Schweizer Regierung bestätigt Existenz athermischer Wirkungen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 15.01.2023, 00:35 (vor 489 Tagen) @ H. Lamarr

Mobilfunkkritiker und Mobilfunkgegner haben eine stark ausgeprägte selektive Risikowahrnehmung. Dies führt in der Anti-Mobilfunk-Szene häufig zu dramatisierten Meldungen, die bei Fachleuten Kopfschütteln auslösen Laien hingegen beunruhigen können. [...]

Auch Diagnose-Funk hat ein Dauerabo auf dramatisierte Meldungen, mit denen sich der Stuttgarter Verein ein übers andere Mal lächerlich macht. Derweil dies aber vorerst nur eine unbelegte Behauptung ist, füllen wir das Vakuum exemplarisch mit Fakten. Dabei stellte sich zu meiner eigenen Überraschung heraus: Der analysierte lange Beitrag der schwäbischen Mobilfunkgegner ist nicht nur wertlos, sondern von A bis Z sinnlos. Weil er auf einer Behauptung aufbaut, die sich als falsch herausstellt. Dieses Kunststück schaffen nur wenige.

Am 30. Juli 2021 klotzte Diagnose-Funk in großen Lettern:

Schweizer Regierung bestätigt Existenz nicht-thermischer Wirkungen der Strahlung.
Das Grenzwert-Dogma wackelt!

Das Schweizer Bundesamt für Umwelt (BaFu) bestätigt auf seiner Homepage athermische Wirkungen der Mobilfunkstrahlung. Damit stellt das BaFu die Schutzfunktion der geltenden Grenzwerte in Frage.

(Hinweis: nicht-thermisch und athermisch sind bedeutungsgleich.)

Wer immer auch diese albernen Zeilen auf dem Gewissen hat, er war mMn gedankenfaul, zu bequem zum Recherchieren oder borniert und deshalb aus Sicht dieser beiden Expertinnen dumm.

Was also gibt es an dem unqualifizierten Aufmacher aus Stuttgart konkret zu bemängeln?

Fangen wir mit der Schweizer Regierung an (Bundesrat). Diese bestand im Juli 2021 aus folgenden sieben Personen. Ausbildungsberuf oder Studienfach sind in Klammern gesetzt:

Viola Amherd (Jura)
Alain Berset (Politik-/Wirtschaftswissenschaften)
Ignazio Cassis (Medizin)
Karin Keller-Sutter (Dolmetscherin/Pädagogik)
Ueli Maurer (Buchhalter)
Guy Parmelin (Landwirt/Winzer)
Simonetta Sommaruga (Pianistin/Literatur)

Die Liste macht ersichtlich, da ist weit und breit niemand, der die Existenz nicht-thermischer Wirkungen von Funkstrahlung aufgrund eigener fachlicher Expertise bestätigen könnte. Dies ist auch nicht Aufgabe von Regierungsmitgliedern. Und weil dies jedem auf Anhieb einleuchtet, bis auf einen Dummkopf in Stuttgart, hat sich, wie wir gleich sehen werden, auch keiner der sieben Politiker dazu aufgeschwungen zu tun, was der Dummkopf behauptet.

Warum aber bezieht sich der Autor der Aufmacherzeilen dennoch auf die Schweizer Regierung? Meine Deutung: Dramatisieren mit fremden Autoritäten, hier mit der obersten Instanz der Exekutive eines souveränen europäischen Staates. Üblicherweise bedienen sich Populisten derartiger Tricks, um ihr Publikum zu beeindrucken (Beispiel: Titelzeile "Wir sind Papst"). Auch Diagnose-Funk arbeitet geradezu zwanghaft gerne mit dem Stilmittel der Übertreibung, bläht Lauwarmes zu Hot-Storys auf und muss es daher ertragen, schimpfe ich Sprecher des Vereins bei Vorkommnissen "Blähboys".

Nachdem der Autor des Diagnose-Funk-Beitrags in der Titelzeile seinen Drang zum Dramatisieren auf Kosten der Schweizer Regierung befriedigte hat, zaubert er im Vorspann mit dem Schweizer Bundesamt für Umwelt (Bafu) plötzlich denjenigen aus dem Hut, der sich im Gegensatz zur Regierung mit athermischen Wirkungen der Mobilfunkstrahlung tatsächlich auskennt. Da das Amt aber nur eines von vielen in der Schweiz ist, stufte es der Autor als untergeordnet ein. Ergo musste das Amt in der Titelzeile der Regierung weichen, obwohl die sieben Bundesräte mit alledem nichts am Hut haben. Unser Autor hielt es auch nicht für nötig, den unvermittelten Tausch der Regierung gegen das Amt irgendwie zu erklären. Dies werte ich als Respektlosigkeit gegenüber den Lesern, die anscheinend den Text konsumieren, nicht aber denken sollen.

Es ist also das Schweizer Bundesamt für Umwelt, das aus Sicht von Diagnose-Funk auf seiner Homepage athermische Wirkungen der Mobilfunkstrahlung bestätigt und so die Schutzfunktion der geltenden Grenzwerte in Frage stellt. Der Verein begründet seine Sichtweise mit nur zwei Absätzen aus dem umfangreichen Bafu-Beitrag. Auch heute noch sind sie im Original wortgleich zu lesen, selbstverständlich ohne die einleitenden Worte von Diagnose-Funk:

Das thermische Dogma rechtfertigt den Netzausbau

Doch das thermische Dogma wackelt. Das Schweizer Bundesamt für Umwelt (BaFu) bestätigt nun auf seiner Homepage athermische Wirkungen:

► Die thermischen Wirkungen (Wärmewirkungen wie bei Fieber) sind wissenschaftlich gut untersucht. Sie treten erst ab einer gewissen Stärke (Intensität) der Strahlung auf - ab einer Stärke, wie sie in der Umwelt normalerweise nicht vorkommt.

Aber auch unterhalb dieser Schwelle werden biologische Wirkungen beobachtet. Man bezeichnet sie manchmal als nicht-thermische Wirkungen. Wie diese ausgelöst werden und ob sie schädlich sind, wird weiterhin erforscht
[...]
► Verschiedene Studien weisen auf biologische Effekte hin, die durch Strahlung mit einer Intensität deutlich unterhalb der internationalen Grenzwerte ausgelöst werden. Derartige Effekte werden auch als nicht-thermische Wirkungen bezeichnet.

Mehr Begründung liefern die Stuttgarter nicht. Dies überrascht, denn die beiden Absätze sind unspektakulär und etablierter Stand des Wissens. Diagnose-Funk aber erweckt den Anschein, das Bafu habe bislang die Existenz athermischer Wirkungen von EMF bestritten und räume deren Existenz "nun" erst ein. Die beiden Absätze aber stützen diesen Anschein in keiner Weise.

Der Rest des langen Diagnose-Funk-Beitrags ist belangloses Geschwalle, hat mit der dramatischen Aufmachung im Beitragskopf überhaupt nichts mehr zu tun. Sinn und Zweck des Füllstoffs aus der Mottenkiste organisierter Mobilfunkgegner ist die Ablenkung der Leser von den reißerischen Behauptungen, mit denen der Autor sie zum Lesen seines spröden Beitrags verleitet hat. Wer darauf hereinfällt und in der Hoffnung auf mehr Information zum Thema weiterliest, muss sich durch ein unerträgliches Sammelsurium von vermeintlich belastenden Zitaten, Fehlinterpretation, Unterstellungen, Themaverfehlungen und selbstgefälligen Quellenangaben kämpfen – und geht am Ende doch leer aus.

Das Bafu aber hat in besagtem Beitrag deutlich mehr zu sagen, als Diagnose-Funk an seine Leser weiter gibt. Statt mit Geschwalle Meinungsmache zu betreiben redet es Klartext und straft mit folgendem Absatz die Behauptungen des Stuttgarter Vereins über das Amt Lügen:

[...] Dass es nicht-thermische Wirkungen gibt, ist also unbestritten. Wie solche Effekte zustande kommen, ist jedoch nicht bekannt. Ebenso wenig lässt sich beim heutigen Kenntnisstand sagen, ob und unter welchen Bedingungen sie zu einem Gesundheitsrisiko werden. Es ist auch unklar, wie sich die Ergebnisse aus den Rattenstudien auf den Menschen übertragen lassen. Für die Bewertung erschwerend ist, dass sich die Experimente zum Teil nicht wiederholen liessen oder dass widersprüchliche Ergebnisse vorliegen. Die Auswirkungen schwacher Hochfrequenz-Strahlung auf den Menschen müssen deshalb weiter wissenschaftlich untersucht werden. [...]

Das lassen wir uns jetzt noch einmal auf der Zunge zergehen. Diagnose-Funk erweckt den Eindruck einer spektakulären Wendung in der Schweiz. Die dortige Regierung hätte die Existenz nicht-thermischer EMF-Wirkungen bestätigt. Diese Behauptung ergibt nur einen Sinn, wenn die Regierung die Existenz nicht-thermischer EMF-Wirkungen zuvor bestritten hätte. Hat sie aber nicht! Weiter behauptet Diagnose-Funk, wegen der in der Schweiz "nun" bestätigten Existenz nicht-thermischer EMF-Wirkungen würde das "thermische Dogma" wackeln. Da aber weder der Bundesrat noch das Bafu die Existenz nicht-thermischer EMF-Wirkungen "nun" bestätigen konnten, eben weil diese Wirkungen schon seit eh und je unbestritten sind, kann das thermische Dogma nicht wackeln.

Wie es aussieht versucht Diagnose-Funk mit einer erfundenen Behauptung den Insassen seiner Echokammer weis zu machen, das "thermische Dogma" sei erschüttert. Der Begriff "thermisches Dogma" besagt, gesundheitlich relevante Wirkungen einer HF-EMF-Exposition könnten allein durch die Wärmewirkung von Funkfeldern entstehen. Google spuckt dazu gegenwärtig 33 Treffer aus, von Rang und Namen oder gar Wissenschaftliches ist nicht dabei. Dies liegt daran, dass die Vokabel nahezu ausschließlich in den Echokammern der Anti-Mobilfunk-Szene kursiert.

Jetzt fehlen zum Abschluss nur noch Belege für meine Behauptung, nicht-thermische EMF-Wirkungen seien schon seit eh und je unbestritten. Einen Beleg liefert Michael Repacholi, der Icnirp-Ehrenvorsitzende und ehemalige EMF-Forschungskoordinator der WHO. Ihn fragte 2013 Alexander Lerchl fürs IZgMF: "Seit eh und je wird Icnirp von Mobilfunkgegnern vorgeworfen, sie leugne athermische Effekte. Was meinen Sie dazu, leugnet Icnirp oder wird sie nur missverstanden?" Repacholi antwortete: "Icnirp leugnet keine gesundheitsschädlichen athermischen Effekte, sondern ist überzeugt, dass es keine derartigen Effekte gibt." Ähnliche Äußerungen gibt es viele. Entscheidend ist: Nicht athermische Effekte werden abgestritten, sondern athermische Effekte mit nachweislich gesundheitlichen Wirkungen. Mobilfunkgegner lassen diese Differenzierung in aller Regel weg und behaupten gerne, ihre Gegenspieler würden athermische Effekte samt und sonders leugnen. Ob diese Verkürzung aus Unkenntnis geschieht oder mit voller Absicht bleibt im Dunkeln.

Der älteste Beleg für meine Behauptung stammt aus dem Jahr 1979. Damals publizierte Jürgen Bernhardt (der von 1992 bis 2004 Icnirp-Mitglied war mit einer Amtsperiode als Vorsitzender) in der Zeitschrift für Naturforschung (34c, 616-627) seinen Artikel "Biologische Wirkungen elektromagnetischer Felder". Kapitel IV. Nichtthermische Wirkungen beginnt er mit den Worten:

Von den nichtthermischen Effekten sind felderzeugte Kräfte und felderzeugte Potentialdifferenzen am besten untersucht worden. Auf diese beiden Phänomene wird in diesem Kapitel ausführlicher eingegangen.

Ja, auch wenn es für die meisten Mobilfunkgegner unbegreiflich ist, athermische EMF-Wirkungen, treten nicht nur unterhalb der von Icnirp empfohlenen Referenzwerte auf, sondern auch oberhalb (Kraftwirkungen). Aber das ist wieder eine andere Geschichte ...

Hintergrund
Das angebliche Bestreiten athermischer Effekte (2009, nur für registrierte Teilnehmer erreichbar)
Athermische Effekte: Was ist das eigentlich? (2009)
Enders über athermische Effekte: Es gibt wichtigere Risiken (2021)
Es gibt keine athermischen Effekte von Mobilfunk ... (2020)
Athermische Effekte: WHO bereitet Befreiungsschlag vor (2022)
Rodney Croft widerspricht "Schwarmwissen" über Icnirp (2022)
Wie Mobilfunkgegner mit Erwin Schliephake Ängste schüren (2019)
Viele athermische Effekte sind nur vermeintlich athermisch (2014)
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Dummheit, Leugner, Gerücht, Dogma, Illusion, Wahrheitsgehalt, Echokammer, Blähboy, Konditionierung, Athermisch


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