BI Rohrer Höhe: wenn Milchmädchen rechnen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 19.08.2018, 14:25 (vor 799 Tagen) @ Gast

Mit dem physikalischen Abstandsgesetz lässt sich die Abnahme der Strahlungsintensität mit wachsender Entfernung zur Quelle oder zum Sender berechnen. Eine Verschiebung von 150 Metern vermindere demnach „die mittlere Strahlungsintensität auf die umliegenden Anwohner bereits um 95 Prozent, also auf fünf Prozent der Intensität des aktuell geplanten Standorts“, heißt es in der aktuellen Stellungnahme. Eine 16-prozentige Erhöhung der Sendeleistung sei dabei schon berücksichtigt.

Ich habe mir erlaubt, die Angaben der Bürgerinitiative einmal nachzurechnen. Das "physikalische Abstandsgesetz" findet sich z.B. auf der Website elektrosmoginfo. Allzu schwierig ist es nicht, wie die Formel für die elektrische Feldstärke E zeigt (mit Abstand d und Sendeleistung P).

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Die Werte der BI um Diagnose-Funker Hensinger konnte ich jedoch nicht reproduzieren. Bei einer Verschiebung um 150 Meter, also von 20 Meter Abstand auf 170 Meter Abstand und einer zugleich vorgenommenen 16-prozentigen Anhebung der Sendeleistung komme ich nicht auf 95 Prozent Abnahme der "Strahlungsintensität", sondern auf nur rund 87 Prozent (bezogen auf elektrische Feldstärke).

E ~ √ (1)/20 = 0,05
E ~ √ (1,16)/170 = 0,00633

0,00633 x 100/0,05 = 12,7 Prozent ≡ rd. 87 Prozent Reduzierung von E

Hat die BI statt mit der Feldstärke mit der Leistungsflussdichte S gerechnet stimmt der Wert ebenfalls nicht, so gerechnet ist die Abschwächung sogar noch höher als von der BI genannt. Denn ...

0,127 x 0,127 x 100 = 1,61 Prozent ≡ rd. 98,4 Prozent Reduzierung von S

Ein paar Prozent hin oder her sind jedoch nicht entscheidend. Wichtiger ist aus meiner Sicht, dass hier eine BI sich wieder einmal selbst weit überschätzt und glaubt, in der Liga der Funknetzplaner mitspielen zu können. Die BI gibt sich ja ziemlich überheblich und tadelt eine nicht erwartungsgemäß ausgefallene Antwort des Stuttgarter Baubürgermeisters Peter Pätzold öffentlich als "... zweitklassigen Praktikantenbericht aus den Federn der Deutschen Funkturm GmbH – mit fehlendem Tiefgang und verschleiernden Halbwahrheiten". Dabei sitzt die BI selbst im Glashaus und versucht mit Milchmädchenrechnungen auf Hauptschulniveau Kompetenz in Sachen Funkfeldausbreitung zu verströmen. Von der nicht nachvollziehbaren Abnahme der "Strahlungsintensität" und der Nichtbeachtung der Gebäudedämpfung abgesehen besteht aus meiner Sicht der größere Fehler der BI darin, dass sie die komplexe inhomogene Feldverteilung im Nahfeld eines Sendemasten ignoriert. In nur 20 Meter bis 50 Meter Abstand ist die Feldverteilung mit Sicherheit inhomogen, Ursache sind (unerwünschte) Nebenkeulen der Antennen, die wiederum aus deren Richtcharakteristik resultieren. Im Nahfeld einer Antenne ist die Immission nicht gleichmäßig wie im Fernfeld, sondern sie schwankt räumlich (abseits des Hauptstrahls) zwischen sehr hohen und sehr niedrigen Werten.

Der geplante Sendemast soll 25 Meter hoch sein. Das höchste Gebäude im Nahfeld ist das ca. 50 Meter weit weg (im Bild unten nordöstlich des Standorts) liegende 6-stöckige Haus. Bei angenommen drei Meter Geschosshöhe ist dieses Haus 18 Meter hoch. Daraus lässt sich ableiten, dass es nicht voll von einem Hauptstrahl der Antennen getroffen wird, sondern sich drunter weg duckt. Dies wird alle Bewohner erfreuen. Andererseits ist das Haus noch so nah, dass es von Nebenkeulen der Antennen getroffen wird. Dies wird diejenigen Bewohner nicht erfreuen, die das Pech haben, inmitten einer solchen Nebenkeule ihre Wohnung zu haben. Schon der nächste Nachbar kann sich hingegen über geringe Immission freuen, weil er in der Lücke zwischen zwei Nebenkeulen wohnt. Diese Schwankungen der Immission sind umso stärker, je näher man den Antennen kommt. Doch ohne Kenntnis der Abstrahlcharakteristik der Antennen lässt sich nicht vorhersagen, wer zu den Glücklichen und wer zu den Unglücklichen zählen wird. Aus ebendiesem Grund ist die Berechnung der BI eine so grobe Vereinfachung der tatsächlichen Gegebenheiten, dass sie wertlos ist.

Geplanter Senderstandort Ecke Rohrer Höhe/Musbergerstraße
[image]
Bild: IZgMF, Foto: Google Earth

Doch es kommt noch schlimmer. Wie obige Betrachtung zeigt, ducken sich die Häuser im Nahfeld des geplanten Sendemasten unter dessen Hauptkeulen weg, die Funkfeldimmission ist dadurch (in den oberen Stockwerken) deutlich geringer als lägen diese mitten in einer Hauptkeule. Welche Richtung die Hauptstrahlen nehmen werden und ob sie überhaupt das eine oder andere Haus anvisieren, darüber schweigt die BI. Im ungünstigsten Fall liegt ein Haus mitten in einer Hauptstrahlrichtung und wird oben voll getroffen.

Wenn nun der "Experte" der BI den Standort des Mobilfunkmasten um 150 Meter in den Wald hinein verschiebt (im Bild also nach links) und behauptet, die Exposition der Häuser falle dadurch auf fünf Prozent des ursprünglichen Wertes, so ist auch dies unter den gegeben Umständen eine Milchmädchenrechnung. Denn mit einiger Sicherheit kann dann, wegen des größeren Abstands, ein jetzt breiter gewordener Hauptstrahl die Häuser und alle Bewohner dort voll treffen. Dieser Effekt ist gegenläufig zur unstreitigen Expositionsreduzierung infolge größerem Abstand. Ob sich beides gegenseitig aufhebt oder die Immission bei den Häusern infolge der Verschiebung sogar größer wird, lässt sich ohne zusätzliche Angaben zu dem geplanten Standort nicht vorhersagen. Nur, dieser Kompensationseffekt ist nun einmal nicht wegzudiskutieren und wenn die BI, die aller Voraussicht nach alle Details des geplanten Standorts kennt, diesen Effekt verschweigt oder wegen mangelnder fachlicher Qualifikation nicht beachtet, dann ist das unseriös weil irreführend.

Fazit: Milchmädchen, die im Glashaus sitzen, sollten Baubürgermeister besser nur mit Wattekügelchen bewerfen.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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