"Elektrosensible" Milliardärin finanziert Dariusz' EHS-Projekt (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Montag, 18.04.2022, 20:59 (vor 73 Tagen) @ H. Lamarr

Eine hierzulande völlig unbekannte finnische Stiftung für Elektrosensibilität (Sähköherkkyyssäätiö) finanziert Dariusz Leszczynskis EHS-Projekt. Na und, möchte man meinen, griff doch die deutsche Stiftung Pandora auch schon einmal dem Schweden Lennart Hardell finanziell unter die Arme. Die beiden ähnlichen Vorfälle unterscheiden sich im wichtigsten Punkt, dem Geld. Während Pandora um Spenden betteln musste, damit 50'000 Euro zusammen kamen, hat die finnische Stiftung von Anfang an Millionen in der Kasse. Hier die prickelnde Story, die im Wesentlichen von einer finnischen Journalistengruppe recherchiert wurde.

Mit Sähköherkkyyssäätiö ist das so eine Sache. Bisher haben wir diese Stiftung gerade 1-mal kurz erwähnt – und dabei doch nur die Spitze eines schwimmenden Eisbergs gesehen.

Wikipedia (Finnland) weiß schon etwas mehr zu berichten:

[...] Sähköherkkyyssäätiö sr ist eine im Stiftungsregister eingetragene finnische Stiftung, deren Ziel es ist, die Lebensqualität und das Wohlergehen von Menschen mit Elektrosensibilität zu unterstützen und die Erforschung der Elektrosensibilität zu fördern.

Die Stiftung wurde im November 2016 gegründet und registriert und nahm ihre Tätigkeit im Frühjahr 2017 auf. Die Stiftung hat Büros in Helsinki und Turku. Im Oktober 2017 eröffnete die Stiftung eine Peer-Support-Hotline und einen Dienst zur Messung elektromagnetischer Felder.

Kritik

Laut MOT, dem Programm für investigativen Journalismus von Yle, hat die Stiftung unter anderem die Werbekosten für eine Kampagne gegen den Bau eines 5G-Mobilfunknetzes finanziert und Menschen, die wegen der Strahlung besorgt sind, geraten, einen Umzug in Erwägung zu ziehen. Vertreter der Stiftung lehnten ein Interview ab, und die Stiftung hat MOT nicht erklärt, warum sie Menschen auf diese Weise berät.

Nach Angaben von MOT besteht die Haupttätigkeit der Stiftung in der Beratung von Menschen mit Elektrosensibilität und dem Betrieb eines Zubehörgeschäfts. In den ersten Jahren ihres Bestehens hat die Stiftung Hilfsmittel an über 100 Personen verliehen. Die Stiftung leiht die Geräte kostenlos aus. Wenn eine Person nach der Testphase das Gerät kaufen möchte, stellt die Stiftung die Kontaktdaten der Händler zur Verfügung.

Laut MOT sind mobile Strahlenschutzgeräte ein wachsendes Geschäft, das auf zweifelhaften Behauptungen über die Gefahren der Strahlung beruht. Keiner der von Yle befragten medizinischen Experten empfahl einen Schutz vor Handystrahlung. Sie argumentierten, dass die Symptome nicht durch die Strahlung, sondern durch den Nocebo-Effekt verursacht werden und dass die Verwendung von Hilfsgeräten die Symptome eher verschlimmern als verringern kann.

Das liest sich jetzt noch nicht ganz so prickelnd, könnte es sich doch auch hierzulande mit einem der üblichen Verdächtigen so oder so ähnlich zugetragen haben.

Die Story in Finnland hat aber ein finanziell dickes Ende, gegenüber dem das Millionärsehepaar Hensinger geradezu wie arme Schlucker aussehen.

Vorne Stiftung, hinten Baubiologe

Im Januar 2022 berichtete MOT weitere Details über die Stiftung für Elektrosensibilität, die einem den Atem anhalten lassen. Zunächst macht der Artikel deutlich, dass die Stiftung das Geschäftsmodell der Baubiologie verfolgt, indem sie niedrige EMF-Richtwerte propagiert, die im Alltag häufig erreicht werden. Am Beispiel der Finnin Anja Haparanda wird dann detailliert geschildert, wie ein Messtechniker der Stiftung der Frau so viel Angst vor einer nahe gelegenen Mobilfunkbasisstation einredet, dass sie mit dem Gedanken spielt ihr Haus aufzugeben, in dem sie seit 40 Jahren wohnt. "Ich habe immer im Garten meines Hauses gearbeitet, im Sommer und im Winter. Heutzutage tue ich das nicht mehr. Vor allem im Vorgarten, weil die Strahlungswerte dort viel höher sind", sagt Haparanda und erinnert damit stark an das Schicksal einer hier im Forum nur zu gut bekannten Münchener "Elektrosensiblen".

12,5 Millionen Euro in der Kriegskasse

Die Stiftung für Elektrosensibilität wurde 2016 von Ilona Herlins Investmentgesellschaft Polttina Oy gegründet. Ilona Herlin ist die zweitgrößte Aktionärin von Kone (Aufzugsunternehmen) und eine der wenigen Milliardärinnen Finnlands. Herlin ist auch Vorsitzende der Stiftung, neben ihr sitzt Hanna Nurminen im Stiftungsrat. Beide gehören der reichsten Familie Finnlands an, den Herlins, Eigentümer von Kone. Nurminen hat ihre "Elektrosensibilität" 2012 öffentlich bekundet.

Zeitgleich mit der Gründung der Stiftung wurde die Beteiligung von Polttina Oy an Kone um 200'000 B-Aktien reduziert. Das Startkapital der Stiftung für Elektrosensibilität wies zu Beginn ihrer Tätigkeit eben diese 200'000 B-Aktien auf. Laut ihren Finanzberichten besaß die Stiftung Ende 2020 Kone-Aktien im Wert von 12,5 Millionen Euro.

Die Stiftung fördert unter anderem auch die Erforschung der Gesundheitsrisiken elektromagnetischer Strahlung. So investierte sie 2019 rd. 442'000 Euro für ein Projekt zur Untersuchung der biologischen Wirkungen von Hochfrequenzstrahlung an der Universität Turku.

De-Exposition ist das Letzte, was EHS tun sollten

Für den Artikel hat MOT mehrere medizinische Experten interviewt, unter anderem vom Institut für Arbeitsmedizin und der Ambulanz für funktionelle Störungen an der HUS (Universitätsklinik, Helsinki). Keiner von ihnen empfahl den Schutz vor Handystrahlung, selbst wenn die Person das Gefühl hatte, dass sie sich dadurch besser fühlen würde. Auch in den aktuellen Duodecim-Pflegehinweisen wird dies nicht empfohlen. Ein Grund dafür ist, dass der Strahlenschutz das Leben erheblich erschwert. Mobilfunkstrahlung ist heute überall, wo Menschen sind. Ein weiterer Grund ist, dass die Vermeidung von Strahlung die Symptome verschlimmern könnte. "Vermeiden ist das Letzte, was Sie tun sollten. Das verstärkt das negative Lernen", sagt Jyrki Korkeila, Professor für Psychiatrie an der Universität Turku.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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Baubiologie, Davis, EHS, Finanzierung, Seilschaft, Leszczynski, STUK, Stiftung, Messung, Helsinki, Gründung, EHS-Projekt, Nurminen


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