5G-Infoabend in Herrischried: Geschenkkörbe für die Referenten (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 27.08.2022, 16:44 (vor 97 Tagen)

Am 4. Juli 2022 war die Eishalle in Herrischried, Baden-Württemberg, Schauplatz einer großen Mobilfunk-Informationsveranstaltung. Eingeladen hatten drei Gemeinden aus dem Hotzenwald, fünf Referenten trugen ihre Sicht zu Sachfragen der Mobilfunkdebatte vor. Das IZgMF ging diesmal jedoch nicht den Inhalten der Vorträge nach, sondern der Frage: Kam das Großaufgebot den Veranstaltern teuer zu stehen und wie viel Honorar bekamen die Vortragenden? Das Ergebnis der Recherche überrascht.

Hauptveranstalter war die Gemeinde Herrischried, Mitveranstalter waren die Nachbargemeinden Görwihl und Rickenbach. Herrischried ist seit rd. zehn Jahren im Süden Baden-Württembergs ein Hotspot des Widerstands gegen Mobilfunk, treibende Kraft dort ist Reinhard Lang. Der ehemalige Herrischrieder Pfarrgemeindereferent ist dort seit 2005 sesshaft und Mobilfunkgegner aus Leidenschaft. Er und seine Frau Gerlinde sind der festen Überzeugung, die Funkwellen von Mobilfunksendemasten bereiteten ihnen körperliche Beschwerden. Die evidenzbasierte Wissenschaft bestätigt derartige unerwünschte Auswirkungen schwacher elektromagnetischer Felder hingegen nicht und verweist auf den Nocebo-Effekt, die böse Schwester des heilsamen Placebo-Effekts.

Bestreben um Ausgewogenheit erkennbar

Einem Bericht des Südkuriers zufolge waren sechs Referenten eingeladen, drei Mobilfunkkritiker (Dr. med. Wolf Bergmann, Jörn Gutbier, Dr. med. Cornelia Waldmann-Selsam), ein Baurechtler des Landratsamts (Sebastian Döbele), ein Vertreter des Bundesamtes für Strahlenschutz, BfS (Alexander Leymann) und ein Vertreter des Mobilfunkbetreibers Telefonica. Präsent zugegen waren in der Eishalle die drei Mobilfunkkritiker und der Baurechtler, der Vertreter des BfS war online zugeschaltet. Der Telefonica-Mann aber sagte ab, er will später gesondert Rede und Antwort stehen. Durch die Absage geriet das Bemühen der Veranstalter um Ausgewogenheit leicht in Schieflage zugunsten der Kritiker. Ob allerdings selbst ein Kräfteverhältnis von 3:3 tatsächlich ausgewogen gewesen wäre, darüber könnte man streiten.

Warnen vor Funk aus purer Menschenliebe?

In rd. 20 Jahren Beobachtung der Mobilfunkdebatte habe ich gefühlt viele hundert Medienberichte über Informationsveranstaltungen gelesen. Naheliegenderweise standen ausnahmslos die Vorträge der Referenten im Mittelpunkt, über Kosten und Referentenhonorare wurde kein Wort verloren. Als ob dies kein interessantes Thema wäre. Besonders was die wenigen Referenten der Mobilfunkkritiker angeht, die häufig im gesamten Bundesgebiet auftreten, bevorzugt in den südlichen Bundesländern. Da über Geldflüsse in den Medien nicht berichtet wird und auch der Verein Diagnose-Funk in seiner Referentenliste auf der Website Diagnose-Media keinerlei Angaben zu Honoraren macht, entsteht der Eindruck, Referenten der Mobilfunkkritiker seien ausgemachte Menschenfreunde, die überall unentgeltlich auftreten und wenn überhaupt, nur ihre Spesen in Rechnung stellen. Die Veranstaltung vom 4. Juli in der Eishalle gab mir den Impuls, den Bürgermeister von Herrischried zu befragen, ob dieser Eindruck zutrifft oder täuscht. Referenten aus der Industrie und von Behörden treten so gut wie immer unentgeltlich auf.

Bürgermeister Dröse gibt Auskunft

Christian Dröse (Jg. 1979, IT-Berater) setzte sich im August 2020 mit gut 51 Prozent der gültigen Stimmen im zweiten Wahlgang bei der Wahl des Bürgermeisters von Herrischried durch. Mich überraschte er mit der Auskunft, die große Informationsveranstaltung vom 4. Juli habe den drei Gemeinden nahezu nichts gekostet. Denn keiner der Referenten hätte ein Honorar verlangt, die Eishalle sei ohnehin in Gemeindehand und deshalb mietfrei gewesen, lediglich für die Tontechnik seien Kosten von rd. 260 Euro angefallen. Hinzu kämen noch je 15 Euro für Geschenkkörbe, die am Ende den anwesenden Referenten als kleines Dankeschön überreicht wurden. Die unerheblichen Gesamtkosten von rd. 300 Euro betrachte ich als vorbildlich gewirtschaftet, wer glaubte, die sparsamen Schwaben hätten sich ihre Veranstaltung erheblich mehr kosten lassen, ist im Irrtum. Doch was wäre gewesen, hätten einer oder mehrere Referenten Honorarforderungen gestellt? "Dann", so Dröse, "wären wir auf die Forderungen nicht eingegangen." Dies bestätigt Hauptamtsleiter Volker Schneider. Er macht deutlich, Herrischried entlohne die Referenten von gemeindlichen Informationsveranstaltungen grundsätzlich nicht.

Der Bürgermeister räumt ein, der Abend in der Eishalle sei ohnehin eine Ausnahme gewesen. Die Gemeinde wolle für Informationsveranstaltungen dieser Art eher keine Plattform bieten. Und Schneider fügt hinzu, eine Wiederholung sei nach mehrheitlicher Sicht im Gemeinderat definitiv nicht geplant. Allerdings: Da erst zwei Jahre im Amt und wegen der Versammlungsverbote infolge Corona hat der Bürgermeister bisher nur wenige Gelegenheiten gehabt, Erfahrung mit anderen Veranstaltungen dieser Art zu sammeln.

Auch Fahrtkosten wurden nicht erstattet. Diese wurden anfangs von den Mobilfunkkritikern gefordert, die aus Freiburg (Bergmann), Herrenberg (Gutbier) und Kassel (Waldmann-Selsam) anreisten. Da jedoch die anderen Referenten keine derartigen Forderungen stellten, lehnte die Verwaltung von Herrischried jegliche Fahrtkostenerstattung ab.

Nach welchen Kriterien die Gemeinde die Auswahl der Referenten vorgenommen habe, wollte ich wissen. Die Auswahl der drei mobilfunkkritischen Referenten überließ Herrischried dem Gemeindebürger Reinhard Lang, der sich auch in dem mobilfunkkritisch orientierten Verein "Lebenswerter Hochrhein" engagiert. Die anderen drei Referenten wählte die Gemeinde in Absprache mit dem Innenministerium Baden-Württemberg, dem Landratsamt und der Initiative "Deutschland spricht über 5G" aus.

Fazit

Die Recherche in Herrischried zeigte das unerwartete Ergebnis, auch die Referenten der Mobilfunkkritiker traten am 4. Juli 2022 dort auf, ohne Honorarforderungen zu stellen. Dies deutet tatsächlich darauf hin, Mobilfunkkritiker sind Altruisten, die keine Kosten und Mühen scheuen, die Menschheit vor dem schleichenden Untergang durch Befeldung mit elektromagnetischen Wellen zu warnen. Ein allgemeingültiger Beweis für die Selbstlosigkeit mobilfunkkritischer Referenten ist die einzelne Stichprobe in Herrischried indes nicht. Denn materieller und immaterieller Profit hat viele Gesichter. Er könnte sich z.B. in diskreter Werbung für kostenpflichtige Produkte von Referenten materialisieren (medizinische Dienstleistungen, Bücher der Referenten, Fördermitgliedschaften bei mobilfunkkritischen Vereinen ...). Unwahrscheinlich aber nicht völlig auszuschließen ist auch eine Kostenübernahme durch "Sponsoren". Beispielsweise steht die Tabakindustrie im Verdacht, Mobilfunkkritiker verdeckt zu fördern, um mit irrationalen Ängsten gegenüber Funkwellen die Bevölkerung von den Risiken des Rauchens abzulenken. Beweise für diesen Verdacht gibt es jedoch nicht.

[Admin: Text "die sparsamen Schwaben" mit Link hinterlegt am 28.08.2022 22.31 Uhr]

--
Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Nocebo, Bergmann, Referenten, BfS, Waldmann-Selsam, Gutbier, Kommerz, Herrischried, Hotzenwald, Honorar, Fördermitgliedschaft, materieller/immaterieller Profit, Leymann, Ausgewogenheit

5G-Infoabend in Herrischried: Selbstlos und um Gottes Lohn …

Trebron, Sonntag, 28.08.2022, 18:09 (vor 96 Tagen) @ H. Lamarr

Naja, die „sparsamen Schwaben in Herrischried“ werden sich vielleicht wundern. Sind sie doch Süd-Badener und damit ganz bestimmt keine Schwaben.
Mein Gedankenspiel zu den Referenten, die völlig selbstlos und um Gottes Lohn für die gute Sache streiten:
Könnte es sein, dass die sich sich eher nicht über Büchertische und Werbung für baubiologische Dienstleistungen oder Abschirmungen finanzieren?
Auch wenn die in der badischen Hochgebirgs-Pampa antreten, dann kennen die ihren Marktwert als Redner und Publikums-Magnete sehr wohl.
Die Satzung von d:f lässt da tiefer blicken. Der Referent ist nach außen ehrenamtlich tätiger Funktionär. Im Referenten-Einsatz ist er aber außerdem Angestellter / Dozent, der seine kompletten Kosten mit seinem eingetragenen Verein abrechnen kann. (Und davon lebt er vermutlich.) Damit diese Kosten wieder reinkommen, wirbt der Verein kräftig wie bestens bekannt Spenden ein.
Die örtliche / regionale BI übernimmt im Gegenzug zum Redner-Auftritt eine Fördermitgliedschaft (was einer Ratenzahlung der Referentenkosten entspricht.) Ob es ohne zahlungswillige BI oder Sponsoren auch Referenten-Auftritte gibt?
Nein, Beweise, dass es so läuft, habe ich keine. Diagnose:Funk hält sich, was die eigenen Interna angeht, ja extrem bedeckt. Aber schlüssig (und satzungs-konform) wäre dieses Finanzierungsmodell eigentlich sehr wohl.
Aber vielleicht ist es ja auch ganz anders und ich tue den selbstlosen Kämpfern bitter unrecht. Dann Asche auf mein Haupt … ;-)

Tags:
Geschäftsmodell, Werbung, Spenden, Referenten, Gutmensch, Satzung, Funktionär, Fördermitgliedschaft

5G-Infoabend in Herrischried: Selbstlos und um Gottes Lohn …

H. Lamarr @, München, Sonntag, 28.08.2022, 22:34 (vor 96 Tagen) @ Trebron

Naja, die „sparsamen Schwaben in Herrischried“ werden sich vielleicht wundern. Sind sie doch Süd-Badener und damit ganz bestimmt keine Schwaben.

Ach du meine Güte, bin ich wieder in einen Fettnapf getreten :-|.

Die erste Prügel für meinen Fehltritt traf schon gestern per E-Mail ein. Humorvoll und pointiert geschrieben will ich sie nicht allein für mich behalten:

[...] Ich lese gerade, mit Entsetzen(!) Ihren Forums-Beitrag „5G-Infoabend in Herrischried: Geschenkkörbe für die Referenten“.

Mein Entsetzen löste dieser Text-Teil aus: „… wer glaubte, die sparsamen Schwaben hätten sich ihre Veranstaltung erheblich mehr kosten lassen, ist im Irrtum“.

Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?

Sparsame Schwaben in Herrischried?

Herrischried liegt im badischen (!) Hotzenwald. Dem Zentrum der badischen Separatisten, die ihre südbadische Gebirgsheimat immer noch gerne von der schwäbischen Bevormundung aus Stuttgart und dem gemeinsamen Südwest-Staat abkoppeln wollen. (Was Bayern eher nicht wissen können: Der südbadische Separatismus begleitet den Südweststaat seit 1945 und hat zu den komischsten Verwirrungen geführt, z.B. zu einem Volksentscheid für/gegen das Land Baden-Württemberg im Jahre 1970.)
„Schwabe“ ist für einen gut badisch gesinnten Südbadener ein Schimpfwort, mit dem er auch Ungeziefer in der Küche benennt. [...]

--
Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Motivation materieller/immaterieller Profit

KlaKla, Montag, 29.08.2022, 08:27 (vor 96 Tagen) @ Trebron

Meiner Erfahrung nach, sind sogenannte Bürgerinitiativen gegen 5G oder Mobilfunk nicht vertrauenswürdig. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, sie sind schädlich. Sie hängen am Verein Diagnose-Funk, der dank des Druckers professionell wirkendes "Infomaterial" haben aber die Inhalte sind bedenklich. Das ist anfänglich, wenn man Verbündete gegen Funk sucht nicht zu durchschauen und auch nicht so wichtig für neue Funkgegner.

Sowie der Kommerz eine wesentliche Rolle spielt, wird es anrüchig. Daher ist immer zu hinterfragen, was haben die Akteure für ein Motiv und wie transparent sind sie. Diagnose-Funk wird angeführt von einem Baubiologen, der damit die Interessen der Baubiologie fördert. Fördermitglieder dürfen zahlen und das dargebotene Material großflächig verteilen aber nicht beeinflussen. Der links orientierte Drucker hat sich mMn zur Lebensaufgabe gemacht, der mächtigste Lobbyverein gegen Funk zu werden. Das ist ihm mVn auch gelungen aber ohne kritische Kontrolle, gleitet er ab ins Absurde. Siehe STOA-Kampagne 5G oder die EBI (((5G))).

Mangelnde Fachkompetenz und mangels Dialog mit Andersdenkenden ist man schnell auf dem Holzweg und gibt sich der Lächerlichkeit preis. Eine Zeit lang, macht man das Spiel mit, dann aber spuckt der Durchlauferhitzer die Stopfgänse wieder aus. Und zu guter Letzt bekommen diese noch einen Tritt von den ehemaligen Mitstreitern.

Einen Ladenhüter habe ich noch (Videobotschaft zu 5G von Dr. Klaus Buchner, 9 Aufrufe 29.04.2022)

Verwandte Threads

Der falsche Prophet: Sebastian Müller vs. Peter Hensinger
Schmidt und Gutbier gehen in Wolfratshausen baden
Baubiologe J. Gutbier will unbedingt an den runden Tisch (BfS)

--
Meine Meinungsäußerung

Tags:
Marketing, Seilschaft, Gehilfe, Kommerz, Fördermitglied, materieller/immaterieller Profit

RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum