Halbherzig: Standortkonzept ohne Alternativ-Standorte (Allgemein)

Skeptiker, Samstag, 04.09.2010, 18:51 (vor 3872 Tagen) @ H. Lamarr
bearbeitet von Skeptiker, Samstag, 04.09.2010, 19:29

Die Stadt Kitzingen bietet das Mobilfunk-Standortkonzept, das die Firma enorm ausgearbeitet hat, hier zum Download an (PDF, 13 MByte).

Dabei fällt auf: In dem PDF fehlen rund 50 Seiten. Einfach so, ohne jeden Hinweis, nur das komplette Inhaltsverzeichnis und der abrupte Sprung bei den Seitenzahlen verrät die Lücke.

Nicht ganz. Es gibt hinter Seite 59 ein eingeschobenes Blatt, dort steht eine Begründung:

„Die Seiten 60 bis 105 können zur Zeit nicht in das Internet gestellt werden. Bei den Alternativstandorten wurden vertrauliche Informationen verwendet, die nicht unkommentiert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Auch handelt es sich bei den untersuchten Standorten zumeist um private Gebäude bzw. Grundstücke. Darüber hinaus sind die möglichen Standorte nicht auf ein bestimmtes Gebäude oder Grundstück fixiert, sondern wir müssen den Mobilfunkbetreibern noch einen Spielraum in Abhängigkeit von deren Netzstruktur lassen.
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Seitens der Stadt Kitzingen wird jedoch zugesichert, dass vor vertraglichen Regelungen zum Aufbau neuer Mobilfunkanlagen auf der Grundlage unseres Konzeptes Bürgerinformationen stattfinden."

Gräfelfing aber war so leichtsinnig, zu verkünden, wo denn die Alternativ-Standorte sein sollen, die die aus dem Ortskern verbannten Sendemasten aufnehmen sollten. Diese Preisgabe war ein schwerer taktischer Fehler, denn sobald die Lage der Standorte durchgesickert war, regte sich neuer Protest, diesmal dort, wo die Masten hin sollten

Es würde sich wahrscheinlich wiederum Protest nicht nur der Bürger, sondern auch von Seiten einiger Mobilfunkbetreiber regen.

Deren Einverständnis in eine städtische Standortzuweisung ist nämlich nicht garantiert - das Gutachten ist rechtlich wohl kaum gegen sie durchsetzbar, da ja auch nicht mit ihnen im technischen Dialog erarbeitet. Die Stadt Kitzingen wird also wohl ihre "alternativen" Standorte, die sie ja nicht mal an ihre Bürger verrät, dann doch im Einzel-"Nahkampf" mit den Betreibern durchverhandeln müssen - so als gebe es das Gutachten gar nicht.

Ob die jetzt geheim geplanten Standorte dann jemals die tatsächlichen sein werden, halte ich für sehr fraglich. Das ganze ist Augenwischerei gegenüber den Bürgern, und ich denke, es geht da auch um leicht verdientes Geld.
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Im hessischen Bruchköbel etwa, wo 2007 in ähnlicher Vorgehensweise ein Gutachten durch die Münchner Firma erarbeitet worden ist, verwahrte sich die Telekom im vergangenen Jahr ausdrücklich gegen die unfreiwillige "Vereinnahmung" eines ihrer Sender für das städtische Konzept:

"Die Telekom bestreitet auch die Darstellung ..., dass der neue Funkmast nördlich des Wilhelm-Busch-Rings auf den Koordinaten des 'Enorm'-Gutachtens errichtet worden sei. 'Den Platz haben wir uns selbst gesucht', so Sprecher McKinney. Schriftverkehr zeige, dass der Erste Stadtrat dagegen ursprünglich Bedenken angemeldet habe. Folglich wirke nunmehr sein Versuch befremdlich, den Funkmast für die eigene städtische Standortplanung zu vereinnahmen."

Und ausgerechnet einen weiteren, stadtzentrumsnahen Turm, von dem seit 2008 nahezu die gesamte Bruchköbeler Kernstadt versorgt wird (und der nach Lage der Dinge die von der Stadt veranlassten Standortvorschläge obsolet macht), hatte das Gutachten gar nicht erst berücksichtigt. Obwohl schon vor der Erstellung des Gutachtens klar war, dass dort eine Vollstation aufgebaut wird.

Ich hege seither den Verdacht, dass solche Gutachten einfach so windelweich formuliert sind, dass sie sich zwar gut an Kommunen verkaufen lassen, aber gegenüber den Mobilfunkbetreibern eine wertlose Handhabe darstellen. Demnach erscheinen solche Standortpläne wie leichte Arbeit für gutes (Steuer-)Geld.

Kommunen beschäftigen in der Regel keine eigenen Nachrichtentechnikexperten. Sie sind gegenüber solchen Angeboten also unbedarft. Die Befeuerung durch meist noch dramatischer technisch ahnungslose Mobilfunkgegner-Initiativen sorgt aber dafür, dass sich manches Stadtparlament, manche Verwaltung breitschlagen lässt und das Geld für ein nutzloses Gutachten halt in Dreiteufelsnamen zum Fenster hinauswirft, damit's endlich eine Ruhe hat.

Tags:
Enorm, Alternativstandorte, Geschalftsidee


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