Zehn Argumente gegen die Baumstudie von Waldmann-Selsam (Allgemein)

Gast, Freitag, 02.09.2016, 23:42 (vor 1081 Tagen) @ Dr. Ratto

Radiofrequency radiation injures trees around mobile phone base stations.
Waldmann-Selsam C, Balmori-de la Puente A, Breunig H, Balmori A
Sci Total Environ. 2016 Aug 20;572:554-569

Gegen diese "Baumstudie" gibt es eine ganze Reihe von Einwänden aus Biologie und Technik:

1. Die Bäume wurden visuell ausgewählt ("selected"): 60 exponierte kranke, 30 nicht exponierte gesunde. Lediglich 30 Bäume wurden nach Zufallsprinzip ausgesucht. Erstaunlich, dass auch bei diesen überwiegend die exponierten krank waren - das kann Zufall sein oder die Forscher haben unbewusst ein bisschen nachgeholfen. Aber: die Schäden lagen etwa bei der Hälfte der Fälle auf der exponierten Seite, bei der anderen Hälfte auf der nicht exponierten Seite. Das heißt: Die Schäden sind zufällig verteilt! Erschwerend kommt hinzu: Nur 30 Zufallsbäume sind zu wenig, um belastbare Aussagen treffen zu können. Die Autoren hätten 100 Bäume (besser 500) zufällig auswählen, und nur diese auswerten sollen. Oder einfach alle in einem bestimmten Areal.

2. Das Argument der "einseitigen Schäden" ist Unsinn. In Deutschland kommt der Wind überwiegen aus Westen, die Sonneneinstrahlung ist am stärksten von Süden und selbstverständlich können Schäden an Bäumen auch ungleichmäßig verteilt sein. Ist nämlich in der betreffenden Himmelsrichtung ein Hindernis (Häuser, andere Bäume) verschiebt sich die Wirkungszone. Es können so alle Himmelsrichtungen betroffen sein. Auch Schädlinge mögen es je nach Art lieber schattig oder sonnig und meistens windgeschützt. Bäume an Straßen, Gräben, Kanälen können einseitige Wurzelschäden haben, die sich in der Krone bemerkbar machen. Darauf gehen die Autoren sogar ein und sagen, dieses Argument ziehe nicht da 24 der 60 kranken Bäumen in Parks und Gärten stehen. Der Umkehrschluss aber zeigt: 36 Bäume stehen nicht geschützt in Parks oder Gärten, also könnte das Argument Wurzelschäden sehr wohl zutreffen.

3. Symptome: Gelbe, braune, trockene Blätter, verfärbte Nadeln, vorzeitiger Abwurf der Blätter, trockene Äste - der Sommer 2015 war extrem heiß, die Symptome sind typisch. Die Datenerhebung erfolgte von April 2015 bis Oktober 2015.

4. Die Autoren postulieren einen kausalen Zusammenhang. Dies aber gibt eine Beobachtungsstudie (ist so etwas wie eine epidemiologische Studie an Bäumen) gar nicht her. Sie kann bestenfalls einen räumlichen und zeitlichen Zusammenhang zeigen. Vor allem, wenn auf andere mögliche Ursachen sicherheitshalber erst gar nicht eingegangen wird, um das gewünschte Ergebnis nicht zu gefährden.

5. Die Literaturauswahl ist genauso selektiv wie die Auswahl der Bäume. Ich frage mich schon was Neurobiologie (Pall) und Fruchtfliege (Panagopoulos) in einer Baumstudie zu suchen haben. Wenn es den Autoren in den Kram passt, referenzieren sie sogar auf Matthes und Lerchl.

6. Das Englisch ist grauenvoll. So ist im vorletzten Absatz des Abschnitts "Results" zu lesen: "[...] screening is common in cities due to a large amount of buildings" [...]. Statt screening wollten die Autoren wohl shielding sagen.

7. Die Autoren erliegen dem Trugschluss, ihre Messwerte der Immission könnten stellvertretend ein Maß für die Dauerbefeldung der Bäume im Testgebiet sein. Tatsächlich sind die Messwerte jedoch nur eine Momentaufnahme. Der Einfachheit halber anzunehmen, die Werte würden im Rahmen einer gewissen Schwankungsbreite (Auslastung der nächstgelegenen Basisstation) langfristig konstant hoch (oder niedrig) sein, ist unzulässig. Denn Masten werden errichtet, umgerüstet, abgebaut oder die technischen Parameter (z.B. Downtilt) verändert. Hinzu kommt: Änderungen in der Topologie eines Funknetzes wirken sich nicht nur punkförmig auf einen Sendemasten aus, sondern zeigen Rückwirkung auf benachbarte Masten eines Betreibers. Eine einmalige Messwertnahme ist unter diesen Umständen wertlos. Wegen der geschilderten Dynamik des Netzgeschehens lässt sie keine Rückschlüsse auf die zurückliegende Exposition eines Baumes zu. Ohne Beachtung der Expositions-Historie im Testgebiet hat die Studie nur sehr begrenzter Aussagekraft in Bezug auf den konstruierten Dosis-Wirkung-Zusammenhang.

8. Die Messtechnik ist mit einem Low-Cost-Breitbandmessgerät (27–3300 MHz) unzureichend, da die Autoren Mobilfunk auf der einen Seite und viele andere Funkdienste auf der anderen (z.B. CB-Funk, Radio, Fernsehen, BOS-Funk ...) nicht auseinander halten können. Dessen ungeachtet werden Baumschäden bekanntlich exklusiv dem Mobilfunk angelastet.

9. Die Messungen in 6 m Höhe (mit Hilfe einer Teleskopstange) sind unzuverlässig. Damit der maximale Messwert auf der Spitze der Teleskopstange erfasst (und später am Boden abgelesen werden kann), muss das Messgerät im Peak-Hold-Modus betrieben werden. Das aber bedeutet: Jegliche Fremdquelle, etwa das Handy eines vorbeigehenden Passanten, geht zwischen Start und Ende einer Peak-Hold-Messung mit in diese ein. Zudem ist das Messgerät ab dem Moment "scharf" gestellt, da die Peak-Hold-Messung gestartet wird. Jeder zufällige EMF-Hotspot entlang des vertikalen Wegs des Messgeräts vom Boden (ca. 1 m) bis in 6 m Höhe kann dominant sein und den gespeicherten Messwert prägen. Die Messmethode der Autoren erlaubt daher nicht die Aussage, der abgelesene Messwert herrsche in 6 m Höhe, sondern nur die Aussage, der Messwert muss irgendwo zwischen 1 m und 6 m Höhe aufgetreten sein. Über die Dauer des Auftretens gibt Peak-Hold keine Auskunft, der Detektor erfasst auch kurze Immissionsspitzen, die z.B. aufgrund einer Reflexion an der Fahrgastzelle eines vorbeifahrenden Fahrzeugs auftreten.

10. Keine Ergebnisoffenheit der Autoren: Zwei der vier Autoren bezeichnen sich selbst als "elektrosensibel", sie sind in Deutschland seit langem als überzeugte Mobilfunkgegner bekannt. Alfonso Balmori zählt seit mehr als zehn Jahren zum Stammpersonal mobilfunkkritischer Wissenschaftler, die auffallend häufig alarmierende Befunde zu vermelden haben. Unter solchen Umständen darf eine erhebliche Voreingenommenheit dieser drei Autoren angenommen werden.

Tags:
Kasuistiken, Waldmann-Selsam, Baum, Amateur, Baumschäden, Balmori, Breunig, Trugschluss, Verhalten, Baumsterben, Autodidakt, Peak-Hold, Messwert, Dosis-Wirkung, Auswertung, Downtilt


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