Wie Mobilfunkgegner mit Erwin Schliephake Ängste schüren (I) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 08.09.2019, 18:00 (vor 70 Tagen)

Dr. Erwin Schliephake ist fester Bestandteil im Waffenarsenal organisierter Mobilfunkgegner. Grund dafür ist ein Artikel, den der deutsche Mediziner 1932 in einer Fachzeitschrift veröffentlichte. Dieses Posting zeigt, was Schliephake seinerzeit schrieb und wie Mobilfunkgegner ihm das Wort im Mund umdrehen, um einen banalen Sachverhalt in einen Frühalarm zurecht zu kneten. Mobilfunkgegner betreiben mit Schliephake Desinformation in Reinstform.

Erwin Friedrich Karl Victor Georg Heinrich Schliephake (1894 – 1995) war ein deutscher Mediziner, der sich schon ab 1926 mit Elektromedizin beschäftigte. Am 15. Juni 1932 hielt er vor der Berliner Medizinischen Gesellschaft einen Vortrag, dessen Manuskript er am 5. August 1932 in dem Fachblatt Deutsche Medizinische Wochenschrift veröffentlichte (Volltext). Thema waren seine Arbeitsergebnisse auf dem Kurzwellengebiet, denn Schliephake erforschte, wie sich die Wärmewirkung in Körpergewebe, hervorgerufen durch starke Kurzwellenbefeldung, in Konkurrenz zu Röntgen- oder Radiumstrahlen als therapeutisches Mittel nutzen ließe. Etwa zur Behandlung von Abszessen, die, weil gefäßlos und daher schlecht durchblutet, unter Funkeinwirkung eine viel stärkere Erwärmung zeigen, als das umgebende gesunde Gewebe. Zur gezielten Befeldung verwendete Schliephake keine übliche Kurzwellenantenne, sondern die Sonderform von zwei großen Kondensatorplatten, zwischen denen ein Patient so platziert wurde, dass das elektromagnetische Feld zwischen den Platten das zu behandelnde Körperteil bestmöglich durchdrang. Schliephake erprobte seine Apparatur auch an sich selbst und schreibt, er habe so ein Furunkel erfolgreich behandelt. Therapeutisch brauchbare Wellenlängen lagen aus Sicht des Mediziners zwischen 3 Meter und 16 Meter (20 MHz bis 100 MHz) wobei er einräumte, unterhalb von 3 Meter (>100 MHz) konnten damals Funkwellen (für therapeutische Zwecke) nicht mit genügender Energie hergestellt werden.

Um seinem Publikum die biologische Wirkung starker Funkfelder vor Augen zu führen, machte er in seinem Artikel einen Abstecher zum Kurzwellenrundfunk. Hier die ungekürzte Textpassage im Original-Wortlaut, die entscheidende Stelle habe ich rot markiert:

[...] Der Gesamtorganismus wird schon im Strahlungsfeld von starken Kurzwellensendern durch die freie Hertzsche Welle deutlich beeinflusst. Das empfinden alle Personen, die längere Zeit hindurch an solchen Sendern ohne genügende Schutzmittel haben arbeiten müssen. Es treten Erscheinungen auf, wie wir sie bei Neurasthenikern zu sehen gewohnt sind: starke Mattigkeit am Tag, dafür in der Nacht unruhiger Schlaf, zunächst ein eigenartig ziehendes Gefühl in der Stirn und Kopfhaut, dann Kopfschmerzen, die sich immer mehr steigern, bis zur Unerträglichkeit. Dazu Neigung zu depressiver Stimmung und Aufgeregtheit. Auch hierauf hat nach unseren Erfahrungen die Wellenlänge einen deutlichen Einfluss. Am unangenehmsten sind anscheinend die Wellen von etwa 4-5 m Länge. Eine Strahlung geht sowohl von den sonst ganz eingekapselten Geräten als auch vom eigentlichen Behandlungskreis aus. Man kann sich davor durch Drahtkäfige schützen, die aber sehr unbequem sind. Ich habe deshalb Käfige aus Ketten angegeben, durch deren Maschen man überall bequem hindurchgreifen kann. [...]

Der Mediziner äußert sich unmissverständlich über biologische Wirkungen, die ungeschütztes Wartungspersonal im unmittelbaren Strahlungsfeld starker Kurzwellenrundfunksender zeigte (Sendeleistung damals bis zu 20'000 Watt). Irgendeinen Hinweis, die Bevölkerung im Umkreis solcher Sender hätte Symptome gezeigt, gibt es im Text nicht. Diese Differenzierung hat weiter unten im Posting entscheidende Bedeutung. Die zitierte kurze Textpassage ist in dem gesamten 6-seitigen Artikel die einzige, in der sich Schliephake über Kurzwellenrundfunk äußert, im übrigen Text geht es um die Kurzwellentherapie. Mit den "eingekapselten Geräten" sind die Generatoren für die Kurzwellentherapie gemeint, die Drahtkäfige und Ketten (Faradayscher Käfig) sollten den Behandler vor Streufeldern schützen.

Rund 80 Jahre später ...

Schliephake erlebte am 1. Juli 1992, wenige Jahre vor seinem Tod, noch den Beginn des GSM900-Mobilfunkregelbetriebs in Deutschland. Nicht mehr erlebte er, wie organisierte Mobilfunkgegner seinen Artikel von 1932 für ihre Zwecke vereinnahmen. Wer als erster auf den historischen Artikel stieß ist nicht überliefert. Der "Elektrosensible" Uli Weiner behauptet, anlässlich seines dramatischen "Zusammenbruchs" am Frankfurter Flughafen 2002 hätte der Chefarzt der Klinik, in der er behandelt wurde, ihm den Schliephake-Artikel erstmals gezeigt (Quelle, ab Minute 6:20). Doch Weiner ist als Märchenonkel bekannt. Belegt ist, der Bayerische Landtagsabgeordnete und Mobilfunkkritiker Volker Hartenstein brachte 2005 den Schliephake-Artikel in der Anti-Mobilfunk-Szene in Umlauf, erhalten hatte er diesen von dem Zahnarzt Dr. Claus Scheingaber.

Was sich danach abspielte ist eine beispiellose Desinformationskampagne durch öffentlich auftretende Mobilfunkgegner. Wie diese Schliephakes oben zitierte kurze Abschweifung auf Kurzwellensender des Reichsrundfunks entstellt wiedergeben, zeigen die folgenden Beispiele. Wahrscheinlich gibt es noch etliche weitere Vorkommen. Bei meiner Recherche bin ich, es ist kaum zu glauben, auf keine einzige Fundstelle gestoßen, die Schliephake unverzerrt wiedergegeben hat. Also los, schauen wir gemeinsam nach, wie Mobilfunkgegner aller Bildungsschichten sich an Erwin Schliephake vergriffen haben. Irreführungen habe ich dort ebenfalls rot markiert:

2005 - Dr. med. univ. Gerd Oberfeld
Der szenebekannte österreichische Mobilfunkgegner Gerd Oberfeld trat 2005 auf dem ersten (und letzten) öffentlichen Bamberger Mobilfunksymposium auf und trug dort vor (Quelle: Oberfeld-Papier "Epidemiologische Untersuchungen bei Mobilfunksendeanlagen - Beispiele und künftige Überlegungen"):

[...] Diese Arbeiten zeigen übereinstimmend eine signifikante Beziehung zwischen selbstberichteten Beschwerden wie etwa häufigere Müdigkeit, Schwindelgefühl, Depressionen, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen unter Alltagsbedingungen und der Intensität der hochfrequenten Strahlung von Mobilfunksendeanlagen. Die methodischen Zugänge waren jeweils verschieden, die Ergebnisse ergänzen sich jedoch gut und geben ein plausibles und stimmiges Expositions-Wirkungs-Bild bei GSM-Expositionen im Schlafbereich von 10 bis 100 μW/m² und höher. Weitere Untersuchungen sind dringend nötig, um die Frage nach den Expositions- und Wirkungsbeiträgen unterschiedlicher Quellen hochfrequenter Strahlungen sowie elektrischer und magnetischer Wechselfelder besser zu quantifizieren. Diese bei Anwohnern von Mobilfunkbasisstationen regelmäßig auftretende Symptomatik gleicht dem von Schliephake 1932 [5] mitgeteilten Beschwerdebild mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen, Depressionen, das bei anfälligen Personen aufgetreten war, die sich längere Zeit in der Nähe eines schlecht abgeschirmten Senders aufgehalten hatten. Ähnliche Erscheinungen sind auch bei der Diathermie als Kurzwellenkater bekannt geworden.[...]

Um den Zusammenhang zu Anwohnern von Mobilfunk-Basisstationen zu konstruieren vermeidet Oberfeld krampfhaft jeden klaren Hinweis auf das Wartungspersonal und auf starke Kurzwellensender, stattdessen verstört er seine Zuhörer mit dem für sie kryptischen und inhaltlich falschen Hinweis auf einen schlecht abgeschirmten Sender. Der feste Wille zur Desinformation des Publikums ist unübersehbar.

2006 – Dr. med. Markus Kern
Dr. Kern, später Mitbegründer der sogenannten Kompetenzinitiative, trat 2006 auf der Murnauer Ärztetagung auf ließ seine Zuhörer wissen (Quelle: Tagungsband der Veranstaltung):

[...] So beschreibt PROF. E. SCHLIEPHAKE bereits 1932 das Mikrowellensyndrom in der Medizinischen Wochenzeitschrift und stellt dazu fest, dass sich bei Menschen, die sich eine zeitlang in der Nähe von Ultrakurzwellensendern (gewisse Analogie zu Mobilfunk / Anm. d. Verfassers) aufgehalten hatten, ähnlich nervöse Erscheinungen einstellten, wie sie vom Neurastheniker her bekannt sind: starke Benommenheit und Mattigkeit am Tage und unruhiger, durch Angst- und Schreckzustände unterbrochenem Schlaf in der Nacht. Dazu kommt oft ein eigenartig ziehendes Gefühl in der Stirn- und Kopfhaut, häufig Kopfschmerzen, die sich zur Unerträglichkeit steigern können, ferner Neigung zu depressiver Stimmung, Aufgeregtheit und Streitsucht. Bei längerem Aufenthalt zeigen sich Trägheit und Entschlussunfähigkeit [...].

Kern ist das Paradebeispiel eines Desinformaten: Er mischt in den wahren Kern von Schliephake willkürlich dramatisierende Ergänzungen, die auf seinem eigenen Mist gewachsen sind. Um Schliephake noch einen Schuss mehr Autorität zu verschaffen, ernennt Kern ihn zum Professor. Das aber war Schliephake 1932 nicht, sondern laut Wikipedia erst ab 1936. Diese gezielte Überhöhung Schliephakes wird uns unten noch ein weiteres Mal begegnen und einen anderen Mobilfunkgegner als Copy-Paste-Spezialisten entlarven.

2009 – Prof. Karl Hecht
Auch Prof. Dr. med. Karl Hecht wollte nicht auf Erwin Schliephake verzichten. Was er aus dem Original machte ist atemberaubend (Quelle):

[...] Durch die athermische/biologische Wirkung hochfrequenter Wellen und schwacher Leistungsflussdichten kann das Radiofrequenzen- bzw. Mikrowellensyndrom nach wiederholtem oder dauerndem Einfluss infolge kumulativer Wirkung dieser EMF ausgelöst werden, welches 1932 erstmals von Schliephake beschrieben und seit dieser Zeit vielfach beobachtet worden ist.[...]

Hecht brachte 2009 das Kunststück fertig, Schliephake restlos aus den Zusammenhang zu reißen und in einen anderen, unzutreffenden Zusammenhang zu bringen. Ich hatte daher keine andere Wahl, als seinen gesamten Text rot zu markieren.

Fortsetzung in Teil II

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Oberfeld, Desinformation, Copy-Paste, Hecht, Kern, Schliephake, Zitatverfälschung, Kurzwelle, Wellenlänge


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