Wie ist das Leben in einer Sekte? (Allgemein)

KlaKla, Dienstag, 18.08.2020, 16:52 (vor 406 Tagen) @ H. Lamarr

Ruth Tuschewski August 4, 2019

Das Leben in einer Sekte ist für Aussenstehende befremdlich und unverständlich. Es ist für mich ein düsterer Teil meiner Kindheit, den ich erfolgreich hinter mich gebracht habe, aber irgendwie nie ganz damit abschliessen konnte.

Als ich sechs Jahre alt war, trafen meine Eltern Ivo Sasek

bzw. seine Familie in einer nahegelegenen Stadt, als sie mit ihren Familienoratorien herumzogen. Davor waren wir Teil einer kleinen Landeskirche, lebten ein klassisches christliches Leben mit Tischgebeten, Kindergeschichten aus der Bibel, aber auch sehr viel Liebe und Familienzeit. Ich erinnere mich, dass mein Vater ein Klettergerüst in dem Zimmer, dass ich mir mit meinem jüngeren Bruder teilte, gebaut hatte und wir viele Ausflüge mit den Fahrräder machten. Das alles sollte sich nach diesem Abend ändern. Nur dass ich das damals noch nicht begriff.

Besonders mein Vater schwärmte von der Ausstrahlung der zwöflköpfigen Familie, von ihrem Kinderreichtum und der Botschaft des Reich Gottes auf der Erde. Er wollte unbedingt, dass wir einen ihrer „Besuchertage“ miterlebten. Ich war noch sehr jung, aber ich erinnere mich, dass ich schon vom ersten Tag an nicht zu diesen Leuten wollte. Das lag daran, dass ihre Versammlungen einen ganzen Tag andauerten. Ivo Sasek predigte mehrere Stunden, es gab eine überfüllte Kinderbetreuung. Ich sass mit meinem damals vierjährigen Bruder in einer Ecke und hoffte, es wäre bald vorbei. Diesem Besuchertag folgte ein Besuch bei einem Familienoratorium (ich glaube, es war diese Veranstaltung, bin mir aber nicht mehr sicher, in jedem Fall war es sehr ähnlich). Das Danach meldeten sich meine Eltern verbindlich. Dem Schritt der Verbindlichkeit folgt „die Bemessung“. Ich kann mich nicht mehr an die Bemessung meiner Eltern interessieren, sollte aber bald eine solche selbst durchmachen. Nach dieser dreitägigen Konferenz war meine Familie Mitglied der Organischen Christus Generation, kurz OCG mit Sitz in der Schweiz...

... Die Isolation geht einher mit Panikmache. Ivo Sasek predigte stets von einem Endzeitszenario. In der OCG war der Himmel, da draussen tobte die Hölle. Die Medien, die Technologie, die Schulen, alles war Teil des teuflischen Werks. Das war rückblickend das Schwierigste beim Aussteigen: es war ja nicht alles schlecht an dieser Gemeinschaft, ich hatte zwar kaum Freunde in der Schule oder im Dorf, aber in der Organisation, ich hatte tatsächlich Angst, dass das, was sie gesagt hatten wahr sein könnte. Ich hatte es mehr als zehn Jahre meines Lebens geglaubt.

Es gäbe noch so viel mehr Details zu erzählen. Im Allgemeinen wurde ich selbst skeptisch, als ich mein Leben in der OCG mit den Strukturen unter Adolf Hitler in Deutschland verglich und sie erschreckend ähnlich waren.

Kommentar: Danke an Ruth, für deine Zeilen. Es ist traurig was Eltern ihren Kindern antun, weil sie einer Überzeugung aufsitzen.

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Meine Meinungsäußerung

Tags:
Sekte, Aussteiger, Sasek, OCG, Bemessung


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