Studiendatenbank EMF:data auf dem Prüfstand (II) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 11.10.2020, 19:53 (vor 347 Tagen) @ H. Lamarr

Eine 2010 in Indien durchgeführte Bienenstudie hat seit 2014 einen festen Platz auf dem Desinformationskanal kla.tv der in der Schweiz ansässigen christlichen Sekte OCG. EMF:data sprang erst 2017 auf den Zug der Inder auf, die von den Stuttgartern verlinkte Quelle (Current Science) war heute wegen eines Protokollfehlers unerreichbar. Ersatzweise führt dieser Link zum Volltext der Bienenstudie.

Und wieder fällt die Alarmstudiendatenbank von Diagnose-Funk unangenehm damit auf, dass technisch falsche Angaben nicht erkannt und ungeprüft weiter verbreitet werden. Im konkreten Fall betrifft dies die HF-Emission, die von den Autoren der Studie mit zwei handelsüblichen Mobiltelefonen im Bienenstock (Fachjargon: Beute) erzeugt und mit einem "Messgerät" gemessen wurde:

[...] The average radiofrequency (RF) power density was 8.549 μW/cm² (56.8 V/m, electric field). [...]

► Zunächst ist festzustellen, die Umrechnung der Autoren ist falsch. Denn 8,549 μW/cm² entsprechen keineswegs einer elektrischen Feldstärke von 56,8 V/m, sondern nur 5,68 V/m. Da muss den Autoren unbemerkt das Komma um eine Stelle verrutscht sein und alle die danach kamen, haben die fehlerhafte Umrechnung ungeprüft übernommen.

► Aus dem Text der Studie geht nicht hervor, ob der Messwert ein Spitzenwert (Peak Hold) oder ein Effektivwert ist.

► Über das verwendete Gerät zur Messung der Leistungsflussdichte schweigen sich die Autoren aus. Aus gutem Grund: Denn Figure 1 der Originalstudie zeigt ein Breitbandmessgerät der Holzklasse. Üblicherweise messen derartige Detektoren so ungenau, dass die technischen Daten der Geräte keine Angaben zum Messfehler machen. Mit einem solchen "Schätzeisen" einen Messwert dennoch auf drei Nachkommastellen genau anzugeben, dokumentiert ein tiefes Unverständnis der Autoren für elementare Fragen der Funkmesstechnik. Mutmaßlich ist den Autoren auch nicht klar, dass sie mit ihrem Detektor gut und gerne unerkannt ein fremdes Signal, z.B. das eines Rundfunk- oder TV-Senders, mitgemessen haben.

► Das Experiment arbeitete mit vier Beuten. Zwei waren mit Mobiltelefonen ausgestattet, eine mit einer Telefonattrappe und die vierte war eine reine Kontrolle. Welche Immissionen bei den beiden Vergleichsbeuten herrschten, verraten die Autoren nicht. Dies wäre zur Beurteilung des Expositionsunterschieds jedoch zwingend nötig gewesen.

► Die schwache Emission der Mobiltelefone lässt sich mit dem DTX-Modus von GSM-Funksystemen erklären. Dieser Modus bewirkt, dass in Sprechpausen keine Datenpakete übertragen werden. Anhand des Versuchsaufbaus ist nun ersichtlich: Maßnahmen sind nicht ergriffen worden, um zu verhindern, dass der DTX-Modus aktiviert wird (z.B. Einspielen von Stimmen/Geräuschen am Mikrofon der Mobiltelefone. Die schwache Emission könnte auch bedeuten, dass der Versuch in der Nähe einer Basisstation durchgeführt wurde, die wegen guten Empfang die Sendeleistung der Telefone auf niedrige Werte herunter regelte.

► Die Wellenlänge eines 900-MHz-Funksignals beträgt rd. 33 cm. Um valide Messwerte zu bekommen, darf die Antenne eines Messgeräts üblicherweise der Antenne einer Feldquelle auf maximal vier Wellenlängen angenähert werden. Dies würde bei 900 MHz einen Mindestabstand von 132 cm bedeuten, der gemäß Figure 1 nie und nimmer eingehalten ist. Wird der empfohlene Mindestabstand unterschritten, steigt der Messfehler bis zu etwa dem 1,5-fachen der Wellenlänge langsam und moderat an, bei weiterer Annäherung bis ins reaktive Nahfeld nimmt er sprunghaft zu. Wegen der von den Autoren verwendeten Messtechnik spielt der zu kleine Messabstand jedoch keine nennenswerte Rolle mehr.

► Die beiden GSM900-Mobiltelefone in der Beute können zu konstruktiver und destruktiver Interferenz führen, das heißt die beiden Funksignale überlagern sich stellenweise mal zur doppelten Amplitude (Feldstärke), mal löschen sie sich gegenseitig aus. Dies macht die Immission eines Versuchstieres davon abhängig, wo in der Beute es sich während der Befeldung aufgehalten hat. Üblicherweise werden Studien daher so angelegt, dass Interferenzeffekte vermieden werden.

► Der Versuchsaufbau suggeriert, die Autoren hielten die beiden GSM900-Mobiltelefone für Funkgeräte, zwischen denen eine direkte Funkverbindung aufgebaut wurde. Öffentlicher Mobilfunk aber funktioniert völlig anders, Verbindungen werden nicht direkt zwischen zwei Endgeräten aufgebaut, sondern immer über je eine Basisstation. Die Basistationen bestimmen auch anhand der momentanen Empfangsqualität, mit welcher Sendeleistung die Mobiltelefone arbeiten. Damit war es den Autoren nicht möglich, selbst zu bestimmen, wie stark die Bienen in der Beute befeldet wurden. Von einer kontrollierten Dosimetrie kann deshalb keine Rede sein, von einer zufallsgesteuerten hingegen schon.

► Zwei Mobiltelefone können in einer Beute allerlei Störgrößen bewirken. So sind bei etwa 35 °C Innentemperatur chemische Ausdünstungen nicht unwahrscheinlich, die Geräte könnten als Nebenwirkung des Betriebs akustische Störsignale erzeugen oder z.B. starke niederfrequente Magnetfelder infolge zeitweiser Sendetätigkeit. Die Studie kümmert sich weder um die genannten noch um andere Confounder, wie etwa die viermalige Störung der exponierten Bienen pro Tag anlässlich des erforderlichen Ein- und Ausschaltens der beiden Mobiltelefone.

► Die Autoren erwähnen in ihrer Studie nicht, dass ihr Experiment verblindet oder sogar doppelblind durchgeführt wurde. Es darf daher angenommen werden, dieses wichtige Qualitätsmerkmal wurde komplett außer acht gelassen. Wäre Diagnose-Funk seriös, hätte allein schon dieser Mangel für den Verein ein Ausschlusskriterium sein müssen.

Aus meiner Sicht ist die gesamte Dosimetrie der Studie so dilettantisch, dass ein Kausalzusammenhang zwischen den beobachteten Effekten und der Exposition der Bienen eher sehr unwahrscheinlich denn wahrscheinlich ist. EMF:data hingegen präsentiert diese schlecht entworfene und ebenso durchgeführte Studie, als wäre diese ohne jeden Fehl und Tadel. Ich sehe darin eine grobe Irreführung von Laien, wenn Diagnose-Funk offensichtliche Schrottstudien ohne kritische Kommentierung in seine Alarmstudiendatenbank aufnimmt, nur um damit laut aber substanzlos Krawall machen zu können. Niemand weiß, am allerwenigsten Diagnose-Funk, wie viele der gegenwärtig von EMF:data gesammelten 509 Alarmstudien das Prädikat Schrottstudie verdienen und bei seriösen Absichten des Vereins schnellstens aus dem Bestand genommen werden müssten. Mutmaßlich friert aber eher die Hölle zu, bevor Diagnose-Funk sich von einer seiner gesammelten Schrottstudien trennt. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte sein: Peter Hensinger, für EMF:data zuständiger Vereinsvorstand, ist aufgrund fehlender Qualifikationen nicht imstande, gute von schlechten Studien unterscheiden zu können. Auch ich traue mir dies bestenfalls für die Dosimetrie zu, in Sachfragen der Biologie oder Medizin aber bin ich ebenso Laie wie Hensinger.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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