"Kompetenzinitiative" zum TAB-Bericht übers Risiko Mobilfunk (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 06.04.2023, 20:20 (vor 435 Tagen) @ H. Lamarr

Der Anti-Mobilfunk-Verein Diagnose-Funk, Stuttgart, nahm die Veröffentlichung des Berichts zum Anlass, auf seiner Website seine Meinung zu dem Papier vorzutragen.


Viel Wind um nichts

Auch die sogenannte Kompetenzinitiative hat sich im März 2023 zu Wort gemeldet. Sie ist der Ansicht, der TAB-Bericht "enttäuscht komplett, sollte aber dennoch nicht entmutigen". Auf 21 Seiten (Titel "Maskenspiel") begründen die Autoren Klaus Buchner (Mathematiker i. R.), Wilfried Kühling (Raumplaner i.R.), Peter Ludwig (Germanist) und Klaus Scheidsteger (Filmemacher) ihre Ansicht. Zur Sache selbst haben sie wenig zu sagen. Und Neues erfährt der Leser nicht. Die Enttäuschung der Autoren beruht im Wesentlichen auf der seit Mitte 2021 bekannten Tatsache, dass der Deutsche Bundestag ein Gutachten zur Risikobeurteilung von EMF-Exposition an die Schweizer Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation (FSM) vergeben hat. Das Gutachten ist Bestandteil des TAB-Berichts. Dies entsetzt die Autoren. Denn ihren Recherchen zufolge wollen sie erfahren haben, "dass FSM selbst als Mittelgeber auf ihrer Stiftungsseite die Industrieunternehmen Swisscom, Swissgrid, Sunrise, Cellnex und Ericsson nennt." Stimmt, diese Sponsoren unterstützen die Stiftung jährlich mit einem Betrag, der sowohl die Projektfinanzierung als auch die Arbeit der Geschäftsstelle ermöglicht. Sie erhalten Einsitz im Stiftungsrat gemäß Stiftungsreglement. Das Entsetzen beruht nun auf der nicht weiter begründeten Unterstellung, die genannten Industrie-Sponsoren würden frei nach der bekannten Volksmeinung "Wer zahlt, schafft an", die FSM zu einem Erfüllungsgehilfen für die Interessen der Mobilfunkindustrie degradieren. Das kann man so sehen. Nur, wenn man es so sieht, sollte der Verdacht wenigstens mit einigen harten Fakten verdichtet werden. Die Autoren der "Kompetenzinitiative" verzichten großmütig auf solche Belege, ihnen genügt es, eine banale Volksmeinung zu vertreten.

Kein Wort übrig haben Buchner et al. dafür, dass die FSM neben den verdächtigen Sponsoren auch noch eine ganze Reihe von "Trägern" hat. Träger unterstützen die Stiftung ideell oder sie zahlen einen regelmäßigen Beitrag zur gezielten Unterstützung von Aktivitäten, zum Beispiel einer Veranstaltungsreihe wie die Science Brunches. Zu diesen Trägern gehören Unverdächtige wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG), Bundesamt für Umwelt (Bafu), Bundesamt für Kommunikation (Bakom), Bundesamt für Energie (BFE), Eidgenössisches Starkstrominspektorat (Esti), die Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz (Bpuk) und andere Unverdächtige mehr.

Prinzip Brandmauer

Aus meiner Sicht ist es nach dem Verursacher-Prinzip völlig in Ordnung, wenn eine Industrie, so sie mit einer Technik Geld verdient, der möglicherweise gesundheitliche Risiken für die Bevölkerung innewohnen, sich an der Erforschung dieser Risiken finanziell beteiligt und diese Last nicht allein die Steuerzahler tragen lässt. In Ordnung ist dies dann, wenn die Industrie keinen Einfluss auf die Forschung nehmen kann. Weltweit wird deshalb das Modell praktiziert, zwischen geldgebender Industrie und beauftragter Forschung eine Brandmauer zu ziehen, z.B. in Gestalt einer staatlichen Behörde, welche die Forschungsaufträge vergibt oder wie im Fall FSM mit einer Stiftung, deren Satzung eine Einflussnahme der Geldgeber ausschließt. Bei der FSM entscheidet allein der Wissenschaftliche Ausschuss über die Vergabe von Forschungsaufträgen. Der Ausschuss besteht aus maximal acht Mitgliedern. Ihm gehören der FSM-Geschäftsleiter und bis zu sieben externe wissenschaftliche Experten an. Externe Mitglieder erfüllen ihre Aufgaben unentgeltlich. Weder Sponsoren noch Träger der Stiftung sind im Wissenschaftlichen Ausschuss vertreten oder haben Einsicht in dessen Arbeit. Sie können die Entscheide auch nicht anfechten.

Doppelmoral der "Kompetenzinitiative"

Buchner et al. unterstellen der FSM unausgesprochen, sie nehme ihre Funktion als Brandmauer nicht wahr. Da dies ohne Vorlage harte Belege für ein Versagen dieser Brandmauer geschieht ist dieses Argument schwach, wegen der industriellen Sponsoren der FSM jedoch auf emotionaler Ebene nachvollziehbar. Glaubhafter werden Buchner et al. dadurch jedoch nicht. Denn sie legen bei der FSM ethische Maßstäbe an, auf die sie sofort verzichten, wenn es zu ihrem Vorteil ist. So hat die "Kompetenzinitiative" mit Joachim Gertenbach derzeit ein Vorstandsmitglied, das als Baubiologe und ehemaliger 1. Vorsitzender des Verband Baubiologie einem unübersehbaren Interessenkonflikt unterliegt. Denn je stärker irrationale Ängste in der Bevölkerung gegenüber EMF grassieren, desto besser laufen die Geschäfte von Baubiologen. Dies dürfte unstreitig sein. Buchner et al. haben auch keinerlei Hemmungen, mit einer "alarmierenden" Review zum Stand des Wissens über "Oxidativen Stress durch EMF", verfasst von Meike Mevissen und David Schürmann, die Bevölkerung zu beunruhigen. Wäre die FSM so korrupt, wie Buchner et al. es unterstellen, dürften sie dies auf keinen Fall tun, denn Mevissen und Schürmann sitzen derzeit im Wissenschaftlichen Ausschuss der FSM. Dies wird geflissentlich stillschweigend nur deshalb übersehen, weil die Review der beiden, im Gegensatz zum TAB-Bericht, die Erwartungshaltung der "Kompetenzinitiative" nach "alarmierenden" Ergebnissen erfüllt. Die Doppelmoral der "Kompetenzinitiative" zeigte sich auch an ihrer innigen Zusammenarbeit mit dem inzwischen verstorbenen Franz Adlkofer. Offensichtlich störte sich keiner der "Kompetenten" daran, dass Adlkofer über gut zwei Jahrzehnte hinweg ein Lobbyist der Tabakindustrie war und gesetzliche Regelungen zum Schutz von Nichtrauchern in Deutschland erfolgreich verzögerte. Da wirkt die Bezeichnung "Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie e. V." wie blanker Hohn. Um sich näher zu kommen und beide Augen zuzudrücken genügte es, dass Adlkofer zwei alarmierende Mobilfunkstudien managte und sich in seiner Spätkarriere als überzeugter und äußerst fleißiger Mobilfunkkritiker gab.

Auch IZgMF mit TAB-Bericht nicht glücklich

Aus meiner Sicht hat das TAB mit seinem Bericht alles richtig gemacht. Denn nicht nur Buchner et al. jammern, der Bericht enttäusche komplett, auch das IZgMF ist mit dem Bericht nicht glücklich. Mir ist er zu abstrakt, wodurch sich große Interpretationsspielräume ergeben und ich vermisse jeglichen Hinweis darauf, dass die "Mobilfunkdebatte" in Deutschland zu großen Teilen eine gesteuerte Inszenierung und keine "Graswurzelbewegung" ist. Schön wäre es auch gewesen, hätten die Autoren des Berichts ihre Empfehlung einer Partizipation von Stakeholdern nicht nur den Bundespolitikern ins Stammbuch geschrieben, sondern auch selbst befolgt. Beim IZgMF hat jedoch niemand vom TAB angeklopft und offensichtlich auch nicht bei Diagnose-Funk oder der "Kompetenzinitiative". Das aber wäre für den Bericht mMn wie die Prise Salz für die Suppe gewesen :lookaround:.

Hintergrund
TAB-Projektseite zum Bericht "Mögliche gesundheitliche Auswirkungen verschiedener Frequenzbereiche elektromagnetischer Felder (HF-EMF)"

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Unterstellung, Meinung, Korruption, Doppelmoral, Inszenierung, Buchner, TAB, FSM, Blähboy


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