Funk-Smart-Meter: Technische Details (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 05.08.2014, 20:28 (vor 1925 Tagen)

Der kalifornische Energieversorger PG&E hat in den USA rd. 10 Mio. der dort bisher insgesamt verbauten 30 Mio. Smart Meter installiert. Auf seiner Website gibt das Unternehmen einige technische Details seiner Funk-Smart-Meter preis.

Stille Post: Smart Meter können als Relais wirken
Die Funkversion der neuen Verbrauchszähler für Strom und Gas überträgt 1-mal pro Stunde die Verbrauchswerte an den Versorger. Dies geschieht über vermaschte Funk-Smart-Meter, die für Stromzähler im Frequenzbereich 902-928 MHz arbeiten, für Gaszähler auf 450-470 MHz. Anders als bei Mobilfunknetzen benötigen Smart Meter nicht zwingend eine Basisstation in Reichweite, sie können ihre Daten stattdessen über andere Smart Meter innerhalb ihrer Reichweite los werden. Das funktioniert ähnlich wie bei dem Gesellschaftsspiel "Stille Post" (einer sagt's dem andern). Vorteil: Die Netze sind selbstheilend, sie benötigen nur wenig Infrastruktur und wachsen bei Bedarf fast von alleine. Am Ende einer gewissen Kette von vermaschten Smart Metern befinden sich dann aber doch so etwas wie eine Basisstation, der Network-Access-Point. Dieser sammelt die Daten der Zähler und überträgt sie über ein cellulares Netz zum Versorger, wobei mir allerdings nicht klar geworden ist, ob dieses Netz Funk oder Kabel als Übertragungsweg verwendet.

Rund 1 Minute am Tag mit 1 W Sendeleistung online
Belanglos sind die Zeiten, die ein Funk-Smart-Meter von PG&E "on air" ist. Nach Angaben des Unternehmens dauert ein einzelner Funkburst 2 bis 20 ms, über 24 Stunden hinweg wäre ein Smart Meter im Durchschnitt nur 45 s pro Tag auf Sendung. Ob diese Angaben auch für Smart Meter am Ende einer Kette gelten, die also die Daten von anderen Haushalten am häufigsten mit übertragen müssen, geht aus der Quelle nicht hervor. Es erscheint jedoch belanglos, wenn so ein Zähler dann pro Tag mit sagen wir mal fünf Minuten online ist, denn die Abstrahlung findet körperfern statt.

Ähnlich unspektakulär wie die Sendezeit ist die Sendeleistung, PG&E beziffert sie auf 1 W, das ist halb so viel wie die maximale Sendeleistung eines GSM900-Handys. Für eine Leistungsregelung wie bei Handys entfällt bei Smart Metern die Notwendigkeit, jedenfalls konnte ich keine Auskünfte dazu finden.

Subjektive Ängste gegenüber objektiv harmloser Technik
Anhand der technischen Daten lässt sich nicht nachvollziehen, warum wegen angeblicher "Strahlengefahr" gegen Smart Meter protestiert wird. Und tatsächlich ist die Argumentation der Smart-Meter-Gegner technisch ähnlich unqualifiziert wie die von Mobilfunkgegnern. Die Site Cellular Phone Task Force verbreitet zum Beispiel:

Because the Smart Meter is connected to your house wiring, its signal is not only broadcast out into space every few seconds or minutes, but is also conducted over the wiring and surrounds you in your home. This makes Smart Meters more dangerous than cell phones.

[deutsch: Da ein Smart Meter in Ihre Hausverkabelung mit eingebunden ist, wird sein Signal nicht nur alle paar Sekunden oder Minuten in den Äther abgestrahlt, sondern es gelangt über die Kabel auch in Ihr Haus und umgibt sie dort. Deshalb sind Smart Meter gefährlicher als Handys.]

Technisch steckt in diesem hysterisch übertriebenen Alarm nur ein Körnchen Wahrheit. HF-Signale können tatsächlich als blinde Passagiere in ungeschützte Kabelstrecken einkoppeln und diese innerhalb des Hauses wieder verlassen, dies geschieht jedoch in so geringem Maße, dass bei Smart Metern daraus keinerlei Risiko abgeleitet werden kann und die Behauptung, "gefährlicher als Handys" purer Blödsinn ist. Die Anti-Smart-Meter-Bewegung unterscheidet sich in dieser Hinsicht in keiner Weise von der Anti-Mobilfunk-Bewegung, auch die Profiteure der inszenierten und künstlich geschürten Ängste sind dieselben, die schon seit ungefähr 20 Jahren mit Panikmache gegenüber Mobilfunk ihren Lebensunterhalt sichern.

Bedauerlich ist, dass einige Wissenschaftler sich ungeniert am Angstschüren gegenüber Funk-Smart-Metern beteiligen, ich halte dies mit Blick auf die genannten technischen Daten für indiskutabel.

Hintergrund
Was Mobilfunkgegner anbelangt, haben die USA den Rückstand gegenüber Europa nicht aufholen können, Mobilfunkgegner sind in USA noch mehr eine Randerscheinung geblieben als anderswo. Anders sieht es bei der Anti-Smart-Meter-Bewegung aus, da sind die Amerikaner führend. Der Grund ist einfach: Smart Meter werden in USA schon seit 2006 verbaut, während die EU-Mitgliedsstaaten bis 2020 Zeit haben, 80 Prozent der Haushalte mit Smart Metern auszustatten. Ein Blick nach Übersee zeigt, was auf uns zukommt.

Der Anti-Smart-Meter-Bewegung in Nordamerika sollen inzwischen 1. Mio. Menschen angehören. Einer der Brennpunkte ist Kalifornien. Dort startete Mitte 2010 in einem Tal die Gruppe "Scotts Valley Neighbors Against Smart Meters". Joshua Hart, Anführer der Gruppe, sagte gegenüber einer Zeitung, er habe den Protest gestartet, nachdem er herausgefunden hatte, wie viel Strahlung von diesen Zählern ausgehe. Diese sei "signifikant höher als bei Mobiltelefonen". In dichter Abfolge käme es zu intensiven elektromagnetischen Strahlungsimpulsen.

Heute ist aus der kleinen Nachbarschaftshilfe die Bewegung www.stopsmartmeters.org geworden, mit einer prächtigen Website und Mr. Hart als Direktor. Der Werdegang ähnelt damit verblüffend dem des Anti-Mobilfunk-Vereins Gigaherz.ch, der als "Gruppe Hans-U. Jakob" begann und heute Jakob als Präsidenten aushalten muss. Aber: Jakobs Website ist so erfrischend dilettantisch gemacht, dass ein kommerzieller Hintergrund bei ihm eher unwahrscheinlich ist. Das ist bei stopsmartmeters anders, diese Site wirkt glatt, professionell, kommerziell.

Schaut man sich die Site stopsmartmeters inhaltlich an, oder die optisch besser gemachte britische Variante, erlebt man ein Déjà-vu: Die Site ist ein Abziehbild von Anti-Mobilfunk-Websites. Die gleichen Protagonisten (Beispiel), die gleichen Geschichten (z.B. Geldrollenbildung roter Blutkörperchen), die gleichen Studien (z.B. Ecolog-Studie), die gleiche Angstmache. Auch Schwedenprofessor Olle Johansson, von Mobilfunkgegnern kaum noch beachtet, erlebt bei Smart-Meter-Gegnern eine Renaissance.

[Admin: Falschen Link korrigiert, 06.08.14, 07:55 Uhr]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Egoismus, Selbstüberschätzung, Wutbürger, Johansson, Geltungssucht, Deutungshoheit, Smart-Meter, Kalifornien


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