Es gibt viele Antworten auf die immer wieder gestellte Frage (Allgemein)

Gast, Mittwoch, 04.08.2010, 21:43 (vor 3000 Tagen) @ Doris
bearbeitet von Gast, Mittwoch, 04.08.2010, 21:58

Es muss doch jemand geben, der diese Frage von "schmetterling" beantworten kann.

Doris, ich werde versuchen Ihre Frage möglichst kurz zu beantworten, denn eine gründliche wissenschaftliche Aufarbeitung übersteigt meine zeitlichen Kapazitäten.

Herr Bartolomé hat recht wenn er sagt, dass die biophysikalischen Wirkmechanismen von Hoch- und Niederfrequenz völlig unterschiedlich sind, und deswegen kaum vorstellbar ist, dass beide zu denselben Beschwerden führen. Bei starken Expositionen führt NF zu Nervenreizung, HF zu Erwärmung. Aus wissenschaftlicher Sicht würde man also erwarten, dass eine starke kombinierte Exposition zu Erwärmung und Nervenreizung führen würde. Da die Leitfähigkeit von Nervenfasern temperaturabhängig ist, könnte es auch einen kleinen synergistische Effekt geben. Diese Hypothese ist so simpel und so plausibel, dass es niemand für notwendig hielt sie experimentell zu prüfen. Die hier geführte Diskussion würde so ein Experiment auch nicht weiter bringen.

Betrachtet man realistische Expositionen, wurden nach dem heutigen Wissenstand weder bei HF noch bei NF gesicherte gesundheitsrelevante Effekte gefunden. Es ist rein theoretisch nicht zu erwarten, dass eine Kombination mehrerer unwirksamer Expositionen plötzlich wirksam wird. Dies wäre dann möglich, wenn diese Expositionen im Körper biologisch oder physikalisch miteinander interagieren würden. Dafür gibt es aber keinen wissenschaftlichen Anhaltspunkt, also keinen theoretischen physikalischen Wirkmechanismus, welcher dann im Experiment geprüft werden könnte.

Das ist bei Schmetterlings Beispiel mit Faltentintling und Alkohol ganz anders. Alkohol alleine ist alles andere als unwirksam, man kann ihn auch als giftig bezeichnen. Der Pilz enthält einen Stoff, der den natürlichen physiologischen Abbau von Alkohol, bzw. dessen Zerfallsprodukten blockiert, was zur Vergiftung führt. Es entsteht also keine plötzliche neue Wirkung - nur die vorhandene Giftigkeit von Alkohol wird durch eine chemische Substanz aus dem Pilz verstärkt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Coprin

Es gibt Situationen, wo kombinatorische Effekte mehrerer Einflussfaktoren erwartet oder vermutet werden und dies wissenschaftlich begründet ist. In diesen Fällen wird es dann auch geprüft.

HF und NF werden - obwohl höchstwahrscheinlich unbegründet - immer wieder mit Krebs in Zusammenhang gebracht. Deswegen hat man beide in Kombination mit bekannten Karzinogenen getestet (ionisierende Strahlung und Chemikalien), und zwar mit sehr unterschiedlichem Ausgang, von einer teilweisen Schutzwirkung bis Ko-Karzinogenität. Abgeschlossen ist dieses Kapitel noch nicht. Hier nur einige wenige Beispiele:

HF
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11835682
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14731069
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16669742
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16881741
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19580480
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20545575
NF
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12541073
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16987695

Im Bereich der optischen Strahlung wird die Kombination UV und Infrarot untersucht - von der Sonne kommt beides, und es ist beides einzeln biologisch wirksam. Es besteht die Möglichkeit kombinatorischer Effekte bei Hautalterung und Hautkrebs.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16118013
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20408985

Es gibt eine physikalisch begründete Interaktion zwischen ionisierender Strahlung (Photonenstrahl) und starken Magnetfeldern. Diesem Phänomen wird in der medizinischen Forschung nachgegangen.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18723929

Sie sehen also, wo Wissenschaftler einen Grund sehen kombinatorische Effekte zu untersuchen, tun sie es auch.

Man kann den Spieß umdrehen - wenn ein begründeter Verdacht auf einen kausalen Effekt vorliegt, ist das Fehlen eines Mechanismus kein Grund die Forschung einzustellen, sondern die Wissenschaft wäre verpflichtet den Wirkmechanismus zu finden. Das wird in Bezug auf NF und kindliche Leukämie auch versucht.

Einen klaren eindeutig definierten Effekt, zu dem ein passender Mechanismus gefunden werden muss, gibt es aber für gemischte Expositionen nicht. Was soll also untersucht werden? Es gibt unendlich viele mögliche Kombinationen verschiedener NF- (Hochspannung, Bahnstrom, Haushaltsgeräte und -Installationen) und HF- (GSM, UMTS, HiFi, WiFi, WLAN, TETRA, LTE) -Expositionen. Einen typischen Mix gibt es nicht, die Variabilität in Haushalten ist immens. Alle möglichen Kombinationen, bei allen möglichen Intensitäten zu testen ist nicht machbar. Wählt man aber eine spezielle Situation und findet nichts, dann war es "natürlich" die falsche. Und welcher Endpunkt soll untersucht werden - alle nur möglichen unspezifischen Symptome, die in der Bevölkerung mit oder ohne Exposition sehr weit verbreitet sind?

Jeder ES reagiert nach eigenen Angaben auf eine bestimmte Kombination von Felder mit bestimmten Symptomen und im bestimmten Zeitrahmen. Es privat bei jedem ES unter individuellen Bedingungen einfach ausprobieren ist prinzipiell möglich. Ein Wissenschaftler aber braucht ein homogenes Kollektiv und ein einheitliches Studiendesign, um die Ergebnisse nachher statistisch auszuwerten. Die Wissenschaft untersucht allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten, die ES dagegen sind eine Sammlung Einzelfälle!

Da kehren wir wieder zurück zu Kausalität, Wirkmechanismen und zu Schmetterling:
1. Tintling + Alk = Übelkeit, Erbrechen, bei allen, bis zu 4 Tage.
2. HF oder NF oder HF+NF = ES = Alles von Kopfschmerzen bis Krebs, bei jedem etwas anderes, von sofort bis nach Monaten/Jahren

Trotz alldem wird bis zu einem gewissen Grad versucht gemischte Expositionen zu untersuchen. Das EU-Projekt SEAWIND wird zunächst typische HF-Szenarien untersuchen und dann die am häufigsten auftretenden HF-Signale biologisch testen - das dann aber wieder einzeln, aus den o.g. Gründen. NF ist auch hier nicht dabei.

http://cordis.europa.eu/fetch?CALLER=FP7_PROJ_EN&ACTION=D&DOC=1&CAT=PROJ&QUERY=012a3cf85241:787c:58a05b71&RCN=94505

Dr. G. Ratto

[Admin: editiert am 05.08.2010, 10:38 Uhr]

Tags:
Kausalität


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