Endlich – Ursachen für "Elektrosensibilität" entdeckt! (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 23.01.2020, 00:17 (vor 612 Tagen) @ H. Lamarr

Anekdotische Leseprobe aus einem neuen Buch über "Elektrosensibilität" (Titel: Offline-Modus aktiviert: Meine unfreiwillige Flucht vor dem Mobilfunk) von Carolin Sandner.

Die anerkannte Wissenschaft forscht seit etwa 30 Jahren nach einem glaubwürdigen Wirkmodell, das "Elektrosensibilität" erklären könnte. Weil diese Suche ergebnislos blieb, gilt heute mit Jahr für Jahr größer werdender Wahrscheinlichkeit: Es gibt keinen Kausalzusammenhang zwischen der Einwirkung schwacher elektromagnetischer Felder und den Symptomen, die von überzeugten Elektrosensiblen berichtet werden. Nachgewiesen wurde jedoch: Sobald "Elektrosensible" glauben (oder ihnen ein kleiner technischer Detektor meldet), dass sie befeldet werden, entwickeln einige der Betroffenen tatsächlich Symptome. Erklärbar ist dies mit der bösen Schwester des Placebo-Effekts, dem Nocebo-Effekt.

Frau Sandner aber glaubt, es besser zu wissen. Sie berichtet mit der Inbrunst der Überzeugung, was klipp & klar die Ursachen sind, dass ausgerechnet sie z.B. Mobilfunkfelder ganz & gar nicht verträgt. Auszüge aus ihrem Buch:

Mein Körper reagiert auf hochfrequente Strahlung, die unter anderem durch Mobilfunk erzeugt wird, und auf niederfrequente elektrische und magnetische Felder, wie sie z.B. von Elektrogeräten oder Stromleitungen, die nicht geschirmt sind, produziert werden. Zugrunde liegt eine chronische Borreliose.

Borreliose ist eine Erkrankung, die, wenn sie nicht rechtzeitig und richtig behandelt wird, chronisch werden kann. Sie kann durch Zecken oder Mücken übertragen werden. [...]

Borrelien und Elektrizität und Funk, so hat man herausgefunden, vertragen sich nicht miteinander. Unter Einfluss des Elektrosmogs werden die Borrelien noch aktiver und aggressiver und produzieren noch mehr Gifte als sonst. Hiermit ist die erste Grundlage meiner auffälligen körperlichen Reaktion auf Mobilfunk geschaffen.
[...]
Außerdem erlitt ich vor etwa 20 Jahren bei einem Fahrradunfall ein Hals-Wirbelsäulen-Schleudertrauma, wodurch die Funktion meiner Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigt wurde. Die Kombination aus beidem führt bei Exposition, also in direkter Nähe einer Strahlungsquelle, zu massiven Kopfschmerzen. Mein Körper vibriert, viele Gelenke sind ebenfalls betroffen. Drehschwindel setzt ein, Tinnitus kommt hinzu, mein Kurzzeitgedächtnis lässt mich im Stich, ich habe Wortfindungsstörungen. Bin ich längere Zeit exponiert, beginnt mein Herz zu rasen oder setzt für einen Schlag lang aus. An Schlaf ist unter diesen Umständen überhaupt nicht mehr zu denken.[...]

Mutmaßlich war es die behandelnde Homöopathin von Frau Sandner, die "herausgefunden hat", dass sich Borrelien weder mit Elektrizität noch mit Funk vertragen. Und mutmaßlich war es der Astrologe ihrer Wahl, der ihr nach einem Blick auf die Sterne weissagte, ihre nach einem Schleudertrauma geöffnete Blut-Hirn-Schranke ließe auch Funkwellen ungehindert passieren und in ihr Hirn eindringen.

Die offensichtlich pseudowissenschaftlichen Märchen für Erwachsene, die Frau Sandner ihren Lesern einflößt, kommen dennoch gut an. Von inzwischen 17 Rezensenten bei Amazon vergab nur einer vier Sterne, alle anderen waren von Sandners Buch so entzückt, dass sie fünf Sterne spendierten. Womit wieder einmal der Beweis erbracht wurde, Produktbewertungen bei Amazon sind subjektiv, nicht objektiv, und zuweilen so irreführend, dass ein Irrgarten auf dem Münchener Oktoberfest im Vergleich dazu ein Navigationssystem ist. Die befremdliche Konvergenz zwischen Sandner und ihren Rezensenten bricht sich bei einer 5-Sterne-Rezension auf geradezu paradoxe Weise Bahn (Auszug):

Lesenswert für alle, die selbst betroffen sind, für ihre Familien und Freunde. Am besten auch für alle, die denken "Die spinnen doch, das fühlt man doch niemals!"

Ich sehe das anders: Die Einschätzung, "die spinnen doch", kann das Buch nicht im geringsten abschwächen, im Gegenteil, nach ein paar Seiten wird aus dieser Einschätzung bei Skeptikern feste Überzeugung und das Buch fliegt in eine Ecke.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Nocebo, Buch, Tinnitus, Kausalzusammenhang, EHS-Symptome, Wortfindungsstörung, Autor, Drehschwindel, Psychosoziale Belastung


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