Welttag der Elektrosensibilität: Rezeption durch die ÖDP (I) (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 21.06.2023, 02:01 (vor 333 Tagen) @ H. Lamarr

Und wenn Mästle und Warmbold der Kleinpartei ÖDP angehören, die sich von ihrem Ex-Bundesvorsitzenden Klaus Buchner erfolglos als Deutschlands einzige mobilfunkkritische Partei positionieren lässt, dann halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass die Beiden ihr öffentliches TamTam auch deshalb veranstalten, um ihrer Partei ein paar neue Anhänger zuzuschanzen. Wenn dies zutrifft, wäre mMn das Treiben der Beiden nicht nur schädlich, sondern verwerflich.

Schauen wir uns mal an, wie populistisch die ÖDP mit dem "Welttag der Elektrosensibilität" (16. Juni) umgeht. 2021, beim 4. "Welttag", sprang der Bundesverband der Kleinpartei gleich mit Schwung auf den seit drei Jahren fahrenden Zug auf, am 15. Juni allerdings viel zu spät. Die damalige Pressemitteilung des Bundesverbands ist ein Musterbeispiel für krampfhaften Populismus mit schlechter Pressearbeit im Aszendenten.

So muss man sich anfangs durch die nebensächliche Erklärung der Farbe Gelb kämpfen, bevor der Autor endlich auf die geplanten Aktionen "Elektrosensibler" zu sprechen kommt. Dann folgt der furchteinflößende Hinweis auf die 2B-Eingruppierung von HF-EMF durch Iarc (Krebsrisiko) im Jahr 2011, was mit "Elektrosensibilität" jedoch nicht das Geringste zu tun hat.

Gleich darauf der nächste Patzer, diesmal ein grober: Der Autor verweist auf einen ebenfalls zehn Jahre alten "Bericht Nr. 12608" des Europarats. Doch dieser Bericht ist, egal was drinsteht, völlig belanglos, denn es ist lediglich ein Entwurf vom 6. Mai 2011, der am 27. Mai 2011 dem "Standing Committee" der Parlamentarischen Versammlung des Europarats auf einer Sitzung in Kiew zur Verabschiedung vorgelegt wurde. Und zum Leidwesen der ÖDP erlaubte sich das Committee, den Entwurf an einer entscheidenden Stelle zu entschärfen und als gemäßigte Resolution 1815 zu verabschieden. Worum es bei der Entschärfung ging lässt sich hier nachlesen und dort erfährt man auch, dass der Verein Diagnose-Funk als erster eine Falschmeldung über die Resolution verbreitete und eisern daran festhält. Typisch für den ÖDP-Autor der Pressemitteilung, dass er zehn Jahre später ausgerechnet von einer Falschmeldung abgeschrieben hat.

Weiter geht es mit unwichtigem Geplänkel in Gestalt von den unvermeidlichen Menetekeln Asbest und Tabak, die der Autor noch um bleihaltiges Benzin ergänzt hat. Gab es möglicherweise den einen oder anderen guten Grund, warum es mit diesen Stoffen so schwierig war? Wir erfahren es nicht, dem Autor genügt es Funkwellen einfach mal so willkürlich in Verbindung zu den bekannten Risikostoffen zu bringen. Das ist typischer Populismus. In diese Kategorie fällt auch die Dramatisierung der Grenzwerte, indem deren Einheit nicht wie in Europa üblich in W/m² beziffert wird, sondern lächerlich in µW/m². Der maximale Grenzwert, der eigentlich nur ein vom tatsächlichen Grenzwert abgeleiteter Referenzwert ist, schwillt mit diesem Taschenspielertrick von harmlosen 10 W/m² rein optisch auf gefährlich hohe 10'000'000 µW/m² an. Bestellte jemand an der Wursttheke statt 100 g Salami 100'000'000 µg, die Verkäuferin würde möglicherweise nach den kräftigen Jungs mit den weißen Turnschuhen telefonieren ...

Anschließend lässt der Autor ein ganzes Bündel wüster Behauptungen auf seine Leser los. In Bezug auf die staatliche Schutz- und Fürsorgepflicht sei der Grenzwert unwirksam, lässt er wissen. Das riecht nach Klaus Buchner. Denn der Ex-ÖDP-Bundesvorsitzende verstieg sich 2020 zu der Desinformation, das Vorsorgeprinzip sei bei unseren Grenzwerten nicht berücksichtigt. Ist es aber doch, wie hier für jeden nachvollziehbar dargelegt wird.

Auf den Blödsinn umweltmedizinischer und baubiologischer Richtwerte gehe ich nicht weiter ein. Denn ich hatte Anfang 2007 das Vergnügen, an einer von der Geschäftsleitung des Münchener Tollwood-Festivals einberufenen illustren Runde von damals "führenden" Mobilfunkgegnern teilzunehmen (u.a. mit L. von Klitzing, Klaus Buchner, Siegfried Zwerenz, Helga Krause, Peter Matz, Claus Scheingraber, Hans Ulrich-Raithel). Wir sollten in mehreren Treffen eine Grenzwertempfehlung erarbeiten, die Tollwood dann medial propagieren wollte. Das ging in die Hose. Wir konnten uns nicht auf einen Wert einigen. Das allein wäre nicht weiter tragisch gewesen, doch wir diskutierten meist auf Kinderpostniveau über die persönlichen Meinungen der Teilnehmer zu einem vorgeschlagenen Wert, statt über belastbare Fakten (wissenschaftlicher Kenntnisstand). Unter diesen Umständen glichen die vorgeschlagenen Grenzwerte mehr der Ziehung der Lottozahlen als einer ernsthaften Analyse des Sachstands durch unsere bunt zusammengewürfelte Truppe. Das Scheitern war somit programmiert und Tollwood entschied sich dann auch autoritär für irgendeinen der diskutierten Werte, ich meine es waren 100 µW/m². Weil bei Umweltmedizinern und Baubiologen auch noch vitale Geschäftsinteressen mit reinspielen, halte ich von deren willkürlichen Richtwerten noch weniger als von unseren Empfehlungen, die nur dilettantisch waren. Heute würde ich die Einladung von Tollwood ablehnen mit dem Hinweis, Grenzwertempfehlungen sollten exklusiv integren Profis überlassen bleiben, die wissen wovon sie reden. Selbstgewisse Laien haben an diesem Tisch nichts, aber auch gar nichts verloren.

Zurück zum Autor der ÖDP-Pressemitteilung. Der flötet weiter Stuss, indem er behauptet: Etwa fünf Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft sind elektrohypersensibel. Das ist eine falsche Tatsachenbehauptung. Denn die Leute sind nicht "elektrosensibel", sondern sie glauben nur, sie seien "elektrosensibel". Das ist etwas ganz anderes. Wer Zweifel an meiner Darstellung hat braucht sich nur die Fragestellung in Umfragen genau ansehen, z.B. hier.

Nächster Patzer: EHS wird als chronische Multisystemerkrankung gesehen, zu denen u. a. auch die Multiple Chemikaliensensibilität und das chronische Müdigkeitssyndrom gehören. Soso, EHS wird also gesehen. Der Autor setzt hier gezielt das Passiv ein und drückt sich so darum herum, preis zu geben, wer EHS so sieht. Ein seriöser Wissenschaftler, der die Behauptung des ÖDP-Autors teilt, mag mir nicht einfallen. Gewissen niedergelassenen Umweltmedizinern, die bevorzugt privat versicherte EHS "behandeln", traue ich die schick klingende Behauptung hingegen durchaus zu. Dumm nur, dass die WHO von der angeblichen chronischen Multisystemerkrankung "Elektrosensibler" gar nichts weiß. Sie verortet das Problem akut im Kopfsystem der Betroffenen und empfiehlt in ihrem Fact Sheet 296 u.a. eine psychologische Untersuchung, um mögliche psychiatrische oder psychologische Ursachen für die Entstehung der Symptome zu identifizieren. Das klingt weniger schick, trifft den Nagel mMn aber auf den Kopf.

Selbstverständlich versucht auch der ÖDP-Autor den Eindruck zu erwecken, die Anzahl verstrahlter "Elektrosensibler" wachse und wachse. Immer mehr Elektrohypersensible sind von der Teilhabe am öffentlichen Leben ausgeschlossen, behauptet er, ohne auch nur einen einzigen Beleg beizubringen. Das Märchen von den immer mehr "Elektrosensiblen" entbehrt jedoch jeglicher Grundlage. Es wird seit rd. 20 Jahren allein aus strategischen Gründen regelmäßig kolportiert, um die Besorgnis vor schädlichen Auswirkungen von HF-EMF in der Bevölkerung wach zu halten. Ein Interesse daran haben alle Branchen, deren Geschäftsmodelle auf dieser Besorgnis beruhen. Dass die Anzahl "Elektrosensibler" tatsächlich nur randständig klein ist, wurde hier im Forum mit etlichen Postings belegt. Wer's genauer wissen will, möge sich bitte durch diese Trefferliste graben.

Wird fortgesetzt ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
sekundärer Krankheitsgewinn, Desinformation, Falschmeldung, Alter Wein, ÖDP, Populismus, Popanz, Resolution 1815, materieller/immaterieller Profit, Welttag der Elektrosensibilität


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