Thraens Rohrkepierer - Probanden gesucht für Pilotstudie (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 29.11.2020, 02:25 (vor 296 Tagen) @ KlaKla

Die Erhebung soll eine wissenschaftliche Basis schaffen, um die Diagnose des sog. Mikrowellen-Syndroms, das schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieben wurde, wieder Einzug findet in die Internationale Klassifikation des Diagnosenschlüssel (ICD-10-GM-2020).

Ach du meine Güte!

Hier will wieder jemand das Rad neu erfinden und geht von ganz & gar untauglichen Voraussetzungen aus. Gehen wir dieser kuriosen Geschichte einmal auf den Grund.

► Zu den angeblichen Wurzeln des Mikrowellensyndroms in den 1930er-Jahren muss ich nichts mehr schreiben, denn in diesem Strang wurde zu dem gerne kolportierten Märchen schon alles gesagt.

► Zum großen Entsetzen von Herrn Thraen darf ich feststellen, der Diagnosecode Z58 für "Elektrosensibilität" ist nicht wie behauptet aus der ICD-10-GM-2020 verschwunden, sondern nach wie vor darin enthalten, wovon sich hier jeder selbst überzeugen kann. Wer sich daran stört, dass der Link nicht zur offiziellen Version der ICD führt, kann sich ersatzweise auch vom Dimdi überzeugen lassen.

Thomas Thraen kann sein Projekt also in Packpapier einwickeln und entsorgen, es bedarf keinerlei "Pilotstudie", um etwas in die ICD einzubringen, was dort bereits drin ist.

Wie konnte das passieren?

Tja, das ist die Frage. Und wieso lassen Hecht und Buchner, die es eigentlich besser wissen müssten, Thraen ins offene Messer laufen?

Hier ein paar Links mit Fakten, die das Räsel möglicherweise lösen können:

► In 13 Jahren wurde die Diagnose Z58 in Krankenhäusern und in Einrichtungen zur Vorsorge- oder Rehabilitation gerade einmal 17-mal gestellt. Das passt nun gar nicht zu der gängigen Behauptung, es gäbe Abertausende oder sogar Millionen "Elektrosensible" und täglich würden es mehr.

► Möglicherweise hat Thraen die ICD-10 mit ICD-11 (internationale Version) verwechselt, denn dort gibt es den Diagnosecode Z58 tatsächlich nicht mehr. Doch das ist trivial, denn mit der ICD-11 hat sich die gesamte Codierung geändert. Mit ein bisschen Intuition lässt sich dort jedoch z.B. der neue Code QD70.4 finden (Problems associated with exposure to radiation).

► Möglicherweise hat Thraen vergeblich versucht, den Begriff "Elektrosensibilität" beim Dimdi im leicht zu findenden systematischen Verzeichnis unter dem Code Z58 zu finden, weil ihm keiner gesagt hat, dass dieser Begriff dort nicht steht und auch nie stand. Denn die Zuordnung "Elektrosensibilität" zum Code Z58 war ausschließlich im schwierig zu findenden alphanumerischen Verzeichnis der ICD (seit 2005) mit aufgelistet, und dies wahrscheinlich auch nur in deren deutscher Ausgabe.

Die verrückte Geschichte, wie 2013 der Präsident eines Schweizer Anti-Mobilfunk-Vereins den Code Z58 entdeckt und hartnäckig glaubte, er habe als Erster die Zuordnung zu "Elektrosensibilität" gefunden, gibt es hier zu verkosten.

Der Z58-Code ist Teil der Klassifikation "Personen mit potentiellen Gesundheitsrisiken aufgrund sozioökonomischer oder psychosozialer Umstände". Psychosoziale Umstände werden häufig bei auffälligen Kindern und Jugendlichen betrachtet und sind z.B. bei Eltern oder Geschwistern mit einer psychischen Störung oder einer Behinderung relevant. Auch chronische zwischenmenschliche Belastungen in Schule oder Arbeit, belastende Lebensereignisse, gesellschaftliche Belastungsfaktoren oder eine abnorme unmittelbare Umgebung (z.B. isoliert lebende Familie) zählen zu den relevanten psychosozialen Umständen.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Alter Wein, Mikrowellensyndrom, Z58, Kolportage, Faktencheck, Fallgeschichte, ICD10, Pilotstudie, Thraen, Halbgötter in Weiß, Verrückt


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