Über das Versagen der Anti-Mobilfunk-Vereine in der EHS-Frage (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 28.10.2019, 17:55 (vor 47 Tagen) @ H. Lamarr

Meinungsgegner entwerten und sie so ihrer Wirkung berauben ist eine gängige Methode, wenn Gegner im Kampf um die Deutungshoheit mit Sachargumenten nicht zu knacken sind. In der Mobilfunkdebatte sehen sich nicht wenige einflussreiche Wissenschaftler diesem Streitmittel durch angriffslustige Mobilfunkgegner ausgesetzt. Kürzlich erwischte es in der Schweiz den Wissenschaftler Prof. Martin Röösli auf besondere Weise: Nicht Personen oder Vereine der Mobilfunkgegner versuchten ihn zu entwerten, sondern die Konsumentenzeitschrift Gesundheitstipp. <Hier> die Geschichte von dieser journalistischen Entgleisung.

Das Magazin Gesundheitstipp nörgelt in seinem Angriff auf Röösli auch an der alten ETH-Studie aus dem Jahr 2006 herum:

Was die Studie verschwieg: Einige Teilnehmer spürten sehr wohl gesundheitliche Folgen. So berichtete Armin Furrer aus Ausserberg VS im «K-Tipp» (12/2006): «Mir war nachher stundenlang schlecht.» Ein anderer Teilnehmer klagte über Migräne und Zahnschmerzen.

Diese Passage zeigt, die Autorin des Artikels hat die ETH-Studie in keiner Weise verstanden und die Redaktionen von Gesundheitstipp/K-Tipp haben seit 2006 nichts hinzugelernt. Denn inzwischen sollte es sich herumgesprochen haben: Wer einen verloren gegangenen Autoschlüssel sucht und während der Suche den Haustürschlüssel eines anderen findet, der kann damit nichts anfangen. Womit ich sagen will: Das Design der ETH-Studie war NICHT darauf ausgelegt, individuelle "Elektrosensible" aufzuspüren, sondern darauf zu klären, ob das Phänomen "Elektrosensibilität" als Bevölkerungsgruppe existiert. Das Ergebnis war für "Elektrosensible" niederschmetternd, denn die ETH-Studie fand mit einem p-Wert von 0,89 heraus, dass die Gruppe der selbstdeklarierten Elektrosensiblen beim Feldwahrnehmungstest ziemlich genau der statistisch erwarteten Zufallsverteilung entsprach. Mit anderen Worten: "Elektrosensible" konnten UMTS-Funkfelder nicht besser erspüren als Gesunde, die einfach nur geraten haben, wie stark sie momentan befeldet wurden.

Plaudern, Schwafeln, Kolportieren

Seit mehr als zehn Jahren versuchen nun die Anti-Mobilfunk-Szene und ihre Helfer dieses für sie unerfreuliche Studienresultat mit anekdotischen Erfahrungsberichten von Studienteilnehmern zu zerreden, zuletzt im Juni 2019 Gesundheitstipp-Reporterin Baumann. Doch wer sich auf Armin Furrer oder einen anderen der insgesamt vier Geschichtenerzähler beruft, um die ETH-Studie zu entwerten, der macht deutlich, von der Sache nichts zu verstehen. Dabei ist das, wenn man nur will, nicht sonderlich schwierig.

Die Anekdoten der vier Geschichtenerzähler stehen nicht im Widerspruch zum Ergebnis der ETH-Studie, die geschilderten Beschweren der vier nach starker Befeldung müssen keineswegs Hirngespinste sein, sie können seinerzeit sehr wohl den Tatsachen entsprochen haben! Unzulässig ist jedoch der Versuch, dies der ETH-Studie als Vertuschung anzulasten. Denn weil die ETH-Studie als Gruppenstudie entworfen war und nicht als Individualstudie, blieben die Reaktionen der vier auf der Strecke. Da diese Erklärung reichlich abstrakt ist, hier die Auflösung des vermeintlichen Rätsels. Die ETH-Studie setzte jeden Probanden in nur drei Expositionssitzungen in zufälliger Reihenfolge den Expositionen 0 V/m (Scheinbefeldung), 1 V/m und 10 V/m aus. Selbst wer nur wenig von Statistik versteht kann an der Anzahl der Sitzungen erahnen, diese war zu gering, um für jeden einzelnen Teilnehmer mit Bestimmtheit (Irrtumswahrscheinlichkeit < 5 %) sagen zu können, er habe eine zutreffende Feldwahrnehmung gehabt. Erst in der Gruppenauswertung mit ihren vielen Teilnehmern führten nur drei Expositionssitzungen pro Teilnehmer zu statistisch belastbaren Ergebnissen. Individualtests wären erst bei mehr als nur drei Expositionssitzungen belastbar gewesen, denn bei nur drei Sitzungen ist die Trefferquote durch bloßes Raten noch unzulässig hoch (mehr dazu <hier> im Textkasten "Wahrscheinlich unwahrscheinlich").

Abwegig ist auch der Verdacht, die ETH-Studie wäre gezielt so entworfen worden, dass sie einzelne echte "Elektrosensible" nicht hat finden können. Wer dies behauptet übersieht, die Designer der Studie hatten keine freie Hand. Denn die ETH-Studie war als Wiederholung der TNO-Studie geplant, um deren Ergebnisse zu bestätigen oder zu entkräften. Die Untersuchung auf Gruppenebene wurde von der TNO-Studie vorgegeben, ein anderes Design war der ETH-Studie nicht möglich, um als TNO-Replikation anerkannt zu werden.

Das Versagen der Anti-Mobilfunk-Vereine in der EHS-Frage

Die Kritiken an der ETH-Studie seitens Mobilfunkgegnern, Geschäftemachern mit der Angst vor Elektrosmog und einigen Medien sind nicht nur unqualifiziert, sie sind sogar schädlich. Denn das substanzschwache Gerede verdeckt die Sicht auf Individualstudien, die mit ausreichend hoher Anzahl an Expositionssitzungen zu statistisch belastbaren Ergebnissen bei einzelnen "Elektrosensiblen" führen könnten. So wäre es weltweit schon eine Sensation, gelänge es auf diese Weise auch nur, einen einzigen echten "Elektrosensiblen" zu finden. Die Vereine der Anti-Mobilfunk-Szene aber denken nicht daran, einen solchen Vorschlag mit vereinten Kräften an die seriöse Wissenschaft heran zu tragen und bei der Finanzierung des Vorhabens mitzuhelfen. Keiner der Vereine tut wirklich etwas für "Elektrosensible", sie tun stattdessen viel, um sich und ihre Vorstände öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen und Geld für blödsinnige Aktionen wie Kundgebungen gegen 5G einzusammeln.

Das ist ein großes Ärgernis. Der Szene fehlt es seit jeher an ernst zu nehmenden Persönlichkeiten, die frei von Profilneurosen und mit einem Schuss fachlichem Charisma ausgestattet imstande sind, außerhalb der Blase der Mobilfunkgegner Anerkennung zu finden. Solche Leute aber braucht die Szene dringend, um z.B. die Idee der Individualtests für "Elektrosensible" professionell umzusetzen. Denn die Wissenschaft springt auf solche Tests von allein nicht an. Wenn schon auf Gruppenebene nichts zu finden ist, so habe ich vernommen, sind Tests auf Individualebene gar nicht erst erforderlich. Das mag logisch richtig sein. Denn negative Tests auf Gruppenebene besagen, in einer untersuchten Gruppe sind mit hoher Wahrscheinlichkeit keine echten "Elektrosensiblen" enthalten. Der sensationelle Einzelfall, der die Unterwelt der "Elektrosensiblen" schlagartig nach oben katapultieren würde, lässt sich so aber nicht aufspüren.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Seilschaft, Netzwerk, Individualtest, Kommerz, UMTS, K-Tipp, Gesundheitstipp, Baumann


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