Studiendatenbank EMF:data auf dem Prüfstand (I) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 25.06.2020, 00:27 (vor 458 Tagen)

Die Idee zu der Studiendatenbank EMF:data inklusive der Namensgebung hatte schon 2004 Lothar Geppert, im März 2020 verstorbener Gründer von Diagnose-Funk. Über die Ankündigung kam er jedoch nie hinaus. Erst nach seinem Ausscheiden aus dem Verein realisierte dieser 2018 den Traum des Gründers. Das IZgMF unterzog jetzt eine der Studienbesprechungen in EMF:data exemplarisch einer Nagelprobe. Mit desaströsen Ergebnissen von unverständlichem Text bis hin zu verfälschten Messwerten.

Im "Content-Tag" der Diagnose-Funk-Studiendatenbank EMD:data steht: "Überblick über die Forschungslage im Bereich der elektromagnetischen Felder/Strahlung die von Mobilfunksendern, Handys, Routern, u.a. ausgesendet werden." Damit schmückt sich die Datenbank mit Federn, die ihr nicht zustehen. Denn wenn diese Datenbank eines nicht bietet, dann einen Überblick über die Forschungslage, wie dies das EMF-Portal ohne Vorselektion leistet. EMF:data liefert nur den kleinen Ausschnitt aus dem Datenbestand des EMF-Portals, von dem Diagnose-Funk glaubt, dass sich damit irrationale Ängste gegenüber elektromagnetischen Wellen prächtig schüren lassen. Wer auf Alarm gebürstet ist wird sich an diesem grob verzerrten Abbild der tatsächlichen Forschungslage durch EMF:data nicht stoßen, alle anderen sind im EMF-Portal weitaus besser aufgehoben. Auch noch aus einem anderen Grund, wie wir gleich sehen werden.

Nicht alles auf EMF:data ist der Alarmabteilung des EMF-Portals entlehnt, es gibt auch Eigengewächse, die zumeist von Isabel Wilke, einer Diplom-Biologin im Ruhestand, gegen Honorar in die Diagnose-Funk-Datenbank eingepflegt werden. Ein solches Gewächs ist die Studie "Wirkungen einer langfristigen Exposition bei 915 MHz unmodulierter Strahlung geringer Leistung auf Phaseolus vulgaris L.", die am 28. Mai 2020 in EMF:data aufgenommen wurde und auf die Peter Hensinger in einem Werbevideo explizit hinweist. Hensinger stupste mich sozusagen mit der Nase drauf, also tat ich ihm den Gefallen und versuchte mit EMF:data neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Um den Aufwand für mich klein zu halten, kommentiere ich nachstehend einige als Zitat formatierte Passagen aus der Studienbesprechung von Isabel Wilke. Es sind dies lediglich die Passagen, die mir auf Anhieb aufgefallen sind. Wahrscheinlich gibt es noch etliche versteckte Tellerminen, um diese habe ich mich nicht gekümmert. So habe ich die Botanik ausgeklammert, da ich davon nichts verstehe. Es blieb dennoch genug übrig für eine Abwertung der geprüften Studienbesprechung auf Ramschniveau.

In den nächsten 10 Jahren wird ein Anstieg der Strahlung um mehr als das 30-Fache erwartet, wodurch auch die Auswirkungen auf Lebewesen ansteigen werden.

Diese haltlose Behauptung entbehrt jeder Grundlage. Es wird weder eine Quelle genannt noch gesagt, wer diese Erwartung hegt. Möglicherweise der Bäcker um die Ecke. Auch der Anstieg von "Auswirkungen auf Lebewesen" ist eine nur dahergesagte Behauptung. Weder das eine noch das andere hat mit dem Thema der Studie etwas zu tun.

Für den Menschen haben IARC (2013) und EUROPAEM (2016) neue Richtlinien herausgegeben, die Gesundheitsprobleme beim Menschen vermindern sollen.

Die bedeutsame IARC tagte 2011 wegen EMF und hat 2012 keine der behaupteten "Richtlinien" herausgegeben, sondern die Monografie 102, welche die Ergebnisse der Tagung dokumentiert. Der unbedeutende Würzburger Verein EuropaEM erlitt 2016 nach vierjähriger Tragzeit eine Fehlgeburt, die sich EMF-Leitlinie nennt und sogenannten Elektrosensiblen gilt. Allein schon der Umstand, dass EuropaEM erwähnt wird ist verdächtig, denn unter Pseudowissenschaftlern ist es seit langem gängige Praxis, sich gegenseitig grundlos als Quelle zu benennen.

Das jetzige Experiment mit der Gartenbohne wurde mit kontinuierlicher 915-MHz-Strahlung geringer Feldstärke (unmodulierte Trägerfrequenz wie sie in der normalen Umgebung vorzufinden ist) über die gesamte Lebenszeit der Pflanzen durchgeführt.

Was für ein Unsinn! Unmodulierte Trägerfrequenzen sind wie eine Auto ohne Treibstoff, sie sind, weil nutzlose Energieverschwendung, in der "normalen Umgebung" niemals vorzufinden. Leser, beachte die "geringe Feldstärke", ich komme später darauf zurück.

Durch Verwendung nur der Trägerfrequenz werden Schwankungen in der Feldstärke vermieden.

Nein, bei 915 MHz durchläuft die Feldstärke sinusförmig pro Sekunde 915 Millionenmal alle Werte von Null bis zum positiven und negativen Maximalwert. Für biologische Prozesse ist dies allerdings viel zu schnell, z.B. bemerkt unser Auge kaum das 50-Hz-Flackern von Leuchtstofflampen oder alten TV-Geräten mit Bildröhre.

Geklärt werden sollte, ob Unterschiede im Wachstum auftreten, denn Pflanzen können sich besser anpassen und möglicherweise treten geringere Unterschiede auf.

Unterschiede von was zu was?

Die Pflanzen wuchsen in 2 getrennten abgeschirmten Räumen innerhalb einer Umgebung auf, die der eines Gewächshauses ähnelt. 36 Samen pro Gefäß wurden im Frühjahr ausgesät, je 3 Gefäße in jedem Raum platziert. Jedes Gefäß enthielt 6 Metallpole als Antennen. Die 36 Pflanzen pro Gefäß in den 3 Gefäßen in jedem Raum waren gleichmäßig um die 6 Pole verteilt, die Pflanzen wuchsen 120 Tage lang bis 220 cm vom Frühling bis zum Sommer.

Deutsche Sprache, schwere Sprache. Wer glaubt, diese Beschreibung vollständig verstanden zu haben, bitte melden.

Die Leistungsflussdichte betrug zwischen 4 und 10 mW/cm², einer normalen Verteilung der Feldstärken.

Deutsche Sprache, schwere Sprache. Was mag mit "einer normalen Verteilung der Feldstärken" gemeint sein? Wer verteilt womit die Feldstärken und können diese auch nicht normal verteilt sein? Meint Frau Wilke vielleicht eine Gaußsche Normalverteilung? Warum dann aber die Nennung der Leistungsflussdichte? Was soll's, bedeutsamer als dieses Kauderwelsch sind die Angaben 4 mW/cm² und 10 mW/cm². Das sind auf die hierzulande übliche Einheit W/m² umgerechnet 40 W/m² und 100 W/m². Und das sollen (siehe oben) geringe Feldstärken oder besser gesagt geringe Immissionswerte sein? Nicht zu fassen!

Ein Blick in den Abstract des Studienoriginals zeigt: Die Angaben in EMF:data sind falsch. Frau Wilke hat den richtigen Zahlenwerten falsche Einheiten zugeordnet, wo sie mW/cm² nennt, steht im Abstract des Originals mW/m² - macht einen Unterschied um Faktor 100 x 100 = 10'000. Verrechnen sich Mobilfunkgegner üblicherweise ausschließlich zu ihren Gunsten, ist es diesmal umgekehrt, statt mit bis zu 100 W/m² wurden die Bohnen nur mit maximal 10 mW/m² befeldet.

Screenshot der betrachteten EMF:data-Seite, aufgenommen am 25. Juni 2020.
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Das massive Wurzelwachstum bei den bestrahlten Pflanzen war eine Reaktion nicht nur auf erhöhte physiologische Bedürfnisse einer größeren Pflanze, sondern auch auf die Strahlung, die durch das Wurzelsystem der Pflanzen in den Boden floss, und die Pflanze reagierte mit Anpassung.

Soso, die Strahlung floss also durch die Wurzeln in den Boden. Für Bäcker, Gärtner, Verwaltungsfachangestelle mag dies anschaulich klingen, mir als Nachrichtentechniker dreht sich bei dieser Formulierung der Magen um. Wenn da überhaupt etwas geflossen ist, dann waren das Ströme und keine Strahlung, die breitet sich nämlich nur durchdringend aus.

Das Experiment wurde mit einem festen unmodulierten Trägerfrequenzsignal durchgeführt. Da das Trägersignal in fast allen modulierten Kommunikationsmethoden genutzt wird, stellt sich die Frage: Welcher Anteil eines modulierten Signals beeinflusst die biologische Reaktion der Pflanze mehr? Nach Meinung der Forscher hat das digitale Informationssignal die spezifischeren biologischen Wirkungen und ist damit möglicherweise schädlicher. [Hervorhebung durch Postingautor]

Was will man zu diesem semantischen Totalschaden noch groß sagen?! Vielleicht passt das: Frau Wilke sollte beim Verfassen ihrer "Studienbesprechungen" besser etwas weniger Kirschlikör konsumieren und stattdessen mehr Mineralwasser trinken ;-).

Fazit
Wegen sprachlicher Defizite, Physik-Unkenntnis und falscher Immissionswerte ist die betrachtete Studienbesprechung stellenweise unverständlich und irreführend. Dennoch wurde sie von Diagnose-Funk in dieser Form veröffentlicht. Sollte der Verein überhaupt eine interne Qualitätskontrolle für EMF:data haben, so hat diese versagt. Obwohl seit rund vier Wochen im Netz hat offensichtlich niemand den Verein auf die falschen Immissionswerte hingewiesen, dies lässt Rückschlüsse auf die Anzahl und/oder die Fachkompetenz der Leser zu. Frau Wilke hat es versäumt, die aktuelle Arbeit ins Umfeld ähnlicher Studien einzuordnen. Beispiel: Warum sollen Bohnen auf mickrige Befeldung reagieren wenn Bäume von megastarker Radarbefeldung unbeeindruckt bleiben? Und wie bedeutsam ist es eigentlich, dass die befeldeten Pflanzen 19 Prozent höher wuchsen, die Trockenmasse von Stamm und Blättern um 20 Prozent zunahm, die Pflanzen 18 Prozent weniger Blütenstände und extrem langen Wurzeln zeigten? Ich meine, Wind und Wetter haben auf den Wuchs der Bohnen wahrscheinlich weitaus mehr Einfluss. Zudem behaupten die Autoren einen Kausalzusammenhang mit der Befeldung nicht, sie deuten diesen vorsichtig nur an. Für Diagnose-Funk aber bietet diese wenig aufregende Studie die Möglichkeit, den Zählerstand ihrer Alarmstudien um +1 zu inkrementieren. Mutmaßlich ist dieser (bei genauerer Betrachtung nichtssagende) Zählerstand auch das einzige, was den Verein und seine Anhänger interessiert.

Hintergrund
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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Fehler, Hensinger, Studiensammlung, Kompetenzgefälle, Wilke, EMF:Data, Fehldeutung, Hybris, Rosinenpickerei


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