2.1 Hensinger vs. Röösli: "massiver Anstieg der Belastung" (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 13.08.2022, 01:34 (vor 179 Tagen) @ H. Lamarr

Wie sich die Einführung von 5G gesamthaft auf die Exposition der Bevölkerung auswirken wird, hängt von den zukünftigen Applikationen ab, die zurzeit noch weitgehend unbekannt sind. So war bei der Einführung von 2G auch nicht vorhersehbar, dass Textnachrichten eine wichtige Anwendung dieser Technologie sein würden. Danach schaffte der 3G-Standard die Voraussetzungen für die Nutzung von Smartphones, welche einige Jahre später entwickelt wurden.

Peter Hensinger erwidert auf die zitierte Textpassage:

Unbekannt ist jedoch fast nichts. Zur Realisierung der digitalen Transformation soll alles mit allem vernetzt dauernd funken.(3) Röösli selbst konzediert einen „erhöhten Bedarf an Mobilfunkbasisstationen“, die Milliarden Geräte des Internets der Dinge vernetzen sollen, den autonomen Auto-, Bus-, Straßenbahn- und Zugverkehr, die Streitkräfte und Sicherheitsorgane, drahtlose Bezahlsysteme, WLAN in Schulen und Behörden, Videostreaming und nicht zuletzt Smartphones im Dauerbetrieb. Das wird zu einem massiven Anstieg der Belastung führen.

Wenn nichts dazwischen kommt, werde ich den Stuttgarter in zehn Jahren an seine Worte erinnern, von den dann praktizierten 5G-Anwendungen sei im Jahr 2022 fast nichts unbekannt gewesen :-).

Das Internet der Dinge (IoT) hat ursächlich nichts mit 5G zu tun. Ein Großteil der Milliarden "IoT-Geräte" werden batteriebetriebene IoT-Sensoren sein, die häufig so selten und so wenige Daten per Funk senden, dass selbst GSM dies noch bewältigen könnte, gäbe es inzwischen nicht so viele dieser Sensoren und wäre GSM nicht so stromhungrig. IoT-Sensoren nutzen gegenwärtig z.B. auf LTE den Kanal Narrowband-IoT (NB-IoT) gerne auf tiefen Trägerfrequenzen wegen der hohen Reichweite und der guten Gebäudedurchdringung. Sind Datenrate und Latenzzeit von NB-IoT zu schwach, kommt mit besseren Leistungsdaten z.B. LTE-M ins Spiel (M wie Maschinen). Klar, auch 5G kann IoT, und wie! Gegenwärtig schafft 5G im SA-Betrieb maximal eine Datenrate von etwa 3 Gbit/s, später sollen es mehr werden. Und jetzt nehmen wir in einer kleinen Modellberechnung an, das 5G-IoT-Funkmodul in einem Funk-Wasserzähler sendet den Zählerstand minütlich mit einem 1-kbit-Datenpaket. Der 5G-Funkkanal wäre mit diesem kleinen Datenpaket für ganze 0,33 µs aktiv. Das ist 300'000-Mal kürzer als ein Wimpernschlag! Oder anders gesagt: Unser flotter 5G-Funkkanal könnte die Datenpakete von 3 Mio. Funk-Wasserzählern in nur 1 s übertragen.

Mit der Modellberechnung will ich sagen: Hensingers Milliarden IoT-Geräte wird es mutmaßlich tatsächlich geben, daraus aber den Schluss zu ziehen, 5G-Mobilfunknetze würden ständig unter Volllast brummen, ist mit Sicherheit falsch. Zumal IoT in der Industrie nicht in öffentlichen 5G-Funknetzen stattfinden wird, sondern in 5G-Campusnetzen auf Firmengelände. Die Überlegung, dass 5G mit seiner hohen Datenrate die Übertragungszeit verkürzt und damit auch die Zeitspanne, in der ein 5G-Funkkanal "auf Sendung" ist, gilt auch für alle anderen von Hensinger vorgetragenen 5G-Anwendungen. Was ist schon dabei, angelt sich ein Sitznachbar in wenigen EMF-emmissionsrelevanten Sekunden einen 90-minütigen Spielfilm, um sich den anschließend offline anzuschauen? Dazu muss man wissen: Ungenutzt ist ein 5G-Funkkanal nahezu emissionsfrei (Quelle).

Was "WLAN in Schulen und Behörden" mit 5G zu tun haben soll, wollte sich mir nicht erschließen. Ebenso wenig der "Dauerbetrieb von Smartphones", dem im 5G-Modus die begrenzte Akkukapazität schnell ein Ende setzen wird.

Fazit

In dieser Erwiderung transformiert der Herausforderer seine persönliche Meinung ohne jeden Beleg in die Tatsachenbehauptung "Das wird zu einem massiven Anstieg der Belastung führen". Als Meinung könnte man dies unwidersprochen gelten lassen, als Tatsachenbehauptung nicht. Mag schon sein, dass wegen neuer flächendeckend verfügbarer 5G-Anwendungen die EMF-Exposition der Bevölkerung zunehmen wird, doch um wie viel, das weiß heute niemand. Möglicherweise stuft der Herausforderer auch nur eine bescheidene Zunahme um fünf Prozent schon als "massiv" ein. Eines aber ist sicher: Eine Überschreitung der zulässigen Expositionsgrenzwerte gemäß 26. BImSchV wird es nicht geben, und weil diese bislang in aller Regel nur wenig ausgeschöpft werden, ist noch reichlich Platz nach oben.

Fürs Protokoll: Der Herausforderer leistet sich mit der Behauptung "Röösli selbst konzediert einen 'erhöhten Bedarf an Mobilfunkbasisstationen'" eine kleine Zitatverfälschung durch Weglassung. Denn Röösli fährt im Original fort mit: "Das muss aber nicht notwendigerweise eine Zunahme der Bevölkerungsexposition gegenüber HF-EMF nach sich ziehen. So kam eine Simulationsstudie für die Schweiz zum Schluss, dass mehr Mobilfunkbasisstationen, d. h. eine Reduktion des Zellenradius, zu einer Verringerung der Gesamtexposition von Mobilfunknutzenden um einen Faktor 2–10 führen [5]."

Wertung: 0 Punkt für den Herausforderer

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Hensinger, Irreführung, Tatsachenbehauptung, Zitatverfälschung, Deutungshoheit


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