Frankreich: Der "Phonegate-Skandal" (Technik)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 11.11.2018, 17:37 (vor 221 Tagen)

Ein deutsches Messlabor in Saarbrücken hat im Auftrag der französischen Funknetzagentur ANFR im Mai 2017 die SAR-Werte eines Smartphones vom Typ "Orange Hapi 30" gemessen. Dabei stellte sich in der GSM900-Betriebsart eine Grenzwertüberschreitung um 5 Prozent heraus (2,1 W/kg). Dies führte zum Rückruf der Geräte und rief einen geschäftstüchtigen Mediziner auf den Plan, der aus dem Vorfall einen weltweiten "Phonegate-Skandal" entfachen möchte.

Die ANFR hat das von dem französischen Netzbetreiber Orange vertriebene Smartphone, das von dem französischen Unternehmen Mobiwire produziert wird, im Zuge der routinemäßigen Marktbeobachtung auf Einhaltung der Grenzwerte prüfen lassen und die Ergebnisse auf der eigenen Webseite veröffentlicht (angeblich schon am 1. Juni 2017). Für Mobiltelefone, die nach April 2016 in Frankreich in den Handel gekommen sind, gelten strengere Vorgaben für die SAR-Messung: Waren zuvor bis zu 25 Millimeter Abstand zwischen Geräterückseite und Messsonde (Körper) zulässig, sind es seither nur noch 5 Millimeter. Dies ist indirekt mit einer Verschärfung des für Mobiltelefone in Europa zulässigen Grenzwerts von 2 W/kg gleich zu setzen. Das von der ANFR publizierte Messprotokoll des Hapi 30 (Download) hat 36 Seiten Umfang. Die Fehlerbetrachtungen am Ende des Dokuments sind wegen der nur geringen Überschreitung des zulässigen Grenzwerts bemerkenswert. Auf die Schnelle ist es mir allerdings nicht gelungen zu klären, wie fehlerbehaftet der entscheidende Messwert von 2,1 W/kg (siehe Seite 4) nun ist und ob dort der Worst-Case-Wert genannt wird.

Am 22. Januar 2018 forderte die ANFR Mobiwire auf, Maßnahmen gegen den festgestellten Verstoß zu ergreifen. Vier Tage später entschied Orange, das Hapi 30 aus dem Handel zu nehmen und am 26. Februar 2018 begann ein Rückruf für alle verkauften Mobiltelefone dieses Typs.

Soweit der Sachstand, der dem "Phonegate-Skandal" zugrunde liegt. Jetzt kommt die Anti-Mobilfunk-Szene ins Spiel.

Anfang März 2018 gründet in Frankreich der Arzt Dr. Marc Arazi den Verein "Phonegate Alert" (Satzung), der es sich zum Ziel setzt, den angeblichen "Phonegate-Skandal" weltweit mit einer französisch/englischen Website publik zu machen. Woher der Wind weht macht der "Wissenschaftliche Beirat" deutlich, der, angeführt von Devra Davis, neben einigen unbekannten Namen etliche einschlägig Bekannte aus der internationalen Anti-Mobilfunk-Szene auflistet, Deutsche sind nicht dabei. Mit diesem Personal entwertet sich Phonegate Alert – aus meiner Sicht – selbst, und identifiziert sich als ein weiter Versuch organisierter Mobilfunkgegner, die öffentliche Meinung weltweit in ihrem Sinne zurecht zu kneten.

Die SAR-Wert-Tabelle der ANFR listet gegenwärtig die SAR-Werte von 499 Mobiltelefonen, die ab 2012 in Frankreich in den Verkauf gingen. Abgesehen von dem Hapi 30 tragen dort noch sieben weitere Modelle das Kainsmal "Non Conforme". Alle acht Übeltäter haben 2017/2018 den Test mit 5 Millimeter Distanz nicht bestanden, die Grenzwertüberschreitungen reichen von 2,04 W/kg (Alcatel, Pixi 4-6 Zoll, 9001D) bis 2,52 W/kg (TP Link, Neffos X1 TP902A). Doch daraus zu schließen, die 5 Millimeter Messdistanz wären ein gravierendes Problem der Handyhersteller, ist ein Trugschluss, denn den acht Durchgefallenen stehen in der ANFR-SAR-Tabelle 114 Modelle gegenüber, die den 5-Millimeter-Test bestanden haben (Stand heute, die Tabelle wird alle sechs Monate aktualisiert). Aber Vorsicht: Die Tabelle vergibt auch an Modelle, die den 5-Millimeter-Test nicht bestanden haben, das Gütesiegel "Conforme" (Test bestanden). Beispielsweise für das Modell Huawei P9, das in diesem Test auf 3,18 W/kg kam. Dies dürfte daran liegen, dass dieses Smartphone vor dem April 2016 (siehe oben) in den Handel kam und mit dem damals zulässigen Messabstand von 25 Millimeter auf grenzwertkonforme 1,32 W/kg kam. Erwähnenswert ist noch, alle hier genannten SAR-Werte beziehen sich auf das Tragen von Mobiltefonen am Körper. Nur so ist der ungünstige Fall möglich, dass die Geräte mit ihrer Rückseite (dort sind die Antennen) Körperkontakt haben. Beim Telefonieren mit dem Gerät direkt am Ohr zeigt hingegen die Rückseite vom Körper weg. Dieser geringe nur wenige Millimeter messende Unterschied beim Abstand der Antennen, mal zum Körper, mal zum Ohr, bewirkt bereits, dass keines der 499 Mobiltelefone in der ANFR-SAR-Tabelle den zulässigen SAR-Wert beim Gebrauch am Kopf überschreitet (Spalte "DAS Tête (norme NF EN 50360)").

Dr. Arazi genügen die acht Modelle der ANFR-SAR-Tabelle nicht, die bei 5 Millimeter Messdistanz zum Körper durchgefallen sind, er will mehr. Dies schafft er einfach dadurch, indem die Messdistanz weiter auf 0 Millimeter reduziert wird, ein Smartphone mit seiner strahlenden Rückseite also direkten Hautkontakt hat. Bei Frauen, die ihr Smartphone im BH mit sich führen, kann so ein Fall eintreten. Die ANFR-SAR-Tabelle nennt in der Spalte "DAS tronc (au contact)" auch diese Werte, dort greift Arazi beherzt zu, und kommt so auf erschreckend hohe SAR-Werte. Anlässlich der NTP-Peer-Review-Anhörung im März 2018 ließ der Mediziner, es sich nicht nehmen seine Erkenntnisse vorzutragen, ein erstaunlicher Senkrechtstart für einen Neuzugang der Anti-Mobilfunk-Szene. Arazi ist allerdings auch kein schüchterner Dorfarzt aus der Provinz, sondern, wie seiner privaten Website zu entnehmen ist, eher ein erfolgreicher Geschäftsmann mit politischen Ambitionen. Er passt damit bestens zu dem kräftigen Zweig der internationalen Anti-Mobilfunk-Szene, der vor allem materiellen oder immateriellen Profit im Visier hat. Selbstverständlich bittet Arazi um Spenden und auch eine Petition hat er bereits gestartet, die soeben aufgerufen 2935 Unterstützer hat, seit spätestens 3. Juli 2018 läuft und in sechs Sprachen angeboten wird, Deutsch ist auch hier nicht dabei.

Weitere Quellen
- ANFR-Presseinformation vom 6. April 2018
- Von der ANFR kommentiertes SAR-Beispiel-Messprotokoll

[Admin: Zahlenwert 15 mm auf 25 mm berichtigt am 10.01.2019]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Handy, Frankreich, Petition, Mediziner, Kommerz, Alarm, SAR-Messung, Arazi


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