Tote leben länger: Wie der "BMW-Grenzwert" wiederbelebt wurde (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 11.10.2021, 22:03 (vor 109 Tagen) @ H. Lamarr

Um etwas mehr Substanz und weniger pseudowissenschaftliche Esoterik vorgesetzt zu bekommen, versuchte ich die besagte Studie auf der Website der SFU mit allen erdenklichen Suchbegriffen zu finden. Vergeblich. Nicht einmal zum Suchbegriff "HRV" (Herzratenvariabilität), die SFU soll dazu laut Memon ein patentes Messsystem entwickelt haben, wollte die SFU-Website ein Sterbenswörtchen preisgeben.

Beim "Chrono-Institut" der SFU, es hat eine eigene Website, fand sich dann doch noch eine Spur des patenten Messsystems, das dem Dokument zufolge am 12. Juni 2020 zum Patent angemeldet wurde. Wenn ich mich nicht irre wurde es jedoch schon am 29. August 2014 in Österreich zum Patent angemeldet – ohne Nennung der SFU. Und ich traute meinen Augen nicht, als mir aus der Patentschrift folgende Textpassage entgegen sprang:

[...] Im Zuge betrieblicher Gesundheitsvorsorge entscheidet sich eine zunehmende Anzahl an Unternehmen zu einer freiwilligen Reduktion elektromagnetischer Belastungen. So hat etwa der bayerische Automobilkonzern BMW die zulässige hochfrequente Elektrosmog-Belastung an den Arbeitsplätzen seiner weltweit ca. 105 000 Mitarbeiter auf ein betriebsinternes, gemeinhin als „BMW-Grenzwert“ bekanntes Maximum von 100 µW/m² eingeschränkt. Um diesen Grenzwert einzuhalten, wurden in Büro- und Laborgebäuden physikalische Maßnahmen zur Expositionsminderung getroffen, z.B. DECT und WLAN-Basisstationen mit metallbedampften Glasscheiben abgeschirmt und Wireless-Router mit Dämpfungsgliedern versehen. Betriebe, die derartige Vorsorgeprogramme durchführen, dokumentieren eine geringere Anzahl an Krankenständen und eine größere Arbeitszufriedenheit ihrer Mitarbeiter. [...]

Die zitierte Textpassage beruht auf einer Meldung des IZgMF aus dem Jahr 2004, damals waren wir noch stramme Mobilfunkgegner. Die exklusiv recherchierte Meldung war seinerzeit unser voller Ernst, ich habe mir die genannten Glasplatten sogar extra in Aktion zeigen lassen. Erst später erfuhren wir, die Initiatorin des "BMW-Grenzwerts", eine Mitarbeiterin im Arbeitsschutz des Autoherstellers, war nebenbei Heilpraktikerin. Das dämpfte unsere Begeisterung merklich. Und auch BMW war die Sache nicht geheuer. Vier Jahre später wurde 2008 der "BMW-Grenzwert" von den Münchenern samt Dect-Basisstationen inklusive Glasplatten diskret entsorgt und alle Mitarbeiter anstelle der Schnurlostelefone mit Mobiltelefonen ausgestattet, die von einem eigens auf dem Werksgelände errichteten Funkmast versorgt werden. Der Spuk dauerte also nur vier Jahre und war 2008 zuende. Die Patentschrift von 2014 beschreibt demnach zeitlos einen Sachverhalt als aktuell, der in Wahrheit bereits seit sechs Jahren ein geschlossenes Kapitel der Geschichte war.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
BMW, Alter Wein, Vorsorgegrenzwert


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