Angst vor Sendemasten: Irrationales ins Bild gesetzt (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 16.04.2011, 13:31 (vor 3158 Tagen)

Der Schauplatz: Rimbach, ein Örtchen, beschaulich gelegen in der Oberpfalz.

Das Angstobjekt
: Im November 2003 errichtete dort die Deutsche Telekom die nachfolgend abgebildete Mobilfunk-Basisstation, die nach Auskunft der örtlichen Bürgerinitiative einst mit maximal 10 Watt Sendeleistung betrieben wurde. Der Sender steht rund 700 Meter vom Ortszentrum entfernt auf einem gegenüberliegenden Hang am Rande eines Waldstücks.

Dieser Sendemast in 700 Meter Entfernung macht den Rimbachern Angst

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Kleine Chronik der Angst: Bereits am 29. August 2001 hatte die Gemeinde den Bau der Anlage öffentlich angekündigt, damals bildet sich eine Bürgerinitiative (BI) von etwa 30 Personen, die gegen den Bau der Anlage ist. Nur einen Monat später übergibt die BI eine Liste mit 672 Unterschriften an den Bürgermeister von Rimbach, mit der Bitte, die Deutsche Telekom damit von ihrem Vorhaben abzubringen, den Sender zu errichten.

Am 5. Oktober 2001 referiert Siegfried Zwerenz von der Bürgerwelle in Rimbach. Sein Vortrag hat den Titel "Grenzwerte schützen nicht vor Gefahren".

Am 28. November 2003 reist Dr. Scheiner aus München an und erklärt den Bürgern im Cafe Frank: „Mobilfunk wirkt wie ein Handkantenschlag auf die Gesundheit“. Die Ausführungen des Mediziners stoßen auf große Resonanz. Erneut bildet sich an diesem Abend heftiger Widerstand gegen den inzwischen begonnenen Bau der Sendeanlage.

Weil sich Bau und Inbetriebnahme der Sendeanlage nicht verhindern lassen, startet die BI Ende Januar 2004 eine spektakuläre Aktion: Das Blutbild der Rimbacher Bürger soll über längere Zeit beobachtet werden, um zu zeigen, dass es sich unter Einwirkung der Funkwellen, die von der Sendeanlage ausgehen, verändert. Im Jahr 2006 wurden erste Ergebnisse dieser Untersuchung vorgestellt, die jedoch unspektakulär waren. Eine erneute Auswertung der Daten wurde 2011 publiziert, diesmal hieß es, die beobachteten Veränderungen im Blutbild hätten erhebliche gesundheitliche Relevanz und führten erfahrungsgemäß langfristig zu Gesundheitsschäden.

Soweit die Chronik des Mobilfunk-Senders am Rande von Rimbach.

Das Nicht-Angst-Objekt: Was bei alledem komplett ausgespart wird ist ein ganz anderer Sender (am Hohen Bogen), der nur etwa 2,3 km weit von Rimbach weg ist und mit dem mickrigen Mobilfunksender nicht das geringste gemein hat, wie folgendes Bild verdeutlicht:

Dieser Funkturm in 2,3 km Entfernung macht den Rimbachern keine Angst
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Bild: Wikipedia

Dieser mächtige Sendeturm des Bayerischen Rundfunks ist 72 Meter hoch und steht seit 1965 dort an Ort und Stelle. Ausgestrahlt werden Analog-Radio (UKW), Digital-Radio (DRB) und Digital-Fernsehen (DVB-T) mit einer Strahlungsleistung von jeweils bis zu 100'000 Watt.

Fazit: Seit 1965 lebten die Rimbacher friedlich mit einem mächtigen Sendeturm in 2300 Meter Entfernung, von irgendwelchen Beschwerden wegen dieses Turms ist nichts bekannt. Erst ein geplanter kleiner Mobilfunksender sorgt ab 2001 für Unruhe in der Bevölkerung. Der Standort liegt mit 700 Meter Entfernung zwar näher, dafür ist die Sendeleistung um geschätzt den Faktor 10'000 geringer als bei dem großen Funkturm. Die Angst der Bürger bekommt von zwei Referenten aus der Szene weiter Nahrung, beide sind keine Wissenschaftler, sondern Autodidakten, die dem Interessenkonflikt unterliegen Vorteile zu haben, je größer die Angst vor Elektrosmog ist. Eine objektive Aufklärung ist von diesen Referenten nicht zu erwarten gewesen, andere aber wurden in Rimbach nicht wahrgenommen.

Wer die beiden Bilder der Sendeanlagen oben leidenschaftslos ansieht, wird mMn nicht umhin kommen, sich einzugestehen, dass in Rimbach etwas gewaltig schief gelaufen ist. Die Bürger dort sind durch die weit verbreitete Desinformation über angebliche biologische Schäden schon bei kleinste Immissionen, wenn sie denn "gepulst" sind, in die Irre geführt worden. Sie haben nur noch den mickrigen aber neuen Mobilfunksender gesehen, den alten mächtigen Funkturm dagegen komplett ausgeblendet. Die Desinformation hat Erstaunliches geleistet, ihr gelang es die harmlose Mücke zum wütenden Elefantenbullen aufzublähen.

Wahrscheinlich ist das Zauberwort von der "gepulsten" Strahlung dafür verantwortlich. Diese aber ist bislang von der Wissenschaft in keiner Weise als besonders schädlich ausgemacht worden und es ist durchaus denkbar, dass die "Pulsung" nur ein künstlich hoch gespieltes Scheinargument von Sendemastengegnern ist, um die vermeintlich neue Gefahr durch Mobilfunksender von alten harmlosen Rundfunksendern abzugrenzen, denn nur so ist der Widerspruch zu beseitigen, dass die starken Rundfunksender der Bevölkerung seit fast 100 Jahren nichts angetan haben. Wahr ist, dass einige Studien unter gepulster Befeldung Effekte beobachtet haben, die unter ungepulster Befeldung nicht auftraten. Welche biologische Wirkung diese Effekte haben ist indes völlig ungewiss, es können positive wie negative sein. Beispiel: Der Effekt, dass sich bei Lichteinfall eine Pupille verengt, ist zweifellos real, eine Gefährdung des Menschen geht davon jedoch nicht nicht aus, im Gegenteil. Andere Studien zeigen beim Vergleich gepulster/ungepulster Befeldung keine Unterschiede - die Wissenschaft ist auf diesem Gebiet noch nicht so weit, für alles eine Erklärung geben zu können. Diese Erklärung geben allerdings auch nicht die beiden Autoren der Rimbach-Studie (2011), die sich nicht darum kümmerten, was vor 2004 in Rimbach an Funkfeldern vom großen Funkturm ankam, sondern davon ausgehen, dass vor 2004 die Rimbacher "unbelastet" waren. Die bei Elmar genannten Messwerte geben z.B. keinen Aufschluss darüber, wieviel von dem Funkturm des Rundfunks kommt und wieviel von dem Mobilfunk-Sendemast. Weist die Studie dies nicht explizit aus, ist das Fundament ihrer Betrachtungen so wackelig wie derzeit die Erde in Japan und sie vermittelt nur eine Scheinwirklichkeit.

Hintergrund
http://www.izgmf.de/scripts/forum/index.php?mode=thread&id=45112#p45112

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
, Chronik, Rimbach, Messwerte, Elefanten


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