Kita unter Mast: Hensinger fordert Sofortabschaltung (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 08.03.2014, 00:32 (vor 2084 Tagen) @ H. Lamarr

Sie gehört zu den wohl bekanntesten Kreuzungen in Deutschland: Nicht weil sie architektonisch besonders wertvoll ist, sondern wegen der hohen Feinstaubbelastung. Hoch über der Kreuzung ist vergangen Herbst eine neue Kita eröffnet worden – nur wenige Meter neben einem Mobilfunkmasten.

Auch die Stuttgarter Zeitung hat sich des Kita-Themas angenommen und in ihrem Artikel wird deutlicher, wo die Kita ist und wo die Sendemasten. Peter Hensinger kommt in dem Artikel selbst nicht zu Wort, was auch gut ist, denn was hat der Mann als fachlicher Laie schon groß zu sagen. Doch der gelernte Drucker, der zuletzt angeblich in der Psychiatrie tätig war, hat ein anderes Ventil gefunden: Er macht sich mit einem langen Kommentar bemerkbar. Und der beginnt so:

Die Stuttgarter Zeitung deckt einen Gesundheitsskandal auf, der noch einmal bestätigt, wie notwendig ein Mobilfunk-Vorsorgekonzept für Stuttgart ist. Solange der Kindergarten betrieben wird, muss die Mobilfunksendeanlage sofort abgeschaltet, ggf. muss auch der Kindergarten geschlossen werden. Die Mobilfunk-Bürgerinitiative Stuttgart - West kritisiert scharf die seichte Rechtfertigung der Bundesnetzagentur (BNA) , die Grenzwerte bei diesen Masten seien eingehalten und schützten auch die Kinder. Das letztere stimmt nicht! Die Erklärung der BNA ist deswegen eine Augenwischerei, weil die geltenden Grenzwerte keine biologische Schutzkomponente enthalten und keine Dauerbelastung berücksichtigen. Das Europaparlament und der Europarat fordern gerade mit der Begründung, dass in den Grenzwerten Kinder, Schwangere [... blablabla usw. usf.].

Soso, "sofort abschalten" oder ersatzweise Kindergarten schließen. Der Rest ist das übliche Diagnose-Funk-Geschwafel mit Behauptungen, die wenig schmeichelhafte Rückschlüsse auf die fachliche Qualifikation, den Sachverstand und den Munitionsvorrat in diesem Anti-Mobilfunk-Verein zulassen.

Aber warum eigentlich "sofort abschalten"? Damit meine ich nicht den befremdlichen Umstand, dass dem Mobilfunkgegner für diese leichtfertig daher gesagte Forderung die Kompetenz fehlt. Um die Not der Eltern, sollte die Kita tatsächlich infolge subjektiver Ängste geschlossen werden, kümmert sich unser Mann sowieso nicht weiter, muss Mama oder Papa halt Urlaub nehmen. Doch zurück zur Sache. Bringt Hensinger irgendeinen belastbaren Fakt, der seine ungeheuerliche Forderung objektiv begründet, einen Messwert aus der Kita etwa oder einen von der Dachterrasse? Nein, er schwafelt lieber von politischen Beschlüssen und versucht krampfhaft seinen Verein ins Gespräch zu bringen.

Da Stuttgart weit weg ist, tu' auch ich mich schwer Fakten beizubringen. Unmöglich aber ist es nicht, denn mit Hilfe der Stuttgarter Zeitung konnte ich den Standort der Mobilfunkanlage über der Kita ausmachen und in der EMF-Datenbank der BNetzA finden. Da ist ordentlich was auf dem Dach dort, ich habe 30 Antennen gezählt, wobei die nicht alle auf dem Dach der Kita stehen. Worauf ich aber raus will sind die vertikalen Sicherheitsabstände der Antennen, diese Werte reichen von 32 cm bis 1,89 m (wobei der obere Wert wahrscheinlich für eine Antenne gilt, die nicht auf dem Dach der Kita steht, sondern an der Brüstung der Dachterrasse montiert ist. Diese Werte sind alle nicht gerade Besorgnis erregend.

Allerdings gibt es da noch den "standortbezogenen Sicherheitsabstand", der mit 3,23 m (Bereich 2) und 4,51 m (Bereich 2) erheblich größer ist. Die Bedeutung dieser Werte ist mir jedoch nicht zweifelsfrei klar, daran ändert auch die Erklärung der BNetzA nichts, die da lautet:

"Die Sicherheitsabstände der einzelnen Sendeantennen wurden entsprechend ihrer Montage und ihrer Abstrahlrichtung bereichsbezogen (Sektor) zu standortbezogenen Sicherheitsabständen zusammengefasst. Dabei wurde auch der Einfluss der relevanten Feldstärken von umliegenden ortsfesten Funkanlagen berücksichtigt."

Also, das kriege ich nicht auf die Reihe, denn die 30 Antennen auf dem Dach dort hängen nicht an einem einzigen Mast, sondern an fünf oder sechs, die auch nicht in einem Pulk stehen, sondern kreuz und quer auf dem Dach verteilt sind. Wo soll unter diesen Umständen das Maßband angelegt werden, um den "standortbezogenen Sicherheitsabstand" zu prüfen?

Im Gegensatz zu Peter Hensinger bin ich der Meinung, dass zuerst einmal die Immission in der Kita und auf der Dachterrasse von einem anerkannten EMF-Sachverständigen gemessen werden sollte, bevor Forderungen nach einer Abschaltung der Antennen oder die Schließung der Kita erhoben werden. Gut möglich, dass der Eindruck täuscht, und nur belanglose Werte gemessen werden. Da im Nahfeld von Antennenträgern jedoch inhomogene Feldverhältnisse vorherrschen, können ebenso gut stellenweise hohe Werte auftreten - das kann nur mit einer qualifizierten Messung mit z.B. 1 Meter Punktraster festgestellt werden, die nicht ganz billig sein dürfte.

Die von Herrn Hensinger beim Stuttgarter Wochenblatt ins Gespräch gebrachte freiwillige Vereinbarung für Stuttgart, mit Mobilfunkstandorten nicht näher als 200 m an eine Kita heranzurücken, habe ich gesucht, jedoch nicht gefunden, auch nicht auf der Website der Stadt Stuttgart. Dort angetroffen habe ich nur die "normale" freiwillige Selbstverpflichtung der Mobilfunkbetreiber, in der es keine 200-m-Abstandsregelung gibt, eher das Gegenteil.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Abstand, Nahfeld, Standortdatenbank, Sicherheitsabstand, Immission, Schwangere, Europarat, Stuttgarter Zeitung, Gesundheitsskandal


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