2.3.2 Hensinger vs. Röösli: Meßprojekt NRW (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 29.08.2022, 22:37 (vor 98 Tagen) @ H. Lamarr

[...] 5G ist effizienter als bisherige Mobilfunktechnologien, und damit nehmen die Emissionen pro übermittelte Datenmenge ab [6]. [...]

Peter Hensinger erwidert auf die zitierte Textpassage:

[...] Eine Messreihe des Landes Nordrhein-Westfalen ergab Maximalwerte von 30,44 V/m (= 2.460.000 μW/m²) in Dortmund, in Köln 14,6 V/m (= 565.000 μW/m²). Das sind extrem hohe Belastungen und 5G-Anwendungen liefern hierzu aufgrund der neuen Antennentechnik (im 3,6 GHz Band) einen überproportional hohen Anteil. [...]

Die Messreihe "Elektromagnetische Felder in NRW – Feldmessungen im Umfeld von 5G-Mobilfunksendeanlagen" (Volltext) wurde im Auftrag des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW erstellt und im November 2021 veröffentlicht.

Auf die Umrechnung der Immissionswerte in μW/m² durch Peter Hensinger will ich nicht noch einmal eingehen, bleiben wir also bei der vernünftigen Immissionsgröße elektrische Feldstärke (V/m). Was gibt es an Hensingers Darstellung zu beanstanden?

► Der Herausforderer hat sich von den 40 Messpunkten des Projekts (je vier Messpunkte im Umkreis von zehn 5G-Basisstationen) die zwei herausgepickt, die sich aus seiner Sicht wegen besonders hoher Werte zur Bestätigung seiner Einschätzung eignen. Warum er als Zweitplatzierten Köln nennt (14,6 V/m) und nicht Bonn (15,11 V/m) bleibt sein Geheimnis.

► Hensingers Beurteilung, die beiden Werte wären "extrem hohe Belastungen" zeigt seine Nähe zu wissenschaftlich nicht begründbaren "baubiologischen Richtwerten". Gemessen an den geltenden Referenzwerten gemäß Icnirp beträgt die maximale Grenzwertausschöpfung rd. 47 Prozent und gibt somit keinerlei Anlass zur Sorge.

► Die von Hensinger genannten beiden Werte sind keine Messwerte, sondern auf Vollauslastung der Basisstationen hochgerechnete Werte. Der Unterschied zu tatsächlich gemessenen Momentanimmissionen ist erheblich. So wurden in Dortmund (MP 10.3) statt 30,44 V/m nur 2,94 V/m gemessen, in Köln (MP 6.1) statt 14,6 V/m nur 0,69 V/m.

► Der Messpunkt (MP 10.3) in Dortmund liegt horizontal nur 32 Meter von der Antenne entfernt, Sichtverbindung und der flache Vertikalwinkel von 14° zwischen Sendeantenne und Messpunkt erklären die höhere Exposition.

► Die von Hensinger genannten Werte bilden die Gesamtimmission ab, darin enthalten sind Immissionsanteile von GSM, LTE, DSS (Dynamische Spektrumaufteilung zwischen 4G und 5G) und von 5G im 3,6-GHz-Band. Hensingers Behauptung, "5G-Anwendungen liefern hierzu aufgrund der neuen Antennentechnik (im 3,6 GHz Band) einen überproportional hohen Anteil" trifft nur auf die Ausnahmesituation Vollauslastung zu (siehe Seite 62, Tabelle 3.17). Im Normalfall prägen LTE/GSM die Immission, was auf die (noch) geringe 5G-Netzauslastung zurückzuführen ist (siehe Seite 62, Tabelle 3.18).

► Da die 5G-Netzauslastung zum Zeitpunkt der Messungen noch schwach war, wurde bei sechs der zehn untersuchten Basisstationen an den Messpunkten eine typische Lastsituation herbeigeführt (Streamen des ARD-TV-Programms), um realistischere Messwerte zu bekommen. Die Ergebnisse sind auf Seite 57, Tabelle 3.14, ersichtlich. In Köln (MP 6.1) führte die Lastsituation zu 0,31 V/m, in Dortmund (MP 10.3) zu 1,15 V/m.

Fazit: Der Herausforderer betreibt Rosinenpickerei, indem er sich aus dem Messbericht zwei hohe Immissionswerte angelt und den falschen Eindruck erweckt, dabei handle es sich um gemessene Maximalwerte. Tatsächlich sind es auf Volllast hochgerechnete Werte. Verboten ist diese Darstellung nicht, sie gibt jedoch einen extremen Betriebszustand einer 5G-Basisstation wieder. Üblicherweise heißt es, Basisstationen würden nur selten unter Volllast arbeiten, genauere Abgaben sind nur dem jeweiligen Netzbetreiber bekannt. Momentan gemessene Immissionen im 3,6-GHz-Band lagen um mindestens Faktor zehn unter den Maximalwerten. Die Autoren des Messberichts führen diese niedrigen Messwerte auf die seinerzeit geringe Nutzung des 3,6-GHz-Bandes zurück. Eine gezielt abgerufene typische Lastsituation wirkte sich jedoch nur wenig auf die gemessene Immission aus (siehe Grafik). Die Grafik visualisiert auch, wie verzerrt Hensingers Fixierung auf zwei der höchsten Maximalwerte das tatsächliche Immissionsgeschehen zum Messzeitpunkt abbildet.

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Bild: Lanuv NRW

Wertung: 0 Punkt für den Herausforderer (diesmal scheiterte er trotz allem nur knapp)

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Diagnose-Funk, Hensinger, Irreführung, Irrtum, Faktencheck, Rosinenpickerei, Zweifel säen


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