Thraens Märchenstunde: So "spuki" ist Feldwahrnehmung nicht (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 29.05.2022, 15:35 (vor 184 Tagen) @ KlaKla

Kleines Beispiel aus der Praxis, ich kenne eine Frau aus Ulm, die sagt einfach, „Wenn wir Besuch haben, und der Besuch klingelt an der Tür, dann spürt sie durch die Tür hindurch, ob der Besucher sein Handy on/offline hat. Das wirkt vielleicht ein bisschen spuki aber ich weiß, daß das stimmt, und diese Menschen bilden sich das nicht ein. Man kann ja auch feststellen, wenn die den Weglas-Versuch machen, an einen Ort ohne Funkwellen, ... dann werden die putzmunter. Dann sind die wieder völlig gesund.

Soso, er weiß also, dass die Behauptung der Frau stimmt. Schade, dass niemand nachgehakt hat, woher er das so sicher weiß. Diese Frage liegt bei einer so fabelhaften Geschichte auf der Hand und es wäre Herrn Thraens Pflicht gewesen, bei einer "Informationsveranstaltung" nicht drauf zu warten, dass sie gestellt wird, sondern diese zu beantworten, bevor sie gestellt wird.

Die Feldwahrnehmungsfähigkeit der Frau ist aus meiner Sicht freilich gar nicht "spuki", die naheliegendste Erklärung ist diese hier:

[image]Bild: gesundheitsmanufaktur.de

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Mir ist kein überzeugter Elektrosensibler bekannt, der nicht mindestens einen Elektrosmogdetektor besitzt.

Auch der von Thraen erwähnte "Weglass-Versuch" (De-Exposition) ist nur eine dieser beliebten Behauptungen, die seit Jahrzehnten in der Szene als vermeintlich schlagender Beweis kolportiert werden. Für Laien mag dies überzeugend sein. Dass aber auch Dr. med. Thraen diesen Quatsch trotz seiner Grundausbildung in wissenschaftlicher Forschung vorträgt, wirft kein gutes Licht auf seine Qualifikation. Denn es ist trivial: Ohne Verblindung, wenn also ein "Elektrosensibler" sich einer erkannten Elektrosmogquelle bewusst gezielt entzieht, ist eine "völlige Gesundung" viel eher ein psychisches Phänomen, denn auf die De-Exposition zurückzuführen. Um den Einfluss der Psyche auszuschalten ist in der seriösen Forschung deshalb der Blind- oder sogar Doppelblindversuch eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale. Üblicherweise lernen Medizinstudenten dies im Studium. Dass ihre Doktorarbeiten dennoch häufig als pseudowissenschaftliche Schmalspurarbeiten gelten, ist ein offenes Geheimnis.

Gewitzte "Elektrosensible" kennen den Einwand der fehlenden Verblindung. Sie versuchen, diesen zu entkräften, indem sie behaupten, sie hätten von einer EMF-Exposition oder De-Exposition nichts gewusst, als es ihnen plötzlich schlechter oder besser ging. Erst nachträglich hätten sie von der Inbetriebnahme oder Abschaltung (wegen Wartungsarbeiten) erfahren. Alle diese Behauptungen beruhen jedoch allein auf anekdotischen Fallberichten Betroffener. In streng kontrollierten wissenschaftlichen Provokationstests konnte bislang weltweit kein einziger "Elektrosensibler" seine vorgebliche Feldwahrnehmungsfähigkeit für schwache EMF statistisch signifikant unter Beweis stellen. Es wurden andererseits Probanden erwischt (Epros-Studie), die mit einem heimlich benutzten Elektrosmogdetektor ihrer Feldwahrnehmung auf die Sprünge helfen wollten.

Dass bewusste De-Exposition für "Elektrosensible" auf Dauer sogar schädlich sein kann, haben wir hier im Forum mehrfach thematisiert, nachdem ein Ärzteverband in Finnland darauf aufmerksam machte.

Alles dies müsste Dr. med. Thraen eigentlich wissen und seine unerträgliche Selbstgewissheit in Bezug auf "Elektrosensible" auf ein erträgliches Maß reduzieren. Dies wäre schon wegen seiner Verantwortung als Arzt dringend geboten. Denn wer aus welchen Gründen auch immer "Elektrosensiblen" nach dem Mund redet, macht sich mMn mittelbar mitschuldig, wenn sich labile Betroffene das Leben nehmen. Der Freitod des ehemaligen evangelischen Pfarrers von Oberammergau wegen LTE ist ein gut dokumentierter Fall. Auch der Freitod der englischen Schülerin Jenny Fry gehört dazu, wenngleich dummes Geschwätz über "Elektrosensibilität" anscheinend zuerst Jennys Mutter dazu gebracht hat, ihre Tochter mit EHS zu infizieren. Dies schmälert jedoch die Mitverantwortung von Medizinern, die öffentlich plaudernd kritiklos die Existenz von "Elektrosensibilität" bestätigen, nicht wirklich.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Verantwortungslos, Detektor, Alter Wein, Provokationstest, Individualtest, Suizid, Ulm, Fallgeschichte, Feldwahrnehmung, Thraen, Pseudo-Experte, Selbstgewissheit, kolpotiert


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