Leszczynski nimmt Belpomme aufs Korn: Review light (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 28.07.2021, 00:31 (vor 497 Tagen) @ H. Lamarr

Der gescholtene Franzose ließ die Kritik nicht auf sich sitzen. Er trommelte nicht weniger als 31 Mitstreiter zusammen und publizierte am 7. Juli 2021 gemeinsam mit diesen eine Übersichtsarbeit (Review) zu EHS in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift International Journal of Molecular Science unter dem Titel: The Critical Importance of Molecular Biomarkers and Imaging in the Study of Electrohypersensitivity. A Scientific Consensus International Report.

Das Papier von Belpomme et al. wurde einer Peer-Review unterzogen und gilt deshalb formal als ein Qualitätspapier. Nun ist das Prozedere der Peer-Review aber keineswegs eine unumstrittene Sache, wie man z.B. hier lesen kann, und schon gar keine Heiligsprechung eines wissenschaftlichen Artikels. So war denn auch die Peer-Review bei besagtem Papier eine, die keine ist. Davon können sich sogar Laien selbst überzeugen, denn das Publikationsjournal war so freundlich, das Ergebnis der Begutachtung in einem Peer-Review Record zu veröffentlichen.

► Nur zwei Peer-Reviewer begutachteten das Paper.
► Reviewerin 1 (namentlich genannt) war so begeistert von der Arbeit, dass ihr weder eine inhaltliche Kritik noch eine inhaltliche Ergänzung einfallen wollte. Bemängelt wurden ersatzweise eine kleine typografische Unterlassung und die Kleinschreibung nach dem Punkt an einem Satzende. Abschließend wünschte sich die Gutachterin von den Autoren die Wiederholung der klinischen Symptome von EHS, da ihr der Konsens des klinischen Bildes nicht geläufig sei. Mit Verlaub: Die Bretter, die die Reviewerin da bohrte, waren aus meiner Sicht dünner als Papier, das hätte sogar ich noch hinbekommen.
► Reviewer 2 (anonym) war weniger begeistert, meinte aber, das Paper könnte aufschlussreiche Einblicke in den Umgang mit den Problemen von EHS geben. Unschön fand er, dass seiner Wahrnehmung nach das Manuskript mehrfach wortgleiche oder sehr ähnliche Textpassagen enthielt. Außerdem halte er die Arbeit eher für ein Positionspapier (oder ein Meinungspapier) als für eine Review. Zudem wünschte er sich (zu recht), Leszczynskis Kritikpunkte an älteren Belpomme-Arbeiten würden nicht nur als Literaturquelle erwähnt, sondern in dem Paper behandelt. Zuletzt schlug der Reviewer mit Blick auf Bild 1 des Papiers vor, wissenschaftliche Belege hinzuzufügen, damit Leser die Richtigkeit des Modells leicht nachvollziehen können. Reviewer 2 hat seinen Job ohne Frage besser erledigt als Reviewerin 1, dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er, weil er im Allgemeinen bleibt, sich nur oberflächlich mit dem Manuskript beschäftigt hat.

Zur Ehrenrettung der Reviewer sei gesagt, dass deren Job ein undankbarer ist, der meines Wissens von den Verlagen nicht einmal honoriert wird. Und da es nicht (mehr) allzuviele Wissenschaftler gibt, die sich mit EHS beschäftigen, stelle ich es mir für fachlich nicht Sattelfeste äußerst schwierig vor, eine Review wie die von Belpomme kundig zu beurteilen. Die Flucht in Allgemeinplätze ist in solchen Fällen programmiert und möglicherweise eher den Verlagen anzukreiden als den Reviewern.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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