Anzahl Abgastote in Deutschland: mit Wenn & Aber (Forschung)

H. Lamarr @, München, Samstag, 02.03.2019, 12:30 (vor 1255 Tagen) @ H. Lamarr

Nirgendwo auf der Welt sterben so viele vorzeitig wegen Autoabgasen wie in Deutschland. So stellt es kürzlich das US-Forschungsinstitut ICCT (International Council on Clean Transportation) fest, das im September 2015 auch den Dieselskandal bei VW aufgedeckte. Doch ganz so durchschlagend ist diesmal der Alarm nicht.

In Deutschland geht nicht nur die Angst vor Funkwellen und Flüchtlingen um. Auch Feinstaub gilt als Killer. "Das ganze Jahr erkranken Menschen in der Autostadt Stuttgart durch Feinstaub und Stickoxide. Nach einer EU-Studie von 2011 soll es deswegen bis zu 400'000 Tote in der EU jedes Jahr geben" – verkündet beobachternews.de. Jüngere Zahlen lauten etwas anders. Gemäß einer aktuellen Studie des ICCT haben Wissenschaftler errechnet, dass der Verkehr weltweit für 385'000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich sein soll, Deutschland halte mit 17 vorzeitigen Todesfällen bezogen auf 100'000 Einwohner den einsamen Spitzenplatz – diese Sterberate sei 3-mal so hoch wie der globale Durchschnitt. Feinstaubgegner sind begeistert.

Ein Todesfall gilt dann als vorzeitig, wenn eine Person stirbt, bevor sie ihre statistische Lebenserwartung bei Geburt erreicht hat. Die Einheit sagt nichts darüber aus, wie viel kürzer ein Mensch lebt, ob er oder sie also statistisch betrachtet im Schnitt ein paar Stunden oder mehrere Jahre früher gestorben ist.

In der aktuellen ICCT-Studie haben die Forscher berechnet, wie viel Prozent der Verstorbenen in einem Jahr statistisch gesehen noch am Leben gewesen wären, wenn es die Schadstoffbelastung durch die Autoabgase nicht gegeben hätte. "Wir haben uns in dem Bericht auf vorzeitige Todesfälle fokussiert, weil das für die Öffentlichkeit leichter zu verstehen ist", erklären die Forscher in einem Statement.

Genau das ist allerdings fraglich, denn selbst unter Statistikern ist die Maßeinheit umstritten. "Zunächst stirbt in Deutschland kein einziger Mensch an Feinstaub, sondern an Erkrankungen, die durch Feinstaub (mit) verursacht sein können, es aber nicht sein müssen", kritisierte kürzlich die Statistikerin Katharina Schüller. Damals ging es um eine Studie des Max-Planck-Instituts, die ebenfalls die Maßeinheit "vorzeitige Todesfälle" benutzte. Schüller nannte das Konzept ein "Musterbeispiel einer Unstatistik".

Auch die ICCT-Studie bewertet sie kritisch. Hinter der Ermittlung der vorzeitigen Todesfälle steckten nicht bloß Daten, sondern auch Annahmen über die Realität. Diese seien mit einer Unsicherheit von mindestens 30 Prozent verbunden. "Gravierender ist aus meiner Sicht, dass die Studie eine Präzision und Sicherheit suggeriert, die schlicht nicht gegeben ist", teilte sie auf Anfrage des SPIEGEL mit. Diese Art der Wissenschaftskommunikation sei grob fahrlässig. "Sie führt zu erheblichen Fehleinschätzungen der Aussagekraft von Daten und statistischen Modellen in der breiten Öffentlichkeit", so Schüller.

Das Problem ist, dass die Zahlen offenbar etwas anderes transportieren, als sie meinen. Denn es handelt sich bei den vorzeitigen Todesfällen nicht um klinisch identifizierbare Todesfälle, auch wenn es danach klingt.
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Quelle: Das ist dran an der Zahl der Abgas-Toten in Deutschland

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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