Überraschung: Neil Cherry entlastete ICNIRP versehentlich (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 23.06.2020, 00:20 (vor 158 Tagen) @ H. Lamarr

Auszug von Seite 26 des Buchner/Rivasi-Berichts:

[...] Er [Neil Cherry; Anm. Postingautor] warf Repacholi zudem vor, enge Verbindungen zur Industrie zu unterhalten. "Er trat nicht nur in Neuseeland in zwei Gerichtsverfahren für Industriekunden auf, in Wien war er zu einer von der Industrie gesponserten Pressekonferenz eingeladen, wo er erklärte, es gebe keine Beweise dafür, dass GSM-Mobiltelefone gesundheitsgefährdend seien. Auf der Konferenz präsentierte er seinen Vortrag über das von Telstra (u.a. Australiens größter Mobilfunknetzbetreiber) finanzierte Projekt, das zeigte, dass die Strahlung von GSM-Mobiltelefonen bei ziemlich niedrigen nichtthermischen Werten den Krebs bei Mäusen verdoppelt. Auf die Frage des Konferenzvorsitzenden Dr. Michael Kundi sagte Dr. Repacholi, eine Studie sei erst dann ein Beweis, wenn sie repliziert wird. Die Konferenzteilnehmer haben dies zurückgewiesen. Eine Studie ist ein Beweis. Die Replikation liefert Bestätigung und Gewissheit". [...]

Englischer Originaltext: [...] He also accused Repacholi of maintaining close links with industry. “He not only appeared in New Zealand in two court cases for industrial clients, in Vienna he was taken to an industry sponsored press conference where he stated that there was no evidence that GSM cell phones were hazardous to health. At the conference, he presented his paper on the Telstra (Telstra is Australia's largest mobile network operator and telecom company) funded project that showed that GSM cell phone radiation at quite low non-thermal levels, doubled the cancer in mice. When challenged by the conference chairman, Dr Michael Kundi, Dr Repacholi said that a study is not evidence until it is replicated. The conference rejected this. A study is evidence. Replication provides confirmation and establishment.” [...]

Eine Quelle wird für dieses Textfragment nicht genannt. Die direkte Suche danach führt mit Google zu einem einzigen Treffer, der aber ist wertlos, weil nur der Buchner/Rivasi-Bericht.

Da an dem Text einiges seltsam ist, etwa der plötzliche Umschwung der Pressekonferenz zu einer wissenschaftlichen Konferenz mit Chairman, oder die einhellige Zurückweisung von Repacholis Stellungnahme zum Wert von Replikationen, bohrte ich im Internet gezielt nach dieser eigentümlichen Konferenz.

In 20 Jahren Tiefe wurde ich fündig.

Damals, im Mai 2000, stellten die Austrian Research Centres Seibersdorf (ARCS) in Wien neue Forschungsergebnisse unter dem verknöcherten Titel "Studie der dokumentierte Forschungsresultate der Wirkung hochfrequenter elektromagnetischer Felder" im Rahmen einer Pressekonferenz mit begleitender Podiumsdiskussion vor. Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren Ulf Bergqvist (Schweden), Michael Kundi (Österreich), Georg Neubauer (ARCS), Michael H. Repacholi (Australien), Thomas Tenforde (USA), Helga Tuschl (ARCS) und Bernard Veyret (Frankreich). Eine Zusammenfassung der Veranstaltung gibt es hier zu lesen.

Die Quelle passt, vom unerwähnten vermutlich frei erfundenen Industrie-Sponsering abgesehen, bestens zu den im Buchner/Rivasi-Bericht geschilderten Begleitumständen, die Darstellung aber bestätigt sie nicht. Die angebliche "Konferenz" stellt sich als Podiumsdiskussion heraus und wenn überhaupt, dann war Michael Kundi deren Moderator und nicht "Konferenzvorsitzender" (Pressekonferenzen und Podiumsdiskussionen haben nie einen Vorsitzenden). Was der Bericht über den Kundi-Repacholi-Dialog schreibt, wird in der Quelle nicht erwähnt, dort steht nur, dass Repacholi als Autor einer damals viel beachteten (weil alarmierenden) Krebsstudie an Mäusen seine eigenen Studienergebnisse anzweifelte, solange diese nicht repliziert worden seien. Angeblich waren alle anderen Teilnehmer der "Konferenz" anderer Meinung: Eine Studie, egal ob repliziert oder nicht, sei ein Beweis.

Nehmen wir einmal an es war wirklich so. Dann müssen auch Bergqvist und Veyret den Standpunkt Repacholis verworfen haben. Doch die beiden waren damals Mitglieder der ICNIRP-Kommission! Sie hätten sich damit gegen den ICNIRP-Mitbegründer und Ex-Vorsitzenden Repacholi gestellt und vor allem gegen das angebliche von "der Industrie" in die Wissenschaft eingeschleuste Dogma, alarmierende Studien erlangten erst nach erfolgreicher Replikation Bedeutung. Dies erscheint mir extrem unwahrscheinlich. Denn Bergqvist und Veyret hätten damit den angestrebten Eindruck widerlegt, den Neil Cherry unbedingt erwecken wollte, dass nämlich ICNIRP-Mitglieder durchtriebene Gauner sind, die heimlich im Dienst "der Industrie" stehen.

Das analysierte Textfragment, ich konnte es schließlich in einer Originalarbeit Cherrys vom 8. September 2000 doch noch finden, ist nichts weiter als eine grob verzerrte Überlieferung der ARCS-Veranstaltung vom Mai 2000. Mutmaßlich wurde Cherry die Information über "stille Post" zugetragen und auf diesem Weg verfälscht. Denkbar ist auch, dass er im Publikum an der Veranstaltung teilnahm, denn im Jahr 2000 war der Neuseeländer in Österreich auf Tournee. So oder so haben die Autoren des Buchner/Rivasi-Berichts sich mit der Auswahl dieses Textfragments einen kuriosen Fehlgriff geleistet, denn, wäre es wahr, entlastet es ICNIRP unfreiwillig statt den Verein zu belasten.

Dieses Beispiel zeigt einen systematischen Mangel des Buchner/Rivasi-Berichts: Die Autoren haben geschossen, was ihnen an Belastungsmaterial gegen ICNIRP vor die Flinte kam, den Wahrheitsgehalt ihrer Treffer prüften sie nicht. Der Bericht beruht daher auf der weltfremden Annahme, alles was das www bei einer Recherche hergibt sei wahr. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Bericht nur eine Treffersammlung ohne Erkenntnisgewinn gegenüber den Fundstellen im Netz, denn ungeprüft kann jeder Treffer wahr oder unwahr sein. Es wäre interessant zu wissen, wie viel Geld die Fraktion der Grünen/EFA im Europaparlament für ein derart wertloses Papier auf den Tisch gelegt hat.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Repacholi, ödp, Täuschung, Buchner, Kundi, Cherry, Rivasi, Chairman, Pressekonferenz


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