Focus-Online: "Professor warnt vor 5G-Gefahren" (Medien)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 01.09.2019, 16:47 (vor 460 Tagen) @ H. Lamarr

Am 13. August 2019 brachte Focus-Online einen Gastbeitrag des Journalisten Gabor Steingart mit dem Titel: Professor warnt vor 5G-Gefahren: "Es werden Erbinformationen destabilisiert". Man könnte es mit der Angst bekommen, gäbe es an dem kurzen Artikel nicht einiges auszusetzen.

Gabor Steingart ist ein erfahrener Journalist, wenn auch kein unumstrittener. Irgendwann im August muss er auf die Idee gekommen sein, für das "Morning Briefing", das er für Focus-Online schreibt, das Thema "Risiko 5G" anzupacken. Wie es sich für einen seriösen Journalisten gehört, der von der Sache selbst nichts versteht, holte er sich (am Telefon) eine Pro- und eine Kontra-Meinung ein und bastelte daraus eine 5G-Alarmstory mit einem Schuss Entwarnung. Auf den ersten Blick gibt es an dieser Recherche nichts auszusetzen, auf den zweiten aber schon.

1. Auswahl der Gesprächspartner
Als erfahrener Journalist weiß Steingart, als Belastungszeugen für ein 5G-Gesundheitsrisiko kann er sich keines Druckers aus Stuttgart bedienen oder eines Baubiologen aus Herrenberg, er brauchte eine Kapazität mit Rang und Namen, am besten einen Wissenschaftler. Seine Wahl fiel auf Prof. Wilfried Kühling (Jg. 1948), der im www mühelos als Mobilfunkkritiker auszumachen ist und als langjähriges Mitglied im Bundesvorstand des BUND sowie Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats dieses großen Vereins die Autorität hat, die Steingart brauchte. Wer Kühling nach Risiken des Mobilfunks befragt, weiß von vornherein in welche Richtung die Antworten des Professors gehen werden, Steingart konnte also sicher sein, von ihm nichts Entwarnendes aufgetischt zu bekommen. Das war wichtig, denn für Entwarnung hatte Steingart mit Nicole Meßmer eine Sprecherin des Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) vorgesehen.

Doch das Fernduell Kühling vs. Meßmer ist nur scheinbar fair, denn Kühling vertritt eine wissenschaftliche Außenseitermeinung. Ihn allein gegen Meßmer antreten zu lassen ist zwar bequem für Steingarts Schnellrecherche, bildet die wahren wissenschaftlichen Kräfteverhältnisse jedoch nur stark verzerrt ab und gaukelt eine 1:1-Pattsituation vor, die real nicht gegeben ist. Hätte Steingart diese Verzerrung vermeiden wollen, Kühling hätte nicht gegen einen, sondern gegen mindestens zehn Meinungsgegner antreten müssen. Wie dies im Alltag eines Journalisten zu realisieren gewesen wäre ist nicht mein Problem, da es ersichtlich jedoch sehr aufwendig ist stellt sich aus meiner Sicht eher die Frage, ob verzerrende 1:1-Duelle zwischen kleinen Minderheiten und großen Majoritäten nicht grundsätzlich der falsche Weg sind. In einem anderen aber vergleichbaren Zusammenhang (Gutachter-Stellungnahmen) hatte 2014 ein US-Richter diese Problematik in einem Mobilfunkprozess plakativ auf den Punkt gebracht.

2. Kokettieren mit Autoritäten
In seinem "Morning Briefing" stellt Steingart seinen Belastungszeugen mit den Worten vor:

Für den Morning Briefing Podcast habe ich mit Prof. Wilfried Kühling von der Luther-Universität Halle-Wittenberg gesprochen. Er leitet den wissenschaftlichen Beirat des BUND und hält die 5G-Technologie für gefährlicher als es Firmen und Staat glauben machen wollen.

Jeder verständige Leser muss Kühling im Kontext für einen ausgemachten Experten in 5G-Streifragen halten. Doch ist er das wirklich? Aus meiner Sicht nein, denn Steingart lässt großzügig weg, dass Kühling nicht etwa Professor der Biologie oder Nachrichtentechnik ist, sondern am Institut für Geowissenschaften und Geographie der Universität Halle-Wittenberg mit Raum- und Umweltplanung beschäftigt war, was mit Mobilfunk, wenn überhaupt, nur am Rande zu tun hat. Kühlings Ruf als Mobilfunkkritiker entspringt nicht seiner beruflichen Expertise in diesem Fach, sondern privater Leidenschaft, Kühling ist, was Mobilfunk anbelangt ein fachlicher Laie, der sich autodidaktisch mit dem Thema befasst. Dies alles erdrückt Steingart mit seinem Hinweis, Kühling sei Professor, er befolgt damit Schopenhauers rhetorischen Kunstgriff 30 (vorschieben von Autoritäten), um berechtigte Zweifel an den Ausführungen des (fachfremden) Professors im Keim zu ersticken. Dabei war Steingart selbst durchaus klar, dass sein Gesprächspartner nicht vom Fach ist. So identifiziert er ihn in der Audioaufzeichnung seiner beiden Telefonate ab Minute 14:05 klar als Raum- und Umweltplaner, er sei kein Mediziner, Biologe oder Physiker. Steingart wollte von seinem Interviewpartner wissen, wie denn die Professoren anderer Fakultäten auf das angebliche Risiko 5G reagierten. Das hat er gut gemacht. Kühling geriet ins Schwimmen, blinkte links und bog rechts ab, um der Gefahrenzone schnell zu entkommen. Leider hat es diese Passage nicht in Steingarts Artikel geschafft.

Wieder weniger gut: Steingart erweckt den Eindruck, Kühling sei Universitätsprofessor im aktiven Lehrbetrieb. Doch das stimmt nicht, Kühling ist emeritiert, mutmaßlich bereits seit 2013, eine Webseite der Lutheruniversität führt ihn nur noch als ehemaligen Mitarbeiter. Er ist weder in der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Leipzig, aktiv, noch in Planungsgemeinschaften oder in der Stadtplanung. Er betreut auch keine Arbeiten an der Universität mehr. Als ehemaliger Leiter seines Fachbereichs darf er allerdings weiterhin als Ansprechpartner für Journalisten auftreten. Dennoch: Einem beruflichen Ruheständler das Etikett eines im Lehrbetrieb tätigen Professors aufzukleben, um Kunstgriff 30 glaubhaft erscheinen zu lassen, das halte ich für irreführend. Möglicherweise ist Steingart aber auch nur an Kühlings (veralteter) Seite im Webauftritt der Universität gescheitert, die zu Fehldeutungen geradezu einlädt.

Unter der Maßgabe, dass Wilfried Kühling ein fachfremder Professor im Ruhestand ist, bleibt von Kunstgriff 30 nicht mehr viel übrig. Ich erspare es mir deshalb, auch noch auf den Inhalt der professoralen Ausführungen einzugehen, zumal es hier im Forum schon genug Kritik an Behauptungen Kühlings gibt.

3. Irreführende Formulierung
Nachdem er Wilfried Kühling zu Wort kommen ließ, wandte sich Steingart dem Bundesamt für Strahlenschutz zu. Die Überleitung formulierte er haarsträubend:

[...] Also habe ich für den Morning Briefing Podcast bei Nicole Meßmer durchgeklingelt, der Sprecherin der Aufsichtsbehörde.

Sie bestreitet die Aussagen des Professors nicht, hält sie aber für bislang nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. Meßmer war um Relativierung bemüht, aber auch um Aufrichtigkeit [...]

Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, kriegte ich den Mund nicht mehr zu. Der fachliche Laie Kühling entzückte Steingart mit dem erwarteten Potpourri an Bedenken und Befürchtungen – und Nicole Meßmer bestreitet die Aussagen des Professors nicht?! Diese faustdicke Überraschung war der Anlass für dieses Posting. Doch wie sich auf Nachfrage bei Meßmer herausstellte, konnte sie die Ausführungen Kühlings nicht bestreiten, weil sie von diesen keine Kenntnis hatte. Denn der Journalist sagt ihr zu Beginn seines Telefonats lediglich, er habe mit dem Professor gesprochen und dieser habe Bedenken gegenüber Handystrahlung, insbesondere gegenüber dem 5G-Ausbau geäußert, was sie denn dazu zu sagen habe (siehe auch Audioaufzeichnung ab Minute 17:20). Steingart schildert in seiner Überleitung also nicht etwa eine Äußerung Meßmers (ich bestreite nicht ...), sondern nur seinen persönlichen Eindruck aus dem Telefonat. Glücklich ist die Wortwahl, die ihm dazu eingefallen ist, nicht.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Journalist, Schopenhauer, Patt, Autodidakt, emeritiert, Focus, Ruhestand, Kühling, Meßmer, Boulevard, Steinhart


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