HPA-Report 2012: Kann denn Aktienbesitz Sünde sein? (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 01.05.2012, 01:13 (vor 3294 Tagen) @ Doris

Wie vertrauenswürdig ist Dr. Anthony Swerdlow? Nein, im Vorstand der Baubiologen ist er nicht, aber ...

"A.J.S. holds shares in the telecom companies Cable and Wireless Worldwide and Cable and Wireless Communications. A.J.S.’s wife holds shares in the BT group, a global telecommunications services company"

(so steht's unter einer Bewertung der Interphone Studie im Zusammenhang mit der IARC Entscheidung aus dem Jahr 2011 des ICNIRP Ausschusses).

Sie machen die Vertrauenswürdigkeit von Dr. Anthony Swerdlow daran fest, dass er und seine Frau Aktien von Telcos halten? Das wäre dann aber reichlich dünn, zumal das "Geheimnis" aller Voraussicht nach von den Swerdlows selbst preis gegeben wurde. Das wiederum finde ich ehrlich und unbedenklich. Wissen wir denn, welche Aktien Dr. Adlkofer hält, welche Herr Dinger, Herr Zwerenz oder Dr. Richter? Nein, wir wissen es nicht und sie werden es uns wahrscheinlich auch nicht verraten.

Ansonsten bringt auch dieser knapp 350 seitige Bericht nichts anderes als all die anderen Reviews die es in den letzten Jahren gab mit den üblichen Einschränkungen (weitere Überwachung, keine Langzeitrisiken bekannt, Kinder sollen sich zurückhalten...) Wem bringt's was, für einen Mediendurchgang wie oben reicht es allemal.

Ich kann Ihren Standpunkt nicht ganz nachvollziehen. Auf mich wirkt es so, als störte es Sie, dass seit vielen Jahrhunderten bei der Berechnung 10+10 immerzu dasselbe herauskommt. Damit will ich sagen: Wenn die Bewertungsmaßstäbe der HPA gleich geblieben sind und diese sich an gängigen wissenschaftlichen Standards orientieren, dann kommt nun mal langweiligerweise im Großen und Ganzen bei einem gemeinsamen Datenpool auch das gleiche heraus. Dass die IARC-Arbeitsgruppe Handys als möglicherweise krebserregend eingestuft hat, sehe ich nicht als Widerspruch.

Die 31 - 1 in Lyon haben sich 2011 in Sachen Handy bekanntlich auf 2B verständigt. Sie mussten es, ein Konsens war Pflicht und die Leute wollten endlich wieder heim. Wenn ich mich recht entsinne, konnten sogar Laien wie wir dieses Ergebnis ziemlich zutreffend voraussagen. Und was passiert jetzt? Nix! In Essig eingelegtes Gemüse wie Gurken wurde von der IARC 1993 in die Gruppe 2B aufgenommen. Das ist bald 20 Jahre her, bei mir im Kühlschrank steht dennoch ein Glas. Oder nehmen Sie den Standardvergleich "Kaffee": Der wurde vor 21 Jahren in 2B aufgenommen und erfreut sich dennoch ungebrochener Beliebtheit, so als hätte er die Traumwertung 4 gekriegt.

Was ich sagen will ist: Die 2B-Wertung der IARC für Handys und andere körpernah einwirkende Funkimmission ist eine von derzeit 271 2B-Wertungen. Gab es nun wegen den Essigguken irgendein Tamtam? Nein! Beim Kaffee? Ja, ein bisschen. Und jetzt beim Handy? Da wird die Sau durch alle Dörfer getrieben, die hier rufen. Ich meine das liegt weder an der IARC, noch an den 31 Wertungsgebern und schon gar nicht an der 2B-Wertung. Es liegt an den Wurzeln der E-Smog-Debatte: Da gibt es einfach viel zu viele Leute, die im Sumpf dieser Debatte waten und ihren materiellen und immateriellen Gewinn dabei machen, mit all den Tricks, von denen wir im Forum etliche aufdecken konnten. Mit der künstlich geschürten Angst vor Funkwellen lässt sich Profit machen, mit Angst vor Kaffee oder Essiggurken nicht. Für mich ist dies ein überzeugendes und durch viele Hinweise und einige Beweise gestütztes Erklärungsmodell, warum der EMF-Krebs in der öffentlichen Wahrnehmung so ganz anders abschneidet als der Essiggurken-Krebs und der Kaffee-Krebs.

Aufgefallen ist mir aber dennoch was. Die Studien Diem et al (2005) und Schwarz et al (2008) sind mit aufgelistet und bewertet, wie wenn nichts gewesen wäre. Dr. Lerchls Bemühungen wurden mit keinem Wort erwähnt, bzw. es wurde nur in einem Nebensatz erwähnt (There was some scientific concern about the validity of these data...) Die Entkräftigung der Diem Resultate wurde durch die Nicht Reproduzierbarkeit von Speit et al bewertet.

Auch mir ist was aufgefallen: Die im März 2012 zurückgezogenen Salama-Studien sind im HPA-Report berücksichtigt. Die Retraktion konnten die Briten nicht vorhersehen, Salamas weitgehend funktionslose Expositionsapparatur hätte aber auch so als schwerwiegender Fehler erkannt werden können. Wurde sie aber nicht. Wieso sieht Lerchl so etwas, er ist Biologe, kein Kommunikationselektroniker.

350 Seiten Auflistung von Studien mit positiven und negativen Resultaten die letztendlich doch mehr oder weniger zur üblichen Entwarnung führen von einem in England doch sehr bedeutenden Gremium. Da muss man sich doch wundern, dass die IARC nach Durchsicht der wohl selben Daten zu einem anderen Ergebnis kam, welches von den verschiedensten Seiten seitdem immer wieder attackiert wird.

Eigenartig finde ich, niemand interessiert sich augenscheinlich dafür, wie es mit der 2B-Wertung für Handys nun weitergehen wird. Steht die auch noch 2100 in der Liste so drin oder wird es jemals eine Prüfung geben, ob denn die Wertung aus dem Jahr 2011 die richtige war? Der Kaffee trägt sein 2B-Kainsmal nun schon lange 21 Jahre und nichts deutet darauf hin, dass er es irgendwann einmal wieder los sein wird oder er z.B. in 2A aufrückt.

Ein für mich eindeutiges Plus ist jedoch, dass die IARC Mitglieder wirklich aus den unterschiedlichsten "Ecken" kamen, und sich am Schluss - bis auf Frau Dr. Blettner - auf ein eindeutiges Ergebnis einigen konnten.

Die Reviewer und Report-Autoren der einzelnen Länder kommen ebenfalls aus den unterschiedlichsten "Ecken". Das ist mMn nicht die Erklärung, warum Lyon 2B hervorbrachte. Wie oben angedeutet sehe ich Lyon nicht als Fanal besonders guter, kritischer oder un(ver)käuflicher Wissenschaftler. Die 31 in Lyon haben wahrscheinlich ebenso wie die anderen nach bestem Wissen & Gewissen gewertet und sind um eine Nuance strenger gewesen. Das ändert aber nichts daran, dass Wissenschaft ein kumulativer Prozess ist, auch Lyon wird sich in die lange Reihe der Risikobewertungen einreihen müssen und erst was dort unterm Strich rauskommt, das ist das, was politisch/wirtschaftlich konsensfähig ist. Dass dieses Mahlwerk Zeit braucht, liegt auf der Hand - dennoch finde ich die 21 Jahre beim Kaffee irgendwie selbstzerstörerisch für die IARC. Denn einmal nach gemeinsamen Hirnen 2B auszurufen und sich danach länger als zwei Dekaden nur die Echos anhören, das erweckt bei mir den Eindruck, es sei alles nicht so richtig ernst gemeint. Die Idee der IARC-Monographs ist sicherlich gut, meiner unmaßgeblichen Meinung nach fehlt aber so etwas wie die kraftvolle Weiterverfolgung einer gefundenen Spur.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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