Ein "Low-Budget-Versuch" mit Fruchtfliegen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 25.10.2017, 11:41 (vor 1866 Tagen) @ H. Lamarr

Im Gigaherz-Forum schlägt Teilnehmer "Laborratte" einen Low-Budget-Versuch vor, um das Rätsel ums Insektensterben zu lösen. Eigentlich ein großer Freund von Bordmitteltests bin ich mit dem Vorschlag nicht glücklich, denn "Laborratte" gehört zu den "Wissenden", die eine Schadwirkung von EMF nicht fragend vermuten, sondern glauben diese zu wissen. So steht bei diesem Teilnehmer das Ergebnis bereits fest bevor der Versuch überhaupt begonnen hat. Hier forscht keiner, hier will einer etwas beweisen. Zeugt der Versuchsansatz von fehlender Ergebnisoffenheit, gibt es auch am Versuchsdesign etwas zu meckern.

Wer herausfinden möchte, wie sich die elektromagnetischen Felder von Mobilfunkantennen auf Insekten auswirken, kann dies mit einem kostengünstigen Versuch selber herausfinden.

Das hört sich vielversprechend an, Zweifel am schrecklichen Ergebnis scheint "Laborratte" nicht zu haben. Doch wenn es so wäre, wie es suggeriert wird, hätte die (seriöse) Wissenschaft diese Beobachtung längst bestätigt. Hat sie aber nicht. Tote Fruchtfliegen und EMF sind bevorzugte Themen von Pseudowissenschaftlern und Jugend-forscht-Experimenten.

1. Man (oder Frau) züchte sich ein paar Dutzend Fruchtfliegen. Das geht einfach mit ein paar fauligen Äpfeln oder Birnen in einem kleinen und sehr leichten Kunststoffbehälter.

Ich nehme an, der Deckel soll erstmal nicht auf dem Behälter sein ...

2. Wenn ausreichend Fliegen gezüchtet wurden, nehme man den Apfel respektive die Birne aus dem Behälter und verschliesse ihn gut.

Luftdicht?

3. Danach nehme man ein paar mit Gas gefüllte Ballons und binde diese an den Kunststoffbehälter. Das Ganze befestigt man danach an eine Rolle Bindfaden oder an eine Fischerleine.

Gefüllte Gasballons sind ausgesprochen schwierig zu beschaffen, das grenzt die Teilnehmerzahl stark ein. Aber gut, nehmen wir an dieses Problem sei zu lösen.

4. Mit diesem "schwebenden" Kleinstlabor begebe man sich zum nächsten Antennenmast und lasse es direkt zu einer Sektorantenne hochschweben. Wieviele Fliegen leben noch noch 30, 60, 90, 120, ... Minuten Exposition?

Wieso sollten sie nicht alle leben, wenn sie nicht erstickt sind? Und wie zähle ich überhaupt die Anzahl der Tierchen, die stehen ja nicht in Zweierreihen ...

5. Können sich die überlebenden Fliegen noch vermehren und wenn ja, was für Defekte hat die neue Generation?

Und wie bitte soll ich diese "Defekte" erkennen, haben defekte Fruchtfliegen zwei Köpfe, mehr Beine und weniger Flügel? Wegen fehlender Definition sind hier Fehlinterpretationen Tür und Tor geöffnet. Und sollten tatsächlich augenscheinliche Defekte zu sehen sein ist die Ursache unbekannt, es könnten ja neben EMF alle möglichen Einflüsse auf die Fliegen eingewirkt haben, z.B. Spitzmittelrückstände auf dem faulen Apfel. Das Versuchsdesign ist grundsätzlich fehlerhaft, denn es fehlt eine unter sonst gleichen Bedingungen gehaltene unbestrahlte Kontrollgruppe, mit der sich versteckte Nebenwirkungen erkennen lassen.

6. Wenn man zusätzlich die abgestrahlte Sendeleistung der Antenne bzw. den anlagebezogenen Sicherheitsabstand (dort wo die Immissionsgrenzwerte eingehalten sein müssen) erfahren möchte, schaut man in der Datenbank der Bundesnetzagentur nach.
http://emf3.bundesnetzagentur.de/karte/Default.aspx

Dieser Tipp ist völlig wertlos, denn die BNetzA nennt keine Sendeleistung und der anlagenbezogene Sicherheitsabstand gilt für die beantragte maximale Sendeleistung einer Antenne, die mit der tatsächlichen Sendeleistung nur insofern etwas zu tun hat, dass sie stets höher als diese ist. Aus dem Sicherheitsabstand lässt sich die momentane Sendeleistung und damit die Exposition der Fliegen nicht ableiten. Was überhaupt sollen Schweizer mit Sendemastdaten aus Deutschland anfangen?

7. Der vorgeschlagene Versuch sollten wohl besser in der warmen Jahreszeit und bei Windstille durchgeführt werden.

Logisch, wo sollen denn sonst die Fruchtfliegen der Elterngeneration herkommen.

Fühlen sich vielleicht Pädagogen herausgefordert, so einen Versuch im Biologieunterricht durchzuführen?

Gott behüte, nein! Der Versuch ist sogar für Waldorfschulen viel zu umständlich und zu vage dokumentiert. Wie weit dürfen z.B. die Ballons von einer Antenne entfernt sein, damit die EMF noch meuchelt? Viel einfacher wäre es, die gezüchteten Fruchtfliegen in ca. 40 cm Abstand neben die Antennen eines W-Lan-Routers zu stellen und zu beobachten, ob etwas passiert. Ich habe dies einmal mit frisch angesäter Kresse gemacht, die, entgegen anderer Schilderungen, bei mir von den EMF völlig unbeeindruckt blieb und so hervorragend gut gedieh, dass sie nach Versuchsende verspeist wurde. Das Kresseexperiment ist noch viel einfacher als das Fruchtfliegenexperiment. Dennoch brauchte ich Jahre, um mich dazu aufzuraffen. Aus meiner Sicht wissen durchtriebene Mobilfunkgegner ob dieser Trägheit im Volk und behaupten daher mit angeblichen Experimenten das Blaue vom Himmel herunter. Das Risiko erwischt zu werden ist klein und die Behauptung "unter EMF gehen Fruchtfliegen ein oder Kresse gedeiht nicht" steht erstmal jahrelang im Raum und verunsichert die Leute ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Pseudowissenschaft, Insektensterben, Fruchtfliegen, Insekten


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