Echokammern, oder "viele" fordern EMF-Hochstufung auf 2A oder 1 (Forschung)

H. Lamarr @, München, Samstag, 12.06.2021, 13:46 (vor 98 Tagen) @ H. Lamarr

Die Meldung von Louis Slesin gibt es hier zu lesen.

Im Vergleich zu anderen Mobilfunkkritikern ist Slesin zwar in aller Regel ein Musterbeispiel an Objektivität, ohne tendenziöse Vokabeln aber kommt auch er nicht aus. So behauptet er in seiner Meldung:

[...] Das [Deltour-]Papier kommt zu einem Zeitpunkt, an dem viele die IARC auffordern, das EMF-Krebsrisiko auf ein wahrscheinliches Karzinogen (Klasse 2A) oder ein nachgewiesenes Karzinogen (Klasse 1) hochzustufen. [...]

Beipflichten kann ich dem nicht, denn meiner Einschätzung nach sind die Vielen lediglich eine Handvoll (vielleicht ein Dutzend) der schätzungsweise weltweit 1000 Wissenschaftler, die sich mit Bioelektromagnetik beschäftigen. Darunter sind eingeschworene Kritiker wie Lennart Hardell und Mitglieder der "BioInitiative", die sich schon seit Jahren systematisch an der ihrer Ansicht nach zu Laschen 2B-Wertung der IARC stoßen und das Thema regelmäßig neu in die Diskussion einschleusen. In jüngster Zeit sind zu diesen Gewohnheitskritikern allerdings drei oder vier Quereinsteiger hinzu gestoßen, darunter auch klangvolle Namen. Deren Manko ist: Es sind aus dem aktiven Berufsleben ausgeschiedene Wissenschaftler, die selbst nicht mehr forschen, sondern den vorhandenen Datenbestand aus ihrer Sicht kommentieren.

Da Wissenschaft von der Kontroverse lebt, sind unterschiedliche Deutungen ein und desselben Datenbestands in der Community ein normaler Vorgang guter wissenschaftlicher Praxis und im Grunde genommen nicht der Rede werter Alltag.

In der Mobilfunkdebatte aber kommt exklusiv noch der Aspekt der von Laien betriebenen Echokammern hinzu. Viele Anti-Mobilfunk-Vereine verstärken einseitig das wissenschaftliche Munkeln und Raunen über EMF-Risiken. Sie versuchen, obwohl fachlich dafür ungeeignet, auf diese Weise die öffentliche Meinung zurecht zu kneten und "Druck von unten" aufzubauen. Allein schon wegen der einseitigen Betonung eines möglichen Risikos entsteht so ein Wust an Desinformation. Maßgeblicher Treiber dafür ist hierzulande der Stuttgarter Verein Diagnose-Funk. Dort kennt man z.B. die jüngsten (eher entwarnenden) Ergebnisse von Isabelle Deltour seit 27. Mai 2021, berichtet jedoch bis heute nicht darüber. Möglicherweise bastelt der Verein noch daran, die Arbeit von Deltour mit vielen Worten und wenig Substanz klein zu reden.

Die Echokammern selbsternannter EMF-Experten wären nur ein lästiges Übel in der Mobilfunkdebatte, würden nicht einige der mobilfunkkritischen Wissenschaftler, z.B. Lennart Hardell, die Echokammern und Filterblasen laienhafter Mobilfunkgegner für ihre Zwecke beliefern (Beispiel). Sie überschreiten damit aus meiner Sicht die Grenze zur Manipulation der öffentlichen Meinung.

Ex-Tabaklobbyist Franz Adlkofer praktizierte diese Unsitte bereits 2003. Zu einer der ersten öffentlichen Präsentationen der alarmierenden Ergebnisse seines "Reflex"-Projekts brachte er zur wissenschaftlichen BEMS-Tagung auf Hawaii gleich ein Fernsehteam des SWR mit, das postwendend mit der Sendung "Bei Anruf Smog" die Bevölkerung aufschreckte. Die wissenschaftliche Publikation der berühmt-berüchtigten Wiener-HF-Studie des "Reflex"-Projekts folgte erst zwei Jahre später und geriet 2008 (gemeinsam mit einer "Reflex"-Nachfolgestudie Adlkofers) unter Fälschungsverdacht.

Dieser Verdacht konnte zwar vor Gericht nicht hinreichend belegt werden, begründete Zweifel an der Einhaltung guter wissenschaftlicher Praktiken aber ließen sich bis heute nicht ausräumen. Organisierte Mobilfunkgegner ignorieren diese Zweifel konsequent, sie feiern die fragwürdigen Studien des "Reflex"-Projekts nach wie vor als Meilensteine der EMF-Forschung – obwohl auch sämtliche Versuche, die alarmierenden Studienergebnisse zu replizieren, ausnahmslos scheiterten.

Zweifel säen ist unser Ziel. Mit dieser einfachen Desinformationsmethode gelang der Tabakindustrie lange die Verharmlosung der Risiken des Passivrauchens. In der Mobilfunkdebatte funktioniert dieselbe Methode mit umgekehrten Vorzeichen (Alarmieren). Nutznießer wäre abermals die Tabakindustrie, die mit Helfern aus der Wissenschaft z.B. auch von der Corona-Pandemie profitierte. Eindeutige Belege, dass Big Tobacco mit Ablenkungsforschung das "Risiko EMF" gezielt ins Bewusstsein der Bevölkerung manipuliert, gibt es bislang jedoch nicht.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Strategie, Zweifel, Rentner, Druck, Manipulation, Hardell, Geltungsdrang, Geschäftemacher, Ex-Tabaklobbyist, Graswurzelbewegung, Kontroverse, Hawaii, Echokammer, Plurv, Pseudo-Experte, Deltour


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