Diagnose Funk: unsympathisch und unfähig (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 22.12.2013, 13:55 (vor 2180 Tagen)

Wenn es etwas zu Dramatisieren gibt, ist Diagnose Funk mit Sondermeldungen zur Stelle. Und weil sich dieser Anti-Mobilfunk-Verein den Verein für Elektrosensible in München unter den Nagel gerissen hat, alarmieren nun zwei Vereine im Gleichtakt, um sich gegenseitig aufzuschaukeln.

Aktueller Anlass ist die jüngste Hardell-Studie (PDF, 13 Seiten, englisch).

Darauf aufmerksam macht die Website der Elektrosensiblen mit der Alarmmeldung Schwedische Studie bestätigt 7-fach erhöhtes Tumorrisiko bei Handynutzung. Die Meldung startet rührseelig: "Aus der Sicht von Elektrosensiblen ist diese neue Studie keine Überraschung – sondern eine Frage der Zeit, bis die Wahrheit an Licht kommt." Dass Elektrosensible in aller Regel über Sendemasten und nicht über Handys klagen, der schwer elektrosensible Lebensgefährte von Marianne B. (Kirchheim) sogar öffentlich bekundet, ein Handy zu benutzen, scheint den Verfasser der Meldung in keiner Weise irritiert zu haben. Und am Schluss der Meldung wird auf ein PDF verlinkt, das sich als eine sogenannte Pressemitteilung von Diagnose Funk herausstellt, heraus gegeben am 2. Dezember.

Wie von Diagnose Funk gewohnt, erreicht der Verein auch mit dieser "Pressemitteilung" lediglich einige andere Mobilfunkgegner, jedoch (bislang) keinen einzigen Vertreter der erhofften Zielgruppe. Die Medien verschmähen die häufigen Annäherungsversuche des Vereins seit langem aus gutem Grund.

Diagnose Funk startet in der "Pressemitteilung" nicht rührseelig, sondern, was sonst, dramatisch:

Die schwedische Gruppe um Professor Hardell wertete neueste Daten zur Wirkung von Handystrahlung auf das Gehirn aus (1). Sie ergaben ein bis zu 7,7 fach erhöhtes Gehirntumorrisiko bei einer Langzeitnutzung von Handys und DECT-Telefonen von mehr als 20 Jahren.

Wer also länger als 20 Jahre mit DECT und Handy telefoniert, hat ein fast 8-fach höheres Risiko, einen Gehirntumor zu bekommen, als jemand, der ausnahmslos übers Festnetz telefoniert. Auf den ersten Blick scheint die Dramatik gerechtfertigt zu sein. Doch schon auf dem zweiten Blick schrumpft der aufgeblähte Ballon, denn Hirntumoren sind selten. Sarah Drießen vom Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (FEMU) der Uni-Klinik Aachen drückte das einmal so aus: "Es dauert zehn bis 30 Jahre nach einem auslösenden Ereignis, bis ein Hirntumor auftritt. Aber es ist eine sehr seltene Erkrankung: Pro 100.000 Einwohner gibt es in Deutschland pro Jahr sechs neue Fälle des Glioms, der häufigsten Hirntumorart. Wenn es durch Handys eine um 40 Prozent erhöhte Rate an Hirntumoren geben würde, hieße das: In Deutschland gäbe es dann statt sechs Patienten acht pro 100.000 Einwohner."

Und jetzt der Dreisatz: Wenn ein relatives Risiko von 1,4 zwei Hirntumore pro 100'000 Einwohner mehr verursacht, wieviele zusätzliche Tumoren wären es dann bei einem relativen Risiko von 7,7? Wer 11 Tumoren ausrechnet darf noch einmal nachrechnen, wer auf 46 Tumoren kommt liegt richtig. Sollte die Schreckensnachricht von Diagnose Funk zutreffen, erleiden pro 100'000 schlimmstenfalls 46 Personen mehr einen Gehirntumor. Auch diese Fallzahl ist offenkundig noch immer ziemlich klein. Zum Vergleich: Das individuelle Erkrankungsrisiko starker Raucher kann mehr als 20-mal höher ausfallen als das von Nichtrauchern. Pro 100'000 Schweden erkranken 528 Personen an Lungenkrebs.

Doch was ist überhaupt dran, an dem allein von Diagnose Funk und nicht von den Autoren der Studie so hochgespielten Faktor 7,7?

Bei einem Blick in Hardells Studie wird deutlich: Dieser enorme Risikoanstieg gilt für das vierte Quartil, also für die 25 Prozent der Personen, die am längsten telefoniert haben. Der Haken daran: In dieses Quartil fallen die wenigen Personen, die Mobiltelefone bereits verwendeten, als es GSM noch gar nicht gab. In Schweden gab es ab 1981 Geräte der GSM-Vorläuferstandards NMT450 und NMT900, beide verzichten auf die angeblich so gefährliche Pulsung des HF-Trägersignals, die Sendeleistung war einerseits erheblich höher (im Vergleich zu GSM), andererseits war die Bauform noch völlig anders (mit Sendestufe verkabelter Hörer) als bei den später aufkommenden GSM-Handys). Diese Details bleiben bei Hardell unberücksichtigt, weil seine Datensätze dazu keine Informationen enthalten (können). Übrig bleibt lediglich die geringe Anzahl von Personen, die vor 1992 (Start von GSM) in Schweden bereits Mobiltelefone gebrauchten und heute einen Hirntumor haben. Die statistische Belastbarkeit des vierten Quartils ist daher schwach. Hardell weist dies noch ordentlich aus (p-trend=0.01, based on low numbers), Diagnose Funk, nur versessen aufs Dramatisieren, lässt diese relativierenden Einschränkungen komplett weg.

Es ist dieses immer wieder zu beobachtende zutiefst unseriöse Verhalten, das diesen Verein und seine Vertreter mMn so unsympathisch macht.

Und noch etwas: Unübersehbar bezieht sich Hardells Studie auf Hirntumordiagnosen, die im Zeitraum von 2007 bis 2009 getroffen wurden. Doch selbst wer 2009 die schlimme Diagnose erhielt, konnte noch gar nicht länger als 20 Jahre mit DECT telefoniert haben, wie es Diagnose Funk (oben) behauptet. Denn DECT-Geräte kam erst 1993 auf den Markt, wer sofort eines kaufte konnte es daher bis 2009 höchstens 16 Jahre genutzt haben!

Es sind solche immer wieder bei Diagnose Funk zu beobachtenden und einfach nachzuweisenden Widersprüchlichkeiten, die die Kompetenz dieses Vereins und seine Vertreter in ein denkbar ungünstiges Licht setzt. Der Verein disqualifiziert sich mit fast jeder seiner Verlautbarungen selbst. Die (übersehbare) Quittung für seine Unfähigkeit bekommt der Verein unter anderem von anspruchsvolleren Medien, die seine dilettantischen Pressemitteilungen durchwegs ignorieren.

Mir ging es hier weniger um die Hardell-Studie als um die Panik, die der Anti-Mobilfunk-Verein meint, mit Radschlagen in Gestalt einer "Pressemitteilung" daraus ableiten zu müssen. Zur Hardell-Studie selbst gäbe es sicher noch viele kritische Anmerkungen zu machen, z.B. die, dass andere Forscher in anderen Ländern seine Zahlen nicht bestätigen können (Little et al., Deltour et al.), und dass Hardell mit seinen Fragebogen-Aktionen bei Hirntumor-Patienten ausnahmslos Rücklaufquoten erreicht, von denen andere Forscher nur träumen können.

Hintergrund
Diagnose Funk im IZgMF-Forum

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Stuttgart, Diagnose-Funk, Presse, Festnetz, Aachen, Baubiologenvereinigung, Alarmmeldung


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