Prof. A. ./. IZgMF (Allgemein)

Sektor3, Mittwoch, 23.09.2009, 09:56 (vor 4818 Tagen) @ H. Lamarr

Über den Umgang der Tabakindustrie mit Kritikern - oder warum ich anonym bleiben möchte:

Im Stern 45/2002 steht folgende Geschichte:

Die Umzugspapiere erzählen auch eine abenteuerliche Geschichte vom Anfang der 90er Jahre. Damals schrieb Burckhard Junge vom Bundesgesundheitsamt (BGA) eine Reihe von Aufsätzen über die Gefährlichkeit des Passivrauchens. Die Tabakindustrie ärgerte sich über den »untergeordneten Mitarbeiter des BGA« und dessen Chef, Professor Hans Hoffmeister. Sie hätten, so steht in den internen Papieren, »eine sehr aggressive ... Position zum Passivrauchen«. In einem Text heißt es deutlich: »Wegen der ... negativen Diskussion über die Auswirkungen des Passivrauchens ist eine offensive Vorgehensweise angezeigt.« Da musste Brückner ran.
Der arbeitete mit dem Berliner Journalisten Hans-Joachim Maes und dessen Agentur »Prema« (heute »W + D«) zusammen. Ansatzpunkt der Recherchen war die »Deutsche Herz-Kreislauf-Präventionsstudie« (DHP), an der Hoffmeister und Junge damals mitarbeiteten. Dieses bundesweit laufende Projekt sollte unter anderem durch Raucherentwöhnung Herzinfarkten vorbeugen. Brückner: »So was kann der Maes ganz prima. Wir vermuteten unregelmäßigkeiten.« Außerdem hatte Maes eine einschlägige Empfehlung: Die Prema stand auf der Berater-Honorarliste eines Automatenherstellers. Eine von Maes' Spezialitäten war der Verkauf von angeblich unabhängig recherchierten Storys, hinter denen in Wahrheit ein zahlender Auftraggeber stand.

»Eine Mitarbeiterin der Prema stellte sich 1990 bei uns als freie Journalistin vor und bekam alle gewünschten Auskünfte», erinnert sich Hans Hoffmeister. Was er nicht ahnte: Die Prema schickte per Brief Informationen über ihn an den Verband der Tabakindustrie. Hans-Joachim Maes nennt die Vorwürfe «Unsinn», will aber «nichts weiter dazu sagen». Im Juli 1991 wurde Hoffmeisters Büroschreibtisch aufgebrochen. Akten verschwanden und tauchten später plötzlich wieder auf. Am 28. November 1991 stiegen Unbekannte in sein Haus ein. Die Schreibtische wurden durchwühlt und das Schmuckkästchen seiner Frau im ersten Stock. Gestohlen wurde nichts, auch nicht die 3.000 Mark Bargeld, die offen herumlagen. Ein Täter konnte nicht ermittelt werden. Anhaltspunkte für eine Verwicklung von Hans-Joachim Maes und der Prema-Agentur in diese Vorfälle gibt es nicht.

Am 9. Dezember 1991 verschickte Maes sein Themenangebot »Direktor des Bundesgesundheitsamtes im Zwielicht« an mehrere Redaktionen. Die DHP-Studie
sei »eine komplette Täuschung« und »Subventionsbetrug«. Viele Zeitungen bissen an. Im April 1992 legte Journalist Maes persönlich im »Spandauer Volksblatt« nach: Hoffmeister habe »berechnete Arbeiten nicht geleistet«, »Literaturhinweise getürkt« und »Umfrageergebnisse im Büro erfunden«. Der angegriffene Professor: »Mein Ruf war lange Zeit ruiniert.« Kaum jemand nahm Notiz davon, dass Maes sich im September 1992 vor Gericht verpflichten musste, seine falschen Behauptungen nicht zu wiederholen. Dennoch wurden Hoffmeister und Junge im Rahmen der Kampagne bei der Steuer angeschwärzt. Und prompt kam am 1. Dezember 1992 der nächste Schlag: Die Staatsanwaltschaft machte bei beiden Beamten Hausdurchsuchungen. Vorwurf: Untreue und Steuerhinterziehung in Sachen
DHP-Studie. »Merkwürdigerweise wussten die schon vorher, wo die Schreibtische und das Schmuckkästchen waren«, wunderte sich Hoffmeister. Und merkwürdigerweise erfuhr auch der »Spiegel« umgehend von der Aktion.
Unter der Überschrift »Position des Bundesgesundheitsamtes in Sachen Passivrauchen« meldete Ernst Brückner am 9. Dezember 1992 den »Herren Mitgliedern des Vorstandes« mit folgenden Worten Vollzug: »Seit längerer Zeit berichten wir darüber, dass die Haltung des Bundesgesundheitsamtes zur Frage des Passivrauchens von zwei dort tätigen Beamten maßgeblich bestimmt wird und zwar den Herren Hoffmeister und Junge... Wir haben aufgrund von Informationen seit jeher den Verdacht gehabt, dass Herr Junge sich im Zusammenhang mit der sogenannten DHP-Studie unseriös verhalten hat. Nunmehr verweisen wir auf die im jüngsten Spiegel erschienene Notiz, wonach die Staatsanwaltschaft gegen die beiden Herren ... ermittelt.« Keiner der Vorwürfe gegen Hoffmeister und Junge war berechtigt. Alle Verfahren wurden eingestellt, beide voll rehabilitiert. Doch als im Oktober 1993 das Bundesgesundheitsamt aufgelöst wurde, brüstete sich Maes noch einmal in der »Berliner Zeitung«: »Junge und Hoffmeister haben nach Bonner Gerüchten den letzten Anstoß zur Auflösung gegeben.«

Tags:
Lobbyarbeit, Tabakindustrie, Passivrauchen, Staatsanwaltschaft, Jung, Hoffmeister, Hausdurchsuchung


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