Distributed Antenna Systems (Das) machen Indoor zu Outdoor (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 08.08.2021, 15:58 (vor 488 Tagen) @ H. Lamarr

Höchstwahrscheinlich hat die Einschätzung der drei Studienautoren nichts mit Gutbiers Strahlenphobie zu tun, sondern mit dem Energieaufwand, der für die Gebäudedurchdringung bei hohen Frequenzen erforderlich ist.

In dieser Einschätzung sehe ich mich von den Erläuterungen des UBA voll und ganz bestätigt.

Die Mobilfunknetzbetreiber werden sich zukünftig, wenn mit dem Bandbreitenbedarf auch die Trägerfrequenzen steigen, von der bisher praktizierten brachialen Innenraumversorgung von außen verabschieden müssen. Die Technik zur Indoor-Versorgung ist seit langem bekannt und die Mobilfunknetzbetreiber brauchen keine Ratschläge von Mobilfunkgegnern (Trennen von Indoor- und Outdoor-Versorgung), wie sie das aufkommende Problem mit der Gebäudedämpfung lösen können. Das Zauberwort dafür heißt "Das" (Distributed Antenna System).

Das Prinzip ist denkbar einfach: Eine außen am Gebäude angebrachte Antenne empfängt die Funksignale von Basisstationen und leitet diese per Kabel ins Gebäudeinnere. Dort werden die Signale ggf. verstärkt und vielen im Gebäude verteilten Antennen zugeleitet, die sie schlussendlich abstrahlen. Sinngemäß funktioniert es so auch in umgekehrter Richtung.

Auf diese Weise werden schon heute große Gebäudekomplexe (starker Dämpfung durch viele Mauern und Decken) wie Krankenhäuser oder Hochhäuser innen mit Funk versorgt. Mit zunehmenden Trägerfrequenzen wird diese Problemlösung auch für kleine Gebäude in Betracht kommen. Smartphonebesitzer bemerken von dieser Technik nichts, sie können sich ungehindert und ohne Verbindungsabbrüche in Das-versorgten Gebäuden bewegen. Auf den Kosten dieser Versorgung werden jedoch aller Voraussicht nach die Gebäudeeigentümer sitzen bleiben, es sei denn, Mobilfunknetzbetreiber erkennen darin ein Marketinginstrument zur Kundenbindung, so wie sie einem heute z.B. W-Lan-Router "schenken".

Eine Energiebilanz, die zeigt, ob Das-Lösungen unterm Strich insgesamt merklich weniger Energie schlucken als Funkmasten, die voll aufgedreht mit hoher Sendeleistung versuchen Mauern zu durchdringen, ist mir nicht bekannt. Es dürfte auch nicht einfach sein, so eine Bilanz treffend zu ziehen.

Sicher ist, ab einem bestimmten Trägerfrequenzbereich wird die Gebäudedämpfung für die Funkkommunikation zwischen Funkmast und Smartphone zu einem existentiellen Problem. Dann trotzdem noch zu versuchen, allein mit hochgeschraubter Sendeleistung ins Gebäude einzudringen, statt mit Das den intelligenteren Weg zu wählen, wäre ebenso unklug wie der umständliche Versuch der jungen Dame in folgendem Video, an ihren Autoschlüssel zu kommen:

Anzunehmen ist ferner, dass zukünftig zuerst nicht die leistungsstarken Funkmasten an Mauern scheitern werden, sondern die leistungsschwachen Smartphones, denen nur ein paar hundert Milliwatt zur Verfügung stehen, um Mauern von innen nach draußen zu durchdringen. Oder anders gesagt: Die Zeit für flächendeckendes Das dürfte spätestens dann reif sein, wenn wir unsere künftigen 6G- oder 7G-Smartphones 2-mal täglich laden müssen :-). Und wahrscheinlich ist es eine gute Idee, vorsorglich schon heute sein Geld in Das-Anbieter zu investieren, bevor dieser Branche in vielleicht zehn Jahren der Goldrausch winkt.

Auch wenn der Grundgedanke von Das simpel ist, so ist die optimale Planung und Installation eines solchen Systems kein Kinderspiel. Dazu ist mehr erforderlich, als irgendwo drinnen einen Repeater an die Wand zu nageln. Zu dieser Einsicht brachten mich die vielen passiven und aktiven Das-Varianten, die mir bei meinen Streifzügen durchs www begegnet sind. Glaubt man dem Mann im Video oben, ist es z.B. keine gute Idee, die Katakomben eines Stadions mit einem passiven Das versorgen zu wollen. Die Länge der signaldämpfenden Kabelage würde so einen Plan, der energetisch vorteilhaft wäre, wahrscheinlich scheitern lassen.

Hintergrund
Das in Wikipedia (englisch)
5G Indoor White Paper von ZTE (PDF, 23 Seiten)
Das-Kursangebot von Telcoma
Cellular Distributed Antenna Systems (DAS): The Definitive Guide
Wissenschaftliche Artikel zu Das

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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