Grenzwertsenkung: Denn sie wissen (nicht), was sie tun! (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 18.04.2013, 10:05 (vor 2345 Tagen) @ H. Lamarr

Überträgt man diese Ergebnisse [Anm. spatenpauli: Eine Untersuchung, wie sich eine Grenzwertsenkung auf 1/10 in Brüssel auswirken würde] auf die Gesamtzahl der Mobilfunkstandorte in Deutschland, so würde dies bei einer Zahl von etwa 69'500 Mobilfunkstandorten (Quelle: BNetzA, Stand: Mai 2011) fast 28'000 neue Standorte bedeuten.

Heute debattiert der Umweltausschuss des Bundesrates die vom Bundestag verabschiedete Novelle der 26. BImSchV als 15. von 16 Tagesordnungspunkten.

Der baden-württembergische Umweltminister hat anlässlich dieser Sitzung einen Antrag eingebracht, der nach dem Vorbild der Schweizer Anlagewerte eine Senkung der Grenzwerte (Basisstationen) auf 1/10 der heute gültigen Werte zum Ziel hat.

Der deutsche Anti-Mobilfunk-Verein Diagnose-Funk begrüßt die vorgeschlagene Einführung der Schweizer Anlagewerte.

Der schweizerische Anti-Mobilfunk-Verein Gigaherz verurteilt die Schweizer Anlagewerte als Grenzwertlüge.

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Das ist so schwer nicht zu durchschauen. Der Verein Diagnose-Funk vertritt meiner Einschätzung nach nur vordergründig die Interessen der Bevölkerung, tatsächlich hat der Verein, an dessen Spitze ein Baubiologe steht, die Interessen derer im Sinn, die von dem möglichst endlosen Fortgang der Mobilfunkdebatte profitieren (Baubiologie, Esoterik, Umweltmedizin, Messtechnikbranche usw.). Ob der Verein für seine Bemühungen Zuwendungen seitens der Nutznießer erhält, ist nicht bekannt.

Und wie hängt das jetzt konkret zusammen?

Diagnose-Funk und andere Anti-Mobilfunk-Vereine setzen alles daran, in der Bevölkerung Ängste gegenüber Funkwellen zu wecken und zu schüren. Zentraler Kristallisationspunkt all dieser Ängste sind Sendemasten für Mobilfunk und den Behördenfunk Tetra. Hier kommt es regelmäßig zu Bürgerprotesten. Sendemasten für Rundfunk werden von den Anti-Mobilfunk-Vereinen weitgehend ignoriert, in der Bevölkerung gibt es gegen diese Einrichtungen daher so gut wie keinen Protest.

Wenn es nun stimmt, dass eine Senkung der Grenzwerte auf Schweizer Niveau in Deutschland 28'000 neue Standorte für Mobilfunk-Sendemasten bedeutet, dann ist dies ganz im Interesse von Diagnose-Funk und selbstverständlich begrüßt der Verein jeden Vorstoß in diese Richtung. Denn damit eröffnet sich auf viele Jahre eine Markterweiterung für die Dienstleistungen der Nutznießerbranchen: Baubiologen können weiterhin nutzlose Abschirmungen verkaufen, Umweltmediziner psychotische Elektrosmog-Ängste behandeln, Messgeräteanbieter bleiben mit Hochfrequenz-Detektoren im Geschäft und dergleichen mehr. Nach außen hin wird dies so selbstverständlich nicht kommuniziert, da ist dann allein von einer Entlastung der Bevölkerung die Rede. Dieser Doppelnutzen ist außerordentlich praktisch: Der Verein und seine Nutznießer können sich vorteilhaft als "selbstlose Umweltaktivisten" in Szene setzen, zugleich ist es wegen der Deckungsgleichheit von infamer/ehrenwert-einfältiger Absicht unmöglich, dem Anti-Mobilfunk-Verein unlauteres Vorgehen direkt nachzuweisen.

Nur, die durch die Grenzwertsenkung versprochene Entlastung ist keine. Und zwar nicht deshalb, weil Gigaherz sie verdammt, sondern, weil von Sendemasten aus Sicht der seriösen Wissenschaft ohnehin kein Gefährdungspotenzial für die Bevölkerung ausgeht. Dies ist nach etlichen Forschungsprogrammen ein weltweit akzeptierter Stand des Wissens. Wenn überhaupt, dann müssten die Grenzwerte für Handys gesenkt werden, denn da sind noch nicht alle dunklen Ecken von der Forschung ausgeleuchtet und Handys arbeiten im Gegensatz zu Sendemasten sehr dicht am zulässigen Grenzwert. Aber: Mit Handyangst lassen sich nur minimale Geschäfte machen, ein paar Euro für einen sinnfreien "Schutzaufkleber" sind nichts im Vergleich zu den zigtausend Euro, die z.B. einem Baubiologen bei einem größeren Abschirm-Auftrag winken. Handys sind daher weder bei den Anti-Mobilfunk-Vereinen noch bei den Nutznießern bei weitem kein so emsig gepflegtes Feindbild wie die gewinnträchtigen Sendemasten.

Die Erfahrung mit den Schweizer Anlagewerten hat gezeigt, die Senkung der Grenzwerte auf 10 Prozent hatte keinerlei Auswirkung auf eine Verringerung der Ängste in der Bevölkerung. Vereine wie Gigaherz schüren diese Ängste unvermindert weiter. Auch dies geschieht aus Eigeninteresse, denn stürben die Ängste vor den Funkwellen von Mobilfunksendern, die Vereine müssten sich auflösen. Dies aber ist in der Schweiz nach der Senkung der Grenzwerte nicht geschehen. Das Gegenteil ist der Fall. Bis 2005 war die Anti-Mobilfunk-Szene weitgehend eine von Dilettantismus geprägte Bürgerbewegung, der Verein Gigaherz ist in dieser Phase stecken geblieben. Neu aufkommende Vereine fingen dagegen an, die Ängste in der Bevölkerung mit professionellen Mitteln zu schüren. Typische Vertreter dieser Akteure sind Diagnose-Funk und die sogenannte Kompetenzinitiative. Beide unterhalten enge Beziehungen zu einem ehemaligen Tabaklobbyisten, der sich seit 2003 als treibende Kraft in der Anti-Mobilfunk-Szene einen Namen gemacht hat. Dass der Mann das Ziel hat, durch Ablenkung von den Risiken des Tabakkonsums seinen ehemaligen Arbeitgebern weiter die Margen zu sichern, ist ein begründbarer Verdacht, der bis heute nicht aus der Welt geräumt wurde, allerdings auch nicht bewiesen werden konnte.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Diagnose-Funk, Grenzwertsenkung, Bürgerbewegung, Widerspruch, 26. BImSchV, Anlagenwert


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