Falschmeldung: Fehlgeburten wegen W-Lan-Strahlung (Medien)

H. Lamarr @, München, Montag, 18.12.2017, 20:28 (vor 699 Tagen)

Silicon-Chefredakteur Peter Marwan schreckt am 16. Dezember 2017 seine Leser auf mit der Titelzeile Studie legt Zusammenhang zwischen WLAN-Strahlung und Fehlgeburten nahe. Im Vorspann seines Artikels schreibt Marwan:

Konkret geht es um nicht-ionisierende Strahlung. Die kann außer von WLAN-Geräten auch von Mobilfunknetzen, anderen Funknetzwerke sowie zahlreichen elektrischen Geräten abgegeben werden. Höhere Strahlenbelastung kann demnach die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt verdreifachen.

Doch die dramatische Meldung ist falsch. Mit Funk hat die Studie, auf deren Volltext Marwan sogar noch ordentlich verlinkt, nicht das Geringste zu tun, denn es geht um niederfrequente Magnetfeldexposition, wie sie überall dort vorkommt, wo elektrische Ströme fließen. Je stärker die Ströme, desto stärker auch das dadurch entstehende Magnetfeld. Starke magnetische Wechselfelder sind in unmittelbarer Nähe von Hochspannungsseilen zu messen, im Nahfeld von Schweißrobotern oder (im häuslichen Umfeld) bei Nachtspeicheröfen oder Elektroherden (besonders Induktionsherde). W-Lan, Mobilfunk und Funknetzwerke verursachen keine niederfrequenten Magnetfelder, sondern hochfrequente elektromagnetische Felder, die biologisch eine völlig andere Wirkung haben. Mit zunehmendem Abstand r von stromführenden Leitern fällt die Exposition je nach Beschaffenheit der Leiter mit 1/r bis 1/r³ schnell ab, ein Verdopplung des Abstands von z.B. 10 cm auf 20 cm reduziert die Immission also mindestens auf 50 Prozent des ursprünglichen Werts und maximal auf 0,05 Prozent. Hierzulande sind bei 50 Hz Haushaltsstrom maximal 200 µT Immission (magnetische Flussdichte) zulässig.

Fehlgeburtenrisiko 3-fach erhöht
Die besagte Studie hat nun beobachtet: Wirken auf Schwangere mehr als 0,25 µT ein, steigt das Risiko einer Fehlgeburt um nahezu das 3-fache an. Das ist schlecht. Doch die Studie hat die systematische Schwäche, dass die Messwertermittlung nur an einem einzigen Tag (Tag mit typischem Tagesablauf einer Probandin) während der Schwangerschaft stattfand. Gemessen wurde über 24 Stunden hinweg mit einem "Emdex Lite".

106 Frauen waren weniger als 0,25 µT ausgesetzt, in dieser Gruppe kam es zu elf Fehlgeburten ((10,4 %).
116 Frauen waren 0,25 µT bis 0,36 µT ausgesetzt, in dieser Gruppe kam es zu 32 Fehlgeburten (27,6 %).
119 Frauen waren 0,37 µT bis 0,62 µT ausgesetzt, in dieser Gruppe kam es zu 31 Fehlgeburten (26,1 %).
112 Frauen waren mehr als 0,62 µT ausgesetzt, in dieser Gruppe kam es zu 21 Fehlgeburten (18,8 %).

Die genannten Expositionswerte sind nicht Maximalwerte oder Mittelwerte, sondern die 99. Perzentile der Messwerte (heißt: 1 Prozent der Messwerte lag höher).

Die sprunghafte Zunahme der Fehlgeburten bei Exposition > 0,25 µT ist offensichtlich. Bemerkenswert ist jedoch auch das Fehlen einer Dosis-Wirkung-Beziehung, mit steigender Exposition nimmt die Anzahl der Fehlgeburten nicht zu, sondern ab. Hier stimmt also der erwartbare biologische Gradient nicht, der einer von neun Indikatoren für einen Kausalzusammenhang zwischen Ursache und Wirkung wäre (Bradford-Hill-Kriterien).

Vorsorge ist besser als Fehlgeburt
Auch wenn 200 µT zulässig sind, in Wohnräumen werden nur selten Werte über 0,2 µT erreicht. Es besteht also kein Grund zur Panik, vorsorglich sollten sich Schwangere jedoch informieren, wo mit starken Magnetfeldern zu rechnen ist und diese meiden. Wer mit dem Gedanken spielt, einen Induktionsherd anzuschaffen, sollte mMn damit vorsichtshalber besser bis nach der Schwangerschaft warten. Aufregung ist erst dann angesagt, wenn die Studie von Li et al. unabhängig repliziert werden kann, am besten gleich 2-mal. Dann dürfte sich ICNIRP dafür interessieren und erkunden, ob am Studiendesign der Wurm drin ist oder ob die abgeleiteten Grenzwerte für Magnetfeldimmission noch einmal überdacht werden müssen. Die abgeleiteten Grenzwerte (50 Hz) wurden erst 2014 von ICNIRP von 100 µT auf 200 µT angehoben mit der Begründung, dass trotz dieser Verdopplung der unverändert gültige Basisgrenzwert (2 mA/m²) sicher eingehalten werde. Der Basisgrenzwert ist der wichtigere weil der biologisch relevante Grenzwert. Abgeleitete Grenzwerte sind lediglich eine einfach messbare Hilfskonstruktion, denn der Basisgrenzwert ist so schwierig zu messen, dass dies nur in Laboren gelingt.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Medien, Falschmeldung, W-LAN, Magnetfeld, Schwangere, Schwangerschaft, Dosis-Wirkungs-Beziehung, Fehlgeburt, Induktionsherd


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