Blinde Kälber: Fall Sturzenegger vor dem Finale (Medien)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 07.03.2012, 00:03 (vor 2830 Tagen)

Der Landwirt Hans Sturzenegger will den Mobilfunkbetreiber Orange vor Gericht verklagen. So zumindest lässt der Schweizer dies in jüngsten Medienberichten verlauten.

Am 22. Februar 2012 hieß es in 20 min Online: "So lange mag Sturzenegger nicht warten: Er will erneut gegen Orange klagen."

Und am 6. März 2012 legte der Winterthurer Stadtanzeiger mit einem tendenziösen Artikel nach: "Der Winterthurer Landwirt will nun mit Kollegen vor Gericht ziehen. «Nach der veröffentlichten Studie und den vielen Fakten liegt es nun an den Mobilfunkanbietern, ihre Unschuld zu beweisen! Der zeitliche Kausalzusammenhang ist offensichtlich."

Worauf genau der Bauer, der neben der Viehhaltung auch Tabak anbaut, klagen möchte ist nicht auf Anhieb ersichtlich, denn der Mobilfunkmast, den Sturzenegger 1999 auf seinem Hof errichten ließ, wurde bereits 2006 wieder abgebaut. Angeblich sollen die Funkfelder dazu geführt haben, dass auf dem Hof Kälber blind zur Welt kamen. Seither verbreitet der Landwirt diese Behauptung in allen ihm erreichbaren Medien, bei Anti-Mobilfunk-Vereinen hat er es zum Elektrosmog-Vorzeigebauern gebracht.

Man mag die Geschichte von Sturzenegger glauben oder nicht, das kann jeder selbst bestimmen. Doch wer sie glaubt, ist selber schuld. Denn ein Höhepunkt in der jüngsten Berichterstattung über den Fall Sturzenegger ist die Behauptung, eine Studie der Uni Zürich würde die Einschätzung des Bauern bestätigen. Das ist schlicht falsch und ganz schön dreist gelogen!

Die Studie gibt es tatsächlich, nur die von Anti-Mobilfunk-Hetzern frech daraus gezogenen Schlüsse, die sind falsch. Kürzlich veröffentlichten die Autoren der Studie im Februar-Heft der Zeitschrift "Schweiz. Arch. Tierheilk." den Artikel "Vermehrtes Auftreten von nukleärer Katarakt beim Kalb nach Erstellung einer Mobilfunkbasisstation". Und darin heißt es abschließend klar und deutlich:

"Für die Hypothese, dass die Mobilfunkanlage Ursache der nukleären Katarakte ist, spricht die zeitliche Korrelation ihres Auftretens mit dem Betrieb dieser Anlage unter Berücksichtigung einer Latenz von 6 bis 12 Monaten. Daraus einen kausalen Zusammenhang abzuleiten erscheint aber nicht zulässig. Elektromagnetische Felder können möglicherweise verschiedenste unspezifische Symptome hervorrufen, doch von den Symptomen auf die Ursache zu schliessen, ist hier nicht möglich. Da es keinen Test für Störungen durch EMF gibt, kann ein möglicher Zusammenhang mit gesundheitlichen Störungen zur Zeit nicht festgestellt werden. Die Beweisführung ist nur über Ausschlussdiagnosen möglich."

Das liest sich völlig anders als die Behauptungen der Mobilfunkgegner.

Der Artikel in der "Tierheilkunde" fördert noch andere Erkenntnisse zutage, die die Skepsis gegenüber dem Fall Sturzenegger stützen:

"Fünfzig Meter neben den Landwirtschaftsgebäuden befindet sich eine vierspurige Autobahn. Zehn Meter vor dem Wohnhaus und parallel zur Autobahn zieht eine Hochspannungsleitung (110 kV) vorbei, und im Land sind zwei Erdgasleitungen verlegt. In 120 m Entfernung verläuft die einspurige Eisenbahn mit einer doppelspurigen Haltestelle in 500 m Entfernung. Die Mobilfunkanlage umfasst 3 Sendeantennen für GSM 1800 in einer Höhe von 15.4 m über Boden. Insgesamt konnten 5 Mobilfunkkanäle auf 3 Sektoren gleichzeitig bedient werden. Der Stall liegt im Bereich zwischen zwei Hauptstrahlrichtungen."

Auch stimmt das Schaubild aus Sturzeneggers Dokumentation nicht, das den Eindruck erweckt, 2008 sei die Anzahl neugeborener Kälber mit grauem Star auf Null zurück gegangen. Richtig ist, dass im ersten Quartal 2008 und im zweiten Quartal 2009 jeweils ein blindes Kalb geboren wurde - obwohl Orange den Mast bereits im Juni 2006 abbaute.

Meiner Meinung nach sollte Bauer Sturzenegger lieber heute als morgen Orange verklagen, je eher desto besser. Am besten mit täglicher Live-Berichterstattung aus dem Gerichtssaal, damit alle mitkriegen, was dort vorgetragen wird. Das schreibe ich, weil ich darauf vertraue, dass auch die eidgenössischer Justiz noch alle Latten am Zaun hat und dem Kläger deutlich seine Grenzen aufzeigt. So wie es vor ein paar Jahren in Deutschland im Fall Kind passiert ist, einem Ehepaar, das sich leichtsinnigerweise mit dubiosen Gutachten bekannter Mobilfunkgegner auf einen Rechtsstreit einließ - und prompt unterlag. Seither sind die Kinds, die zuvor so medienpräsent waren wie gegenwärtig Sturzenegger, wie vom Erdboden verschluckt. Nicht dass ich mir wünschte, der Bauer möge in einem Erdloch versinken. Ich fände es nur an der Zeit, dass er mit seiner kruden Elektrosmog-Geschichte nicht länger hausieren geht und labilen Menschen damit unnötig Angst einjagt. Also, Hans Sturzenegger, nicht Angst einjagen, sondern durch alle Instanzen klagen! Notfalls mit einem Spendenaufruf, es werden sich schon wieder ein paar Dumme und ein "Förderverein" finden.

Mehr zum Fall Sturzenegger
http://www.izgmf.de/scripts/forum/index.php?mode=thread&id=49260

--
Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Hochspannungstrasse, Sturzenegger, Kälberblindheit, Pendlerzeitung, Kälber


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