O Herr, verzeih ihnen nicht, denn sie wissen was sie tun (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 27.12.2013, 23:41 (vor 2772 Tagen) @ Kuddel

Die Broschüre (Stand Oktober 2013) kann >hier< als PDF geladen werden.

Wer ein wenig von dem versteht, um was es in dieser Broschüre geht, dem stellen sich tatsächlich schnell die Stacheln auf.

Nachfolgend nur ein Absatz aus der Einleitung, zersäbelt in seine Bestandteile, und kurz kommentiert:

Evolutionär bedingt hatte die Natur keinen Anlass, ein eigenes Sinnesorgan für die Wahrnehmung elektromagnetischer Felder beim Menschen zu entwickeln.

Falsch, dieses Sinnesorgan existiert und ist jedermann unter dem Begriff "Auge" bekannt. Zudem gibt es Rezeptoren in der Haut, die auf elektromagnetische Felder dicht unterhalb des sichtbaren Bereichs reagieren. Einfach mal einen Finger auf die heiße Herdplatte drücken, um zu testen, ob diese Rezeptoren noch funktionieren.

Aber: In einer im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) im Jahr 2006 in Deutschland durchgeführten Erhebung haben sich, wegen gesundheitlicher Risiken durch elektromagnetische Felder, sieben Prozent der Befragten als „ziemlich“ und zwei Prozent als „stark beeinträchtigt“ bezeichnet (BMU-2007-701). Neun Prozent bedeutet etwa sieben Millionen Menschen allein in Deutschland.

Nein, wie schrecklich!

Doch eine der Zahlen stimmt nicht: Statt zwei Prozent "stark beeinträchtigte" waren es bei der 2006-er Erhebung drei Prozent. Es kann doch nicht so schwer sein, wenigstens die Zahlen richtig abzuschreiben. Außerdem scheinen die Autoren des sogenannten Ratgebers nichts davon zu wissen, dass das BfS 2009 die Erhebung noch einmal hat machen lassen, und bei den aktuelleren Daten sind es dann tatsächlich nur noch zwei Prozent, die sich "stark beeinträchtigt" fühlen. Ein Prozent hin oder her ist jedoch belanglos, entscheidend ist, mit welcher Dreistigkeit der "Ratgeber" die Ergebnisse der BfS-Erhebung aus dem Zusammenhang reißt und für sich zu nutzen sucht. Das fängt damit an, dass sich die Deutschen vor ganz anderen Dingen (z.B. Gammelfleich) viel stärker fürchten als vor Mobilfunk und hört damit auf, dass selbstbekundete Meinungen immer ein subjektives Zerrbild der Realität sind, man möge sich nur vorstellen wie Autofahrer antworten, würden sie gefragt, ob sie gute oder schlechte Fahrer seien. Gäbe es wirklich sieben Millionen wissentlich (!) durch EMF Beeinträchtigte in Deutschland, der größte und bekannteste Verein für Elektrosensible mit Sitz in München müsste nicht mit einem Schwund von 280 auf gegenwärtig bescheidene 170 Mitglieder zu kämpfen haben.

Die Betonung auf "wissentlich" Betroffene habe ich gemacht, weil die Anti-Mobilfunk-Propaganda einem gerne weismachen möchte, die meisten Opfer litten unter EMF, ohne zu wissen, dass EMF die Ursache sei. Dieses Märchen haben die Autoren des "Ratgebers" der Szene jetzt unabsichtlich kaputt gemacht. Nämlich mit der Behauptung von den sieben Millionen, die sich infolge EMF-Einwirkung selbst mehr oder weniger durch EMF beeinträchtigt sehen. Dumm gelaufen, bislang ist mir diese Entlarvung der alten Lüge durch die BfS-Erhebungen nicht bewusst gewesen :waving:.

Zu einem ähnlichem Ergebnis kommt eine im Auftrag des BfS durchgeführte Münchener Studie zu Kindern und Jugendlichen: Sie berichtet von neun Prozent der Minderjährigen, die sich von der Strahlung beeinträchtigt fühlen, das sind bei zwölf Millionen Minderjährigen in Deutschland rd. eine Million Kinder.

Solange mir keiner das Gegenteil nachweist behaupte ich: Diese Angabe der Autoren ist gelogen. Bereits vor einem Jahr wurden die angeblich neun Prozent Minderjährigen fast wortwörtlich in dem unsäglichen Mobilfunk-Kinderflyer vorgetragen, den Diagnose-Funk, BUND, Stiftung Pandora und die sogenannte Kompetenzinitiative gemeinsam fabriziert haben. Dem Hessischen Kultusministerium war dieser Flyer so suspekt, dass es das Machwerk Mitte 2012 von seiner Website entfernte. Heute habe ich mir die Mühe gemacht, in der genannten Studie, es kann sich nur um diese handeln, nach der behaupteten Zahl zu forschen. Gefunden habe ich sie, jedoch in anderem Kontext, und wenn dieser tatsächlich der Ursprung der "neun Prozent" ist, dann wird der "Ratgeber" zum Witzblatt.

So, damit ist dieser eine Absatz aus der Einleitung des "Ratgebers" hinreichend gewürdigt.

Die Zitate, die "Kuddel" bereits eingebracht hat, zeigen einen bemerkenswerten Drang der Autoren zum Konjunktiv. Der Konjunktiv wird z.B. von Scharlatanen gerne benutzt, um Staatsanwälten keine Handhabe zu geben, tätig zu werden.

Elektrosmog kann unter anderem das vegetative und zentrale Nervensystem, Hormone, Chromosomen und Zellen beeinflussen und auch stören.

Schön, und die FDP kann in vier Jahren wieder in den Bundestag kommen - oder nicht.

Eine zu starke und zu lange Elektrosmogbelastung kann darüber hinaus zu verschiedenen, teils schweren Krankheiten führen.

Schön, und das NPD-Verbotsverfahren der Länder kann zum Verbot der NPD führen - oder nicht.

...neun Prozent der Minderjährigen, die sich von der Strahlung beeinträchtigt fühlen

Schön, und auf der A93 zwischen Wolnzach und Siegenburg fühle ich mich in meinem Opel wie Michael Schumacher - oder Sebastian Vettel. Wer diese Piste auch im Dunkeln schon gefahren ist, am besten bei Regen oder bei Schnee und Eis, weiß, wovon ich rede.

...Elektrosensibilität kann je nach Schweregrad zu einer deutlichen Minderung der Lebensqualität und der Arbeitsleistung führen.

Schön, und Ottfried Fischer kann Konfektionsgröße 102 tragen - wenn er nur will.

Insbesondere die Anwendung der Mobilfunktechnik zwingt immer öfter Menschen zur Aufgabe ihres Arbeitsplatzes und/oder zur Flucht aus ihrer eigenen Wohnung.

Woher wollt Ihr Pappnasen das denn wissen? Es gibt, von bloßen Behauptungen einmal abgesehen, dazu weit und breit keine unabhängig ermittelten Zahlen. Die Zahlen die ich zusammengetragen habe beweisen allesamt das glatte Gegenteil.

... Ziel sollte sein, das Auftreten der Elektrosensibilität durch vorbeugende Maßnahmen zu verhindern. Eine Elektrosensibilität sollte zu einem möglichst frühen Zeitpunkt erkannt werden.

Heißt im Klartext: Geht zu einem der szenebekannten Scharlatane, die euch mit nicht anerkannten alternativen Heilmethoden das Geld auf eure Kosten, und zu Recht nicht auf Kosten einer Krankenkasse, aus der Tasche ziehen.

..Diese Zusammenstellung soll ein Anstoß für Überlegungen zur Reduktion und Vermeidung von Elektrosmog in Ihrem persönlichen Lebensumfeld sein

Schön, Anstoß zum Profit machen.

Lassen Sie Elektrosmog messen....

... denn zum selber messen seid ihr zu "doof".

...Zertifizierte Messtechniker, die z.B. nach dem Standard der baubiologischen Messtechnik (SBM-2008) arbeiten, erstellen Ihnen auf Grundlage physikalischer Messtechnik reproduzierbare Messergebnisse und qualifizierte Bewertungen. Sollten Auffälligkeiten vorliegen, lassen sich entsprechende Sanierungskonzepte erarbeiten...

Also, mMn sind Veranstalter von Kaffeefahrten im Vergleich zu diesen Versprechungen so seriös wie Deutschbanker, die nicht im Investementzweig der Bank beschäftigt sind.

Kontaktadressen finden Sie am Ende des Ratgebers.

Selbstverständlich - was sonst.

--
Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Stuttgart, Mitglied, Zerrbild, Flyer, Krankenkasse, Senioren, Taschenspielertrick, Vereinsmeier, Kaffeefahrt, Selbstbefruchtung, Ursprung


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