Diagnose-Funk: Desinformation auf Schleichwegen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 12.09.2019, 22:02 (vor 5 Tagen) @ H. Lamarr

Doch der Anreißertext, den Diagnose-Funk dem Download-Link beistellt, hat es in sich (Quelle):

Eine Disziplin beherrscht die Diagnose-Funker wirklich gut. Nämlich die Desinformation, die sich ganz beiläufig und unerkannt ins Hirn der Leser von Diagnose-Funk-Texten schleicht. Sie praktizieren diese listige Methode der Manipulation so gerne, Beispiele finden sich hier im Forum, dass ich nicht an sprachliche Defizite glauben mag, sondern an Absicht. Mir aufgefallenes jüngstes Beispiel ist der unscheinbare letzte Satz aus dem Anreißertext des Vereins zum Schliephake-Artikel:

[...] Erste Indizien für die nichtthermischen Wirkungen elektromagnetischer Felder und das in der wissenschaftlichen Literatur beschriebene Rundfunk-/ Mikrowellensyndrom.

Da liest man leicht drüberweg und behält vage im Hinterkopf, in der wissenschaftlichen Literatur sei ein Syndrom dokumentiert, das irgendwie mit der Einwirkung von Funkwellen in Zusammenhang steht.

Doch das stimmt nicht!

Als ich mich in Teil IV dieses Stangs auf die irreführende Behauptung der nichtthermischen Wirkungen konzentrierte, habe auch ich nicht bemerkt, dass Diagnose-Funk mir geschickt eine weitere Desinformation untergeschoben hat.

Eine Suche nach den Begriffen Rundfunksyndrom und Mikrowellensyndrom führte heute zu den Top-Treffern Diagnose-Funk und BUND Naturschutz, beides bekennende Mobilfunkgegner, von wissenschaftlicher Literatur jedoch keine Spur. Für eine Suche nach Treffern in der Wissenschaft ist Google-Scholar freilich gegenüber Google die bessere Wahl. Rundfunksyndrom ergab dort heute eindrucksvolle Null Treffer, Mikrowellensyndrom brachte es auf immerhin 35 Treffer. Aber was für welche! Die weit überwiegende Mehrzahl der Treffer führt zu Texten von Autoren, die eindeutig der Anti-Mobilfunk-Szene, nicht aber der Wissenschaft zuzuordnen sind (z.B. Oberfeld, Hecht, Budzinski, Warnke, Mutter, Buchner, Eger ...). Der kleine Rest sind Irrläufer und Blödelseiten, die für Google-Scholar peinlich sind, wie gigaherz.ch oder "Das Erwachen der Valkyrjar". Auch Google-Scholar führt uns also nicht zu ernst zu nehmenden Belegen in der wissenschaftlichen Literatur, sondern nur zu Entsaftungen aus der Anti-Mobilfunk-Szene, die häufig auch noch den falschen Bezug zu Schliephake im Text stehen haben (siehe Teil IV).

Wo ist denn nun die wissenschaftliche Literatur, die das Rundfunk- und Mikrowellensyndrom beschrieben hat?

Eine Karte habe ich noch im Ärmel, nämlich das EMF-Portal. Was weiß dieser weltweit respektierte Spezialist in Sachen Mobilfunkstudien über das Rundfunk- und Mikrowellensyndrom?

Nichts! Beide Suchbegriffe führten zu der lapidaren Auskunft:

Es tut uns leid, die Suche ergab leider keinen Treffer.

Die Behauptung von Diagnose-Funk "[...] das in der wissenschaftlichen Literatur beschriebene Rundfunk-/ Mikrowellensyndrom" ist damit hinreichend als Hirngespinst widerlegt. Dieses von der Anti-Mobilfunk-Szene erfundene Syndrom existiert in der (deutschsprachigen) wissenschaftlichen Literatur nicht, es kreist allein in den Zirkeln organisierter Mobilfunkgegner!

Doch warum lügt Diagnose-Funk ohne Not? Diese Frage kann der Verein beantworten, ich kann darüber nur spekulieren. Mutmaßlich hat der Verein die Absicht, die beiden belanglosen Szene-Begriffe gesellschaftlich salonfähig zu machen, indem er ihnen wissenschaftliche Weihen andichtet und sich selbst damit aufwertet.

Etwas salonfähig machen wollen ist im Politalltag keine Seltenheit. Einen solchen Anlauf wagte kürzlich eine MDR-Moderatorin anlässlich der Landtagswahl in Sachsen. Ob bewusst oder versehentlich, sie versuchte im Fernsehen die AfD salonfähig zu machen. Im Gespräch mit Marco Wanderwitz von der sächsischen CDU verstieg sich die Moderatorin zu der Behauptung "Eine stabile Zweierkoalition, eine bürgerliche, wäre theoretisch ja mit der AfD möglich." Doch der gewitzte Wanderwitz roch den Braten sofort und konterte: "Eine Koalition mit der AfD wäre keine bürgerliche Koalition!"

In der Politik kann jeder mitmischen, der seine fünf Sinne beisammen hat – oder nicht. Denn dort dominieren Meinungen die Fakten. In der Wissenschaft ist es genau umgekehrt, dort dominieren Fakten die Meinungen, ergo kann in der (seriösen) Wissenschaft nicht jeder mitmischen. Deshalb wäre Diagnose-Funk in der Politik gut aufgehoben. In der Wissenschaft und ihrem Dunstkreis hingegen ist der Verein als Fremdkörper fehl am Platz.

Der Vollständigkeit sei noch gesagt, nicht einmal die Alarmstudiendatenbank von Diagnose-Funk stützt glaubwürdig die Behauptung dieses Vereins. Den Begriff "Rundfunksyndrom" kannte die Datenbank heute nicht, die Suche nach "Mikrowellensyndrom" förderte zwei Treffer zutage: Den Aufsatz von zwei US-amerikanischen Mobilfunkgegnern (Levitt, Lai, 2010), die Schliephake seine angebliche Erfindung des Mikrowellensyndroms streitig machen, und eine Dokumentation von Karl Hecht aus dem Jahr 2006. Was soll man dazu noch sagen ...

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Diagnose-Funk, Desinformation, Lüge, Mikrowellensyndrom, Rundfunksyndrom, HechtSchliephake


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