Kernaussagen die gestrichen wurden Teil I (Medien)

Gast, Donnerstag, 30.11.2006, 18:32 (vor 5283 Tagen) @ H. Lamarr

Als die Redaktion des Schweizer Radios DRS im Vorfeld der Sendung "Sturm auf die Antennen" einen kompetenten Gesprächspartner zum Stand der Wissenschaft über gesundheitliche Auswirkungen von "Handystrahlung" suchte, wurde sie von Sachverständigen an Dipl.-Ing. Lothar Geppert von der Umweltorganisation diagnose-funk verwiesen.

In der später, am 28.11.06, über DRS1 ausgestrahlten Sendung wurden jedoch die Kernaussagen, besonders diejenigen zum Stand der Forschung, leider geschnitten. Weil diese Aussagen jedoch ausserordentlich wichtig sind, um den Problemfall Mobilfunk in seiner Tragweite zu dokumentieren, möchten wir einige der unveröffentlichten Aussagen von Lothar Geppert publizieren.

DRS: Was sind Ihre Berührungspunkte mit dem Thema Mobilfunkstrahlung? Insbesondere: Um was geht es bei den Organisationen "Kombas", "Diagnose-Funk" und "Gigaherz"?

L. Geppert: Zunächst sollte man betonen, dass elektromagnetische Strahlung momentan die am schnellsten wachsende Umweltbelastung sein dürfte. Das Thema muss daher dringend bearbeitet werden.

Die diagnose-funk hat sich darum auf diese Strahlung spezialisiert und schliesst hiermit eine Lücke, die andere Umweltschutzvereine aufgrund der Komplexität des Themas bis heute offen lassen. Es ist so, dass sie EMF nicht riechen und hören können. Die permanente Funkberieselung, der wir alle ausgesetzt sind, wird überhaupt ncht wahrgenommen.
Wenn man Dreck ins Meer kippt, oder Urwälder abbrennt ist es jedem Bürger sofort klar, dass hier ein Problem besteht - und sofort hat ein Verein etliche Mitglieder. Ein Verein der sich aber mit Funkstrahlung beschäftigt, also Strahlung von Handys, Mobilfunkantennen, Schnurlostelefonen, Wireless LAN, Radar, usw., der muss erst einmal den Beweis führen, dass hier ein Problem besteht. Die diagnose-funk ist daher mehr ein wissenschaftlich orientierter Verein.

DRS: Besitzen Sie selber ein Handy? Falls ja: Wie oft nutzen Sie es?

L. Geppert: Ich besitze zwar kein Handy, aber für Notfälle finde ich es durchaus sinnvoll. Wenn ich eines hätte würde ich ein Headset benutzen, und Gespräche würde ich so kurz wie möglich halten. Die russische Strahlenschutzbehörde empfiehlt z. Bsp. nicht länger als 3 Min. am Stück zu sprechen. Wissenschaftler, die sich mit Mikrowellen beschäftigen, benutzen Handys nur noch ungern. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Wir versuchen nicht den Mobilfunk abzuschaffen, sondern wir versuchen emissionsarme Funkkonzepte wie Inhouse Repeater oder Fixnet-Einspeisungen durchzusetzen. Solche Konzepte könnten sicherlich bald mit 100fach tieferen Feldstärken arbeiten, sind aber teurer. Ich möchte betonen, dass wir keine Technikfeinde sind. Wir suchen nach neuen Lösungen. Und die gibt es auch schon.

DRS: Welche Hinweise/Beweise gibt es, dass Mobilfunk-Strahlung schädlich ist? Welche Gesundheitsschäden lassen sich auf die Mobilfunkstrahlung zurückführen?

L. Geppert: Eine Antwort hierzu kann leicht einen Abend füllen. Zum Überblick:
Betrachten wir einmal nur alle Studien zum gesamten Hochfrequenz-Spektrum, d.h. UMTS und GSM Mobilfunk, Schnurlostelefone, Wireless-LAN, RADAR, usw.: Hier gibt es nach meiner Schätzung etwa 700 bis 1000 wissenschaftlich publizierte Studien zu Effekten der Strahlung auf gesundheitliche Parameter. Bisher hat das jedoch niemand so genau gezählt.

Vor dem Mobilfunkzeitalter zeigten etwa 80 % dieser Studien Effekte. Wiederum 80 % dieser "Positiv-Studien" zeigten statistisch signifikante Ergebnisse. Im Mobilfunkzeitalter ist der Anteil der Studien, die Effekte finden, dann deutlich gesunken.

Die Palette von Effekte die in solchen Studien gefunden wurde, ist sehr breit, z. Bsp. Erbgutschäden bis hin zu Krebserkrankungen, hormonelle Reaktionen, oder Veränderungen im Blutbild. Es gibt Studien zu Zellveränderungen im Gehirn oder Veränderungen der Gehirnströme und der Konzentrationsfähigkeit. Man fand Befindlichkeitsstörungen wie z. Bsp. Kopfschmerzen, Stressreaktionen, Schlafstörungen usw.

Nach einigen Jahrzehnten Forschung ist die Liste recht lang geworden. Sehr viele Studien zeigen auch Effekte unterhalb der Grenzwerte. Einen guten Überblick zu diesen Verhältnissen findet man in der Zeitung EMF Monitor vom ECOLOG-Institut.

DRS: Gemäss namhaften Wissenschaftlern gibt es keine Beweise/Hinweise, dass Mobilfunkstrahlung (unter Einhaltung der Grenzwerte) gesundheitliche Schäden hervorruft. Wie ist Ihre Meinung dazu?

L. Geppert: Die Top-Wissenschaftler der Bioelectromagnetic Society warnen recht deutlich vor Langzeitfolgen, obwohl es auch viele Studien mit Nulleffekten gibt. Aber für einen Nulleffekt kann es jedoch verschiedene Gründe geben:

Man muss zum Beispiel berücksichtigen, dass die Effekte der Strahlung auf biologische Systeme insgesamt sehr komplex sind. Nehmen wir z. Bsp. Untersuchungen an Zellkulturen: Effekte hängen hier von diversen Faktoren ab, wie Zelltyp, Alter des Spenders, Wachstumsphase, Teilungsaktivität, u.s.w. Bei bestimmten Parametern findet man hier eben Effekte der Strahlung, bei anderen nicht.

Das steht jedoch nicht unbedingt in einem Widerspruch. Es sei denn, es handelt sich um eine echte Reproduktionsstudie. Zu diesem Thema der mehr oder weniger exakten Replikationsstudien oder "Gegenstudien" gibt es seit kurzem auch eine interessante Auswertung von Dr. Slesin und Prof. Lai:

Am Beispiel von neueren Studien zu Erbgutschäden hat man untersucht, ob die Herkunft der Gelder mit denen die Studie finanziert wurde einen Einfluss auf das Ergebnis der Studie hat. Das Ergebnis war ernüchternd: Von den 43 Studien, die Effekte der Strahlung auf genetische Schäden gefunden hatten, waren lediglich 3 von der Industrie oder dem Militär bezahlt. Von den 42 Studien, die keine Effekte fanden, waren aber mindestens 76% von Industrie oder Militär finanziert. Bei 11% war die Finanzierung unklar.

Durch all diese Zusammenhänge ist die Situation recht unübersichtlich. Wer Interesse am Mobilfunk hat, kan daher leicht behaupten, es wäre nichts bewiesen, oder alles nur ein Zufallsergebnis.

Tags:
Diagnose-Funk, Verbraucherorganisation, Geppert, Industriefinanziert Studien, Repeater


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