Können Athem und Athem-2 die weltweite Forschung inspirieren? (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 12.02.2020, 23:56 (vor 16 Tagen) @ kabriz

Ein gutes Posting ist Ihnen da gelungen, "kabriz", unaufgeregt und sehr sachlich. In der emotional aufgeladenen Mobilfunkdebatte ist das eher selten. Dennoch habe ich ein paar Einwände, die sich weniger auf die Details der Athem-2-Ergebnisse beziehen als auf die Einordnung dieses Forschungsberichts der AUVA in der Landschaft der Wissenschaft.

Ich kann die Verwunderung nicht nachvollzehen. Im AUVA Report wurden die in vivo Probanden logischerweise HF_EMF exponiert, welche unter den SAR Grenzwerten lag. Anderes würde jeder Ethik widersprechen.

Stimmt, aber Athem-2 besteht zum kleineren Teil aus Exposition von Menschen, der größere Teil befeldete Zellkulturen.

[...]
Es gibt meßbare DNA-Schädigungen, diese werden aber repariert, weil eine Reparatur notwendig ist. Weitere Untersuchungen dieser athermischen Wirkungen über längere Zeiträume sind wohl spätestens jetzt angesagt, um dauernde Schädigungen ausschließen zu können.

Wieso ausgerechnet jetzt? Athem(-1) war 2009, Athem-2 war 2016. Was mögen die Gründe sein, dass beide Athem-Projekte nur schwache Fußabdrücke in der Wissenschaft hinterlassen haben? Aus meiner Sicht liegt dies daran:

► Wer sich die ersten 20 Treffer zum Suchbegriff "Athem Auva" ansieht, landet nicht bei der Wissenschaft, sondern bei einem Sammelsurium von Websites aller Couleur, darunter Sites, die mit der irrationalen Angst der Menschen vor EMF Geschäfte machen.

► Die AUVA ließ 2016 die Medien in einer Presseaussendung u.a. wissen:

Kein stundenlanges Telefonieren. Benützen Sie für lange Gespräche besser das Festnetz und gönnen Sie sich expositionsfreie Pausen.

Dieser Rat ist insofern kurios, da Athem doch den bemerkenswerten Befund meldet, dass unterbrechungsfreie Exposition (Dauertelefonate) weniger biologische Wirkungen zeigt als Serien von 5-Minuten-Telefonaten mit 10 Minuten Pause dazwischen. Originaltext aus dem Athem-2-Report:

Beim ATHEM-1 Projekt wurde festgestellt, dass die intermittierende Exposition mehr biologische Wirkung hat, als die Exposition mit kontinuierlichen Feldern. Darum wurden die Zellexperimente im ATHEM-2 Projekt durchgehend mit intermittierender Exposition (5 Min. „an“, 10 Min „aus) durchgeführt.

Sie werden es wohl anders sehen, für mich aber passt der Rat der AUVA, Dauertelefonate mit dem Handy zu vermeiden und stattdessen "intermittierend" zu telefonieren, überhaupt nicht zu den Ergebnissen der Athem-Projekte.

► Die AUVA vermarktet beide Athem-Projekte mit Image-Eigenwerbung in Gestalt von je einem Werbefilm, in denen die weltweite wissenschaftliche Community, die sich mit EMF beschäftigt, allein auf Wien reduziert wird. Beide Filme adressieren wieder die oben bereits genannten Laienkreise. Dies erinnert auffällig an die Vermarktungsstrategie des Ex-Tabaklobbyisten Franz Adlkofer für sein "Reflex"-Projekt. Die AUVA hatte auch keine Hemmungen, für die Regie des zweiten Werbefilms den hier im Forum bestens bekannten Klaus Scheidsteger zu engagieren. Athem-2 wirkt damit auf mich insgesamt weniger wie ein sprödes wissenschaftliches Projekt, das üblicherweise erstrangig an neuen Daten für die Gemeinschaft der Bioelektromagnetiker interessiert ist, sondern als Projekt einer Gruppe bekennender Mobilfunkkritiker, welche die Bevölkerung beeindrucken und fachlich überforderte Anti-Mobilfunk-Vereine mit Munition versorgen wollten. Alle diese Indizien deuten für mich darauf hin, dass die Athem-Projekte möglicherweise Ablenkungsforschung sind, auch wenn ich diesen Verdacht nicht beweisen kann.

AUVA Werbefilm für Athem(-1)

AUVA-Werbefilm für Athem-2

► Die Ergebnisoffenheit ist bei drei von fünf maßgebenden Athem-Herren fragwürdig: Molla-Djafari, Mosgöller und Kundi.

► Soweit ich weiß, entsprang den beiden Athem-Projekten nur jeweils ein (privater) Forschungsbericht, jedoch keine Veröffentlichung in einer anerkannten wissenschaftlichen Fachzeitschrift. Damit entziehen sich die beiden Projekte der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Dies bestätigen die oben erwähnten Top-Treffer auf Google. Warum die wissenschaftlichen Veröffentlichungen unterblieben, darüber will ich jetzt nicht spekulieren.

► In großen wissenschaftlichen EMF-Reviews wie der IARC-Monographie 102 von 2011, der SCENIHR-Opinion von 2015 oder dem Report der schwedischen Strahlenschutzbehörde von 2018 führt der Suchbegriff "Athem" jeweils zu 0 Treffer. Dies stützt meine Behauptung, dass die Athem-Forschungsberichte zwar in Laienkreisen kursieren, hingegen der weltweiten Wissenschaft fremd sind.

► Wie das IZgMF aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, zahlte die Medizinische Universität Wien (MUW) bereits 2009 das Honorar für die berühmt-berüchtigte UMTS-Studie (Reflex-Nachfolgestudie, Schwarz et al.) in voller Höhe an den Auftraggeber AUVA zurück (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt, Österreich). mehr ...

Mein Fazit: Ob die Athem-Projekte überhaupt echte athemische Wirkungen dokumentiert haben oder nur vermeintliche, das mögen kompetente Wissenschaftler beurteilen, ich kann es nicht. Die AUVA hat es jedoch, warum auch immer, versäumt, die Athem-Befunde der Wissenschaft bekannt zu machen, stattdessen hat sie, warum auch immer, fachliche Laien ins Visier genommen. Solange die AUVA diesen groben Fehler, wenn es denn einer ist, nicht korrigiert, werden die Athem-Befunde die Bioelektromagnetik weder jetzt noch später zu einer Verifizierung inspirieren.

--
Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Seilschaft, Adlkofer, AUVA, ATHEM-Projekt, Kundi, Mosgöller, Scheidsteger, Molla-Djafari


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