Lieber böser Uli (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 25.07.2006, 00:32 (vor 5917 Tagen) @ Gast

Lieber Uli,

verglichen mit deiner Breitseite ist die Büchse der Pandora geradezu eine Wohltätigkeitsveranstaltung der Heilsarmee. Bei der vorgebrachten Vielzahl von Vorwürfen müsste ich nun nach alter Sitte wieder eine dieser schier endlosen Erwiderungen bringen. Tu' ich aber nicht. Denn dich stimmt, wie ich weiß, sowieso nichts um, und das Durchwandern einer weiteren Bleiwüste will ich den Lesern nicht zumuten.

Auf eine einzige Passage deiner Anklageschrift will ich jedoch eigehen, da sich hier die Unvereinbarkeit unserer Standpunkte schön deutlich zeigt. Du schreibst:

Wäre es so schlimm ... gewesen, wenn aufgrund des Glaubens an den Eiertest in den nächsten Jahren mal weniger telefoniert worden wäre? Keinen hätte es gestört. Solange, bis es die Betreiber für nötig erachtet hätten, das genauso zu dementieren, wie sie zB die Tumorgefahr zurückweisen. Aber die Betreiber lassen dir den Vortritt. Jetzt freuen sie sich unendlich.

Du erwähnst den unseligen Eiertest mehrfach in deinem Text und gibst auch zu erkennen, dass du nicht überrascht wärst, wenn er sich als Zeitungsente herausstellte (was inzwischen längst der Fall ist). Dennoch würdest du mit dem fadenscheinigen Test ohne Skrupel bei Bürgern hausieren gehen, um Ihnen die Lust am mobilen Telefonieren zu vergällen. Und du glaubst offenbar allen Ernstes, den Betreibern auf diese Weise ein Dementi abringen zu können, weil die verschreckten Bürger sich reihenweise in Enthaltsamkeit üben und der daraus resultierende Umsatzausfall die Betreiber zum handeln zwingt.

Dieser Sichtweise, Uli, schließt sich das izgmf definitiv nicht an. Im wesentlichen deshalb nicht, weil wir eine Argumentation, die bewußt auf Lügen aufbaut, grundsätzlich ablehnen. Denn die Strahlung zweier Handys reicht eben nicht aus, um ein Ei zu garen. Eine Entschuldigung, der Zweck heilige die Mittel, ändert nichts an der Verlogenheit, die dieser Form von scheinheiliger Aufklärung anhaftet. Macht nichts, magst du vielleicht einwenden, eine unentdeckte Lüge ist keine Lüge. Stimmt, aber deinem Eiertest sind noch nicht einmal lange Beine in Aussicht zu stellen, denn jeder Neugierige könnte den Test mit Bordmitteln machen und dir nach 65 Minuten mit Vergnügen ein durch und durch weiches Ei auf die Birne hauen. Und: Weil er so peinlich durchsichtig ist, wird dein Eiertest auch nie den Weg in die Chefetagen der Mobilfunker finden, es sei denn zur Belustigung darüber, dass wir hier für so einen Mist so viel Zeit investieren.

Nein, danke: Deine aberwitzige Hoffnung auf ein Dementi und die krampfhafte Idee, mit dem Eiertest bei der Bevölkerung Punkte sammeln zu wollen, zeugt mMn von einem besorgniserregendem Realitätsverlust. Wenn wir Kritiker keine bessere Argumentation bringen könnten, wir müssten um bedingungslose Kapitulation nachsuchen. Dass es auch ganz ohne Torpedoangriffe auf den gesunden Menschenverstand geht, zeigt z. B. die glaubhaft vorgetragene Kritik an der ETH-Studie. So etwas hat Substanz und deshalb Wirkung, der Eiertest dagegen riecht nur streng.

Die Welt, Uli, ist groß genug für uns beide. Finde du dein Glück bei der Bürgerwelle oder bei Konsequent, ich habe meins beim izgmf gefunden.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Rückzug, Angriff, Fundi, Lügen, Realitätsverlust, Eiertest


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