Hirntumoren und frühe Mobilfunknetze (Forschung)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 16.12.2018, 18:03 (vor 251 Tagen)

Die im Dezember 2018 veröffentlichte Arpansa-Hirntumorstudie meldet für Hirntumoren in Australien zwei bemerkenswerte Entwicklungen:

► Obwohl die Nutzung von Mobiltelefonen seit 2003 weiter rapide zugenommen hat, ist seither kein Anstieg von Hirntumoren mehr zu verzeichnen.
► Seit 2003 gab es auch keine Zunahme von Gehirntumoren des Schläfenlappens, der am stärksten exponierten Hirnregion bei der Verwendung eines Mobiltelefons.

Die Beobachtungen von Arpansa könnten ein spätes Indiz dafür sein, dass die längst außer Betrieb genommenen Analognetze bei den Hirntumorraten für einige Jahre bis 2003 Spätfolgen in Gestalt eines befristeten Anstiegs (einen "Hügel") gezeigt haben. Doch wann wurde wo welches Analognetz in Betrieb genommen und mit welchen Sendeleistungen arbeiteten damals die Funktelefone? Die folgende Auflistung nennt dazu einige Eckdaten.

AMPS
Betriebszeit: 1983 bis 2008 (USA)
Verbreitungsgebiet: USA, Kanda, Russland, China, Israel, Australien, Pakistan u.a.
Maximale Teilnehmeranzahl: keine Angaben
Frequenzbereich: 824 MHz bis 895 MHz
Endgeräte: Handgehaltene Funktelefone ("Handys")
Sendeleistung Endgeräte: 0,6 W (andere Quelle: 3 W)
Leistungsregelung: ja, 8-stufig
Sendeleistung Basisstationen: 100 W
Quelle: Handbuch für die Telekommunikation, First Generation Systems, Measurements on AMPS Phones with
the R&S CMU200 and CMUgo
, Wikipedia

TACS/ETACS
Technisch angelehnt an AMPS; ETACS hatte mehr Kanäle als TACS
Betriebszeit: 1985 bis 31.05.2001 (UK)
Verbreitungsgebiet: Großbritannien, Österreich, China, Italien u.a.
Maximale Teilnehmeranzahl: keine Angaben
Frequenzbereich: 890 MHz bis 960 MHz
Endgeräte: Autotelefon, mobile Telefonkoffer
Sendeleistung Endgeräte: 7 W (andere Quelle: 10 W)
Leistungsregelung: ja, 8-stufig
Sendeleistung Basisstationen: 100 W
Quelle: Handbuch für die Telekommunikation, Total Access Communication System, First Generation Systems

C-Netz
Nicht zu verwechseln mit dem Netz-C in Österreich, das auf NMT beruhte.
Betriebszeit: 1985 bis 31.12.2000
Verbreitungsgebiet: Deutschland, Portugal, Südafrika
Maximale Teilnehmeranzahl: 800'000 bis 850'000 (Deutschland)
Frequenzbereich: 451 MHz bis 466 MHz
Endgeräte: Autotelefone, Eisenbahn, Küstenschiffe, mobile Telefonkoffer
Sendeleistung Endgeräte: 5 mW bis 15 W
Leistungsregelung: ja, bei Endgeräten und Basisstationen
Sendeleistung Basisstationen: max. 25 W
Quelle: Handbuch für die Telekommunikation, Wikipedia

NMT450
Betriebszeit: 1981 bis 31.12.2007
Verbreitungsgebiet: Skandinavien, Österreich u.a.
Maximale Teilnehmeranzahl: keine Angaben
Frequenzbereich: 451 MHz bis 467 MHz
Endgeräte: Autotelefone, mobile Telefonkoffer
Sendeleistung Endgeräte: max. 15 W
Leistungsregelung: ja
Sendeleistung Basisstationen: 50 W
Quelle: Handbuch für die Telekommunikation, First Generation Systems, Nokia Talkman 620, Hardell et al. (2008)

NMT900
Betriebszeit: 1986 bis 2000
Verbreitungsgebiet: Skandinavien u.a.
Maximale Teilnehmeranzahl: keine Angaben
Frequenzbereich: 890 MHz bis 960 MHz
Endgeräte: Autotelefone, "Handys"
Sendeleistung Endgeräte: max. 6 W, ab 1988 auch "Handys" mit max. 1 W
Leistungsregelung: keine Angaben
Sendeleistung Basisstationen: 100 W
Quelle: Handbuch für die Telekommunikation, First Generation Systems, Hardell et al. (2006)

NTT
Betriebszeit: 1979 bis ?
Verbreitungsgebiet: Japan
Maximale Teilnehmeranzahl: keine Angaben
Frequenzbereich: 860 MHz bis 940 MHz
Endgeräte: keine Angaben
Sendeleistung Endgeräte: 5 W
Leistungsregelung: keine Angaben
Sendeleistung Basisstationen: 25 W
Quelle: First Generation Systems

Hintergrund
Mobiltelefone stehen im Verdacht, Hirntumoren zu verursachen oder zu begünstigen. Einen Kausalzusammenhang herzustellen ist schwierig, da Hirntumoren lange Latenzzeiten von je nach Quelle 20 bis 40 Jahren haben. Bislang geben nationale Hirntumorstatistiken keinen Anlass zur Sorge, sie zeigen bestenfalls stellenweise einen Anstieg der Neuerkrankungen auf sehr niedrigem Niveau (weil Hirntumoren selten sind). Besonders Mobilfunkgegner verweisen deshalb gerne darauf, es gäbe Mobilfunk noch nicht lange genug, als dass weltweit der bei milliardenfacher Nutzung von Mobiltelefonen zu erwartende deutliche Anstieg der Hirntumorrate hätte einsetzen können. So argumentieren Mobilfunkgegner allerdings schon seit etlichen Jahren, ohne dass der prophezeite dramatische Anstieg global zu beobachten wäre. Wobei anzumerken ist: Selbst wenn es einen solchen Anstieg gäbe, wäre dies zunächst nur ein Hinweis auf Mobiltelefone als Verursacher. Weil sich andere Verursacher jedoch nicht ausschließen lassen, lässt sich ein Prophezeiung mit Statistiken allein nicht belegen. Ein solcher warnender Hinweis könnte jedoch begründeten Anlass für Vorsorgemaßnahmen geben, um die Zeit zu überbrücken, bis mit anderen Forschungsmethoden eine Bestätigung des Tumor-Verdachts oder Entwarnung gegeben werden kann.

Was beim Vertrösten auf spätere Jahre gerne übersehen wird: Mobilfunk gab es schon vor den heutigen digitalen Funknetzen, die etwa ab 1991 schrittweise in aller Welt eingeführt wurden. Ab den frühen 1980er Jahren wurden bevorzugt in den Industrienationen neue zellulare Funknetze mit analoger Sprachübertragung eingeführt (Analognetze). Deren Teilnehmerzahlen waren zwar weitaus geringer als bei den heutigen Digitalnetzen, vier Millionen sollen es 1989 weltweit ab doch gewesen sein. Und wegen der Seltenheit von Hirntumoren hat bereits ein relativ schwacher Zuwachs in den absoluten Fallzahlen starke Auswirkungen auf Prozentwerte in den Statistiken. Skrupellose Mobilfunkgegner nutzen dies aus und schüren mit Meldungen wie "Verdopplung der Hirntumoren" Ängste in der Bevölkerung.

Stand: 19.12.2018-20:05

Hinweis: Sollte ich noch fehlende Angaben finden, werde ich die Liste nachträglich ergänzen und den Stand aktualisieren

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Handy, Prophezeiung, Hirntumor, Kausalzusammenhang, Gliom, Latenzzeit, Arpansa


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