Die Berkeley-Connection: Wie alles begann (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 25.07.2014, 01:03 (vor 2864 Tagen) @ H. Lamarr

Berkeley ist eine kleine Stadt. Bürgermeister Tom Bates steht daher nur acht Stadträten vor, einen für jeden der acht Stadtbezirke. Am 8. Juli fand die letzte Stadtratssitzung vor der Sommerpause statt, erst am 8. September tagt der Rat wieder. Als abends um 19:00 Uhr die Sitzung eröffnet wurde, fehlen Zwei: Stadtrat Moore und Bürgermeister Bates. Vielleicht haben sie der alten Helen Farnsworth ihre Aufwartung gemacht und darüber die Zeit vergessen, denn Helen ist dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Die Sitzung wird dennoch abgehalten, wer fehlte, kann sich später anhand der 4-1/2-stündigen Videoaufzeichnung ein Bild davon machen, was im Sitzungssaal los war.

Die Tagesordnung umfasst mehr als 50 Punkte, die Stadträte haben daher einiges zu tun. Punkt 48 ist der, der uns hier interessiert. Es ist der Antrag (PDF, 2 Seiten, englisch) der beiden Stadträte Kriss Worthington und Maxwell Anderson: Der City Manager von Berkeley (Stadtdirektor) und der Gesundheitsausschuss mögen eine Verordnung auf den Weg bringen, die einen Warnaufkleber für Handys vorschreibt. Genauer gesagt: Der Aufkleber soll entweder im Einzelhandel auf die Verkaufsverpackungen von Handys geklebt werden oder schon vorher vom Hersteller oder Großhändler aufgeklebt worden sein. Auf jeden Fall müsste jede Verkaufsverpackung in den Regalen der Händler mit so einem Aufkleber versehen sein und drauf solle stehen, der Gebrauch von Handys könne Hirntumoren verursachen, wenn die Geräte mit weniger als zehn Millimeter Abstand zum Körper betrieben werden.

Die zehn Millimeter Abstand sind der Trick, mit dem die Initiatoren des Antrags hoffen, einen Rechtsstreit mit der Mobilfunkindustrie zu gewinnen. Denn auch in den Benutzerhandbüchern von Handys würden die Hersteller davor warnen, Handys näher als zehn Millimeter am Körper zu betreiben.

Unklar ist mir, wie ein z.B. in der Gesäßtasche in verbotenem Abstand getragenes Handy einen Hirntumor auslösen soll. Es sei denn, das Hirn des Betroffenen hat sich einen neuen Platz gesucht, bei manchen Mitmenschen scheint mir dieser Verdacht gar nicht so abwegig zu sein ...

Ob der Zehn-Millimeter-Trick den Antrag tatsächlich gerichtsfest machen wird bleibt abzuwarten.

Auch für den Text, der auf dem Aufkleber stehen soll, gibt es schon einen Vorschlag, dem ich allerdings wegen Überlänge und inhaltlicher Schwächen wenig Chancen einräume:

"The World Health Organization has classified wireless transmissions from cell phones as 'possibly carcinogenic,' based on an increased risk for brain cancer. Refer to the instructions in the phone or your user manual for the manufacturer's recommended distance to keep the phone from the body during use."

Ich sehe schon die Leute in Berkeley, wie sie telefonierend herumlaufen, die einen mit einem Stück Styropor zwischen Ohr und Handy, andere mit einem Toastbrot oder Papiertaschentüchern als akustisch durchlässigen Abstandshalter. Wahrscheinlich wird die Krimskramsbranche sich innerhalb von Tagen der Produktidee bemächtigen und Handy-Abstandshalter für alle Lebenslagen anbieten. Geschafft hat diese Branche den Durchbruch, wenn auch Vodafone, O2 und Telekom ihren Kunden die Abstandshalter als Gadget anbieten werden ;-).

Derjenige, der sich den Warntext für Worthington und Anderson ausgedacht hat, ist Lawrence Lessig, Professor des Rechts und Direktor des "Edmond J. Safra Center for Ethics" an der Harvard Universität.

Klingelt's?

Nein? Also dann: Lessig war der Unglücksrabe, der voraussichtlich auf Betreiben von Devra Davis im November 2011 ausgerechnet den Ex-Tabaklobbyist Franz Adlkofer eingeladen hatte, an der Harvard Law School einen langen Vortrag über institutionelle Korruption in der Mobilfunkdebatte zu halten. Lessig ist in dem Video von der Veranstaltung als Vorredner Adlkofers zu sehen. Ab Minute 7:00 stellt er seinen Gast vor, die Passage "Smoking and Health" (Forschungsrat Rauchen und Gesundheit) so hastig, dass ich den genauen Wortlaut trotz mehrfachem Abhören nicht verstehe.

Die Harvard Universität liegt an der Ostküste nahe Boston, rund 5000 km von Berkeley entfernt. Wie kommt es, dass die beiden Berkeley-Stadträte bereits in ihrem Antrag den von Lessig ausgearbeiteten Textentwurf präsentieren konnten? Aus meiner Sicht gibt es dafür nur eine Erklärung: Die beiden sind nur die Überbringer, ausgearbeitet wurde der Antrag von den Mobilfunkgegnern, die schon in San Franzisko die Finger mit drin hatten und nun versuchen, mit Berkeley die fixe Idee mit dem Warnaufkleber doch noch zu verwirklichen.

Sollte der Aufkleber in Berkeley tatsächlich kommen, sehe ich einen Nutzen nur für die vielen Geschäftemacher mit der Elektrosmog-Angst in aller Welt, denn die Szene wird die Meldung schnell verbreiten und als Präzedenzfall hochjubeln. Einen Nutzen für die Bevölkerung sehe ich nicht, auch der Bundesgesundheitsminister warnte viele Jahre lang vergeblich auf jeder Zigarettenschachtel in Deutschland. Dabei kann Zigarettenkonsum tödlich enden, dieses Risiko ist seit langem wissenschaftlich unstrittig belegt. Bei Handys ist dagegen noch nichts unstrittig belegt, die verwirrende Warnung von Lessig kann so auch ein Schuss nach hinten sein, und mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen.

Doch noch ist es nicht so weit, noch hat der Stadtrat von Berkeley nicht über den Antrag von Worthington und Anderson beraten und abgestimmt. Das soll Medienberichten zufolge frühestens am 8. September passieren.

Hintergrund
Medienberichte zum geplanten Sticker von Berkeley

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Davis, Richter, Seilschaft, Hirntumor, Adlkofer, Reflex-Koordinator, Tabaklobbyist, Berkeley, Moskowitz, Warnhinweis, Harvard Law School


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