Scheer-Bericht: Michaela Thiele im Minenfeld des Hochmuts (Forschung)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 25.06.2023, 20:54 (vor 355 Tagen) @ H. Lamarr

Die Ergebnisse der öffentlichen Konsultation inklusive der angefügten Kommentare von Scheer sind in diesem Dokument aufgelistet (PDF, 213 Seiten, englisch) vorausgesetzt, die Autoren der Einwände haben der Veröffentlichung zugestimmt. Diagnose-Funk selbst trug auch diesmal keine Einwände vor. Andere Mitglieder der Anti-Mobilfunk-Szene wie Michaela Thiele und Pernille Shriver (beide von der gescheiterten Europäischen Bürgerinitiative "Stop 5G") hingegen schon.

Eigenem Bekunden zufolge ist Michaela Thiele gelernte Fremdsprachensekretärin, Diplom-Ökonomin, Mediatorin und Christin. Sie hat damit Qualifikationen, die ihr in der Mobilfunkdebatte aber keinerlei Mehrwert einbringen. Dennoch wagt sich Thiele sogar auf wissenschaftliches Terrain und beteiligte sich mit einem Kommentar an der öffentlichen Konsultation des Scheer-Berichts über HF-EMF. Wie ist diese grandiose Selbstüberschätzung zu erklären?

Thieles Karriere als Mobilfunkgegnerin begann im Dezember 2020 als Mitbegründerin des "Bündnis Verantwortungsvoller Mobilfunk Deutschland" (BVMDE), bei dem sie sich zunächst ehrenamtlich als "Koordinatorin" betätigte und auch als Verantwortliche im Impressum stand. Nachdem der Anlauf für eine bezahlte Halbtagsstelle scheiterte, tauchte sie Ende 2021 beim BVMD ab und trat 2022 bei der Europäischen Bürgerinitiative (EBI) "Stop 5G" als Stellvertreterin der für Deutschland zuständigen EBI-Organisatorin Elisabeth Madsen in Erscheinung. Madsen und Thiele kannten sich schon, denn beide sind Mitglieder derselben Anti-5G-Bürgerinitiative in Kassel. Thieles Aufgabe war es nun, für die EBI, die am 1. März 2023 scheitern sollte, finanzielle Zuwendungen einzuwerben. Das klappte allerdings mit zuletzt zehn Spenden über insgesamt 677 Euro mehr schlecht als recht. In dieser Schaffensphase muss sie auch ihren Kommentar zum Scheer-Bericht eingereicht haben, denn das Zeitfenster dafür schloss sich am 25. September 2022 und sie nennt in dem Kommentar auch die EBI als ihre Heimat. Doch schon am 1. Oktober 2022 ist die ehemalige Chefsekretärin schlussendlich auf ihrer jüngsten Karrierestation im Sekretariat des Vereins Diagnose-Funk angekommen.

Der Kommentar (ab Seite 206), mit dem Michaela Thiele Einwände gegen den (vorläufigen) Scheer-Bericht vorträgt, kreist um zwei Anlässe:

► Die Referenzierung auf die britsche Million-Woman-Studie (Epdemiologie), an deren jüngstem Follow-up auch der deutsche Wissenschaftler Joachim Schüz beteiligt war.
► Pauschale Kritik an Icnirp.

Da ihr originäre fachliche Kritik nicht möglich war, griff sie auf Kritiken anderer zurück, die im Internet mit Suchmaschinen mühelos zu finden sind.

Million-Woman-Studie

Gegen die Million-Woman-Studie trug sie zunächst Gegenargumente von Joel Moskowitz vor. Kurios: Moskowitz selbst verzichtete darauf in seinem eigenen Kommentar zum Scheer-Bericht (Seite 212), er trug anderes vor, das ihm wichtiger erschien. Anschließend belehrte Thiele das Scheer-Personal über die begrenzte Aussagekraft epidemiologischer Studien und schwenkte dann ein auf die Internet-Kritik an der alten Kohortenstudie (Dänemark) von Schüz. Diese Studie wurde besonders nach dem Follow-up (2011) von Kritikern in der Luft zerrissen. Spaßig-unqualifiziert ist Thieles tiefer Schwenk zurück in die Vergangenheit deshalb, weil die besagte Kohortenstudie im Scheer-Bericht 2023 mit keiner Silbe erwähnt wird. Thiele spekulierte offensichtlich darauf, Schüz als Co-Autor des frischen Follow-ups der Million-Woman-Studie rückwirkend mit seiner dänischen Kohortenstudie noch ein Stückchen mehr entwerten zu können.

Auf Thieles umfangreiche Kritik an der Referenzierung auf die Million-Woman-Studie entgegnete Scheer unbeeindruckt (in deutscher Übersetzung):

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Scheer hat spezifische Kriterien (§ 4.2.4) für die Auswahl von Informationsquellen zur Erfüllung des Auftrags festgelegt. Systematische Übersichten und Meta-Analysen bildeten den Großteil der nach einer Qualitätsbewertung bewerteten Evidenz. Die Verwendung einzelner groß angelegter bevölkerungsbezogener Studien wird nun im geänderten Text erläutert.

Kritik an Icnirp

Von allen guten Geistern verlassen beginnt Thiele ihre Einlassung gleich mit dem Fauxpas "Wir fordern die Auflösung und eine unabhängige Neubesetzung der ICNIRP", als ob die öffentliche Konsultation zum Scheer-Bericht eine Petitionsplattform wäre. Sollte Scheer bis dahin im Unklaren gewesen sein, wer hier kommentierte, konnte Thiele mit ihrem forschen Eröffnungszug jeden Zweifel an ihrer ungenügenden fachlichen Qualifikation beseitigen.

Bemerkenswert ist, die Google-belesene Kritikerin beruft sich bei dem eher schlichten Thema Icnirp-Kritik nicht etwa auf Material ihres zukünftigen Arbeitgebers in Stuttgart, sondern greift auf zwei Norweger im Ruhestand zurück. Das will was heißen. Pflichtschuldig schenkte Thiele Diagnose-Funk dann aber doch in ihrer Quellenauflistung noch einen Link, der aber fehlerhaft ist und nicht zum Ziel führt. Als bekennende Christin darf Frau Thiele dieses Missgeschick aus meiner Sicht als Wink Gottes betrachten, milde ausgedrückt die Finger von Angelegenheiten zu lassen, von denen man keine Ahnung hat. Ich wiederum bitte um Verständnis, dass ich mir aus naheliegenden Gründen nicht die Mühe machte, herauszufinden, wohin der defekte Link hätte führen sollen. Denn mMn erwartet einen am Ziel ohnehin nur hinlänglich bekannter Bullshit.

Scheer reagierte auf Thieles deplatzierte Icnirp-Kritik kurz, höflich und unmissverständlich:

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Scheer kann nicht im Namen Icnirps antworten.

Fazit

Mit im www eingesammelten fremden Argumenten wagte sich eine ehemalige Chefsekretärin in die öffentliche Konsultation eines wissenschaftlichen EU-Ausschusses. Warum tut jemand so etwas? In einem Interview gab Frau Thiele über ihre Motive diese Auskunft:

Als Mitglied in der 5G-Bürgerinitiative Kassel bin ich [...] motiviert durch das Verlangen, Mensch und Natur zu schützten und eine intakte, natürliche Lebensumwelt für künftige Generationen zu erhalten.

Klingt etwas naiv aber edel. Allerdings wurde zuvor Elisabeth Madsen zu ihrer Motivation gefragt und gab wortwörtlich die gleiche Auskunft, wodurch Thiele wie ein Papagei wirkt. Möglicherweise rumort bei der ehemaligen Chefsekretärin noch anderes, z.B. ein starker Geltungsdrang. Diese Vermutung würde nahtlos zu Thieles gegenwärtigem Arbeitgeber passen. Sich als Laie mutig in das englischsprachige Konsultationspapier eines wichtigen EU-Ausschusses zu trauen, das könnte durchaus ein prestigeträchtiges Motiv gewesen sein, um in den Echokammern der Szene bei gewöhnlichen "Stopfgänsen" Ansehen zu ernten. Doch dies ist spekulativ, die wahren Motive könnten freilich auch für Thiele selbst in den Tiefen ihres Unterbewusstseins verborgen sein. Sinn und Zweck meines Posts ist nicht ein laienhaftes Psychogramm, sondern die Botschaft Schuster, bleib bei deinem Leisten oder treffender im christlichen Kontext: Obacht, Hochmut kommt vor dem Fall.

Hintergrund
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[Admin: Hintergrundlinks hinzu gefügt am 26.06.2023]

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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