auf der Treppe zur Feldherrnhalle nahm sie den Kindern deren Handys ab und mischte sich anschließend unters Protestvolk. Und selbstverständlich sahen wir einige Demonstranten, die wegen ihrer Schilder eindeutig als solche zu erkennen waren, wie sie an ihren Handys herum hantierten. Noch mehr Teilnehmer machten mit ihrem Handy Videoaufnahmen oder Fotos von der Kundgebung.

Uli Weiner kam nicht
Deutschlands Vorzeige-EHS Uli Weiner war als Hauptredner angekündigt, erschien jedoch nicht auf der Bildfläche. Angeblich hat er keinen Fahrer gefunden, der ihn nach München verbracht hätte. Na ja ... Weiners Aufruf, man solle im Strahlenschutzanzug zur Kundgebung kommen oder in den aus Kriminalfilmen bekannten weißen Schutzanzügen von Tatortermittlern, wurde nur in hoher homöopathischer Potenz befolgt. Einige "Elektrosensible" zeigten sich jedoch in anderer, teils ausgesprochen kreativer Schutzkleidung.

Reden um des Redens Willen
Ein Vertreter des "Vereins für Elektrosensible", München, berichtete, der Verein habe derzeit 200 Mitglieder. Sollte dies zutreffen, woran ich wegen dieser Grafik nicht so recht glauben mag, hätte der Verein 2019, nach Null Zuwachs im Jahr 2018, sage und schreibe 50 neue Mitglieder gewonnen. Wir werden sehen ... Dass nicht alles für bare Münze genommen werden darf, was Redner den Teilnehmern erzählten, zeigte die Rede der Heilpraktikerin Diana Nocker von der Bürgerinitiative (BI) stoppt-5g.jetzt, die die Kundgebung in München organisierte. Sie berichtete, das Faltblatt der BI sei von der ÖDP-Alarmsirene Klaus Buchner höchstselbst redigiert worden, deshalb stünde da "kein Schmarrn drin". Bei diesen Worten wäre ich beinahe wegen eines plötzlich einsetzenden Drehschwindels von dem Laternenpodest gefallen, auf das ich der besseren Sicht wegen gestiegen bin. Was Nocker sonst noch an Erfolgen und "Erfolgen" zu berichten wusste, können sich Nervenstarke <hier> anhören (Handy-Tonaufnahme geringer Qualität, Dauer 10 min).

ÖDP-gesteuerte Bürgerinitiative stoppt-5g.jetzt
Die BI stoppt-5g.jetzt ist aus Sicht des IZgMF ein Potemkinsches Dorf, eine Schein-BI, hinter der die politische Partei ÖDP steht. Dies wurde auch auf der Kundgebung bei den Forderungen der BI deutlich. Die ÖDP versucht seit etwa 20 Jahren vergeblich, mit Anti-Mobilfunkpolemik den Niederungen der Kleinparteien zu entkommen. Dabei kümmert es die Partei nicht, dass die irrationalen Ängste gegenüber Funk, die sie weckt und schürt, für empfindsame Menschen zu einem beträchtlichen Problem werden können, das bis hin zum Freitod gehen kann. Das ist ein bislang unbeachtet gebliebener Politskandal. Kopf des Anti-Mobilfunk-Flügels in der ÖDP ist der ehemalige ÖDP-Bundesvorsitzende Klaus Buchner, dem wir einmal freundschaftlich verbunden waren. Buchner tourt gegenwärtig durch Bayerns Dörfer und verbreitet Ängste gegenüber 5G. Anlass: In wenigen Wochen finden in Bayern Kommunalwahlen statt. Unter diesem Aspekt ist auch die Kundgebung am Odeonsplatz zu sehen.

Als Diagnose-Funk in München baden ging
Anno 2012 war die erste große Kundgebung von Diagnose-Funk in München am Odeonsplatz. Doch statt eines machtvollen Protests gegen den Tetra-Behördenfunk erlebte München eine peinliche Pleite der Stuttgarter Mobilfunkgegner. Vor der geschichtsträchtigen Feldherrnhalle hatte der Verein eine riesige Rednertribüne aufbauen lassen, vor der sich jedoch nur 60 bis höchstens 100 Tetra-Gegner versammelten. Das war peinlich, da auch diverse Würdenträger aus der bayerischen Politik und dem Vereinswesen ihre Reden vor leeren Rängen abspulen mussten. Nach der Veranstaltung hatte der Tetra-Protest in Bayern keinen politischen Rückhalt mehr und Diagnose-Funk hat es seither vermieden, noch einmal in München anzutreten.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
ödp, Wahlkampf, Mitläufer, Demo, Stoppt5G, Huglfing


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