Grenzwertbetrachtung: Martin Röösli erläutert seine Tweets (I) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 06.08.2021, 12:26 (vor 118 Tagen) @ H. Lamarr

Ich habe Martin Röösli deshalb einen kleinen Fragenkatalog geschickt.

Voilà, hier sind sie, die Antworten von Prof. Martin Röösli auf die Fragen des IZgMF:

► 1) IZgMF: Ganz Toxikologen hat das NTP seine Versuchstiere einer mörderisch starken Exposition bis weit über Ganzkörpergrenzwert ausgesetzt. Ron Melnick begründete das damit, dass auf diese Weise organspezifische Reaktionen gefunden werden konnten, also Reaktionen, die sonst nur umständlich mit einer Serie von Teilkörperexpositionen zu finden gewesen wären. Ich interpretiere dies so: Die NTP-Studie taugt nicht als Argument gegen Funkmasten, sondern allein als Argument gegen die Exposition durch Mobiltelefone (oder andere lokale Quellen). Aus dieser Sicht heraus halte ich es für grundsätzlich verfehlt von den beiden Autoren der neuen Studie (Uche et al.), ausgerechnet aus der NTP-Studie neue Grenzwertempfehlungen für Ganzkörperexposition ableiten zu wollen. Teilkörperexposition wäre okay gewesen. Sehe ich das falsch?

1) Martin Röösli: Schwierige Frage, aber ich sehe es eher nicht so. Die Idee von Melnick et al. war sozusagen jedes Organ gleichzeitig mit 2 W/kg zu bestrahlen (was aber nur ansatzweise der Fall war), um die besagte separate Teilbestrahlung von jedem Organ zu vermeiden. Das macht insofern Sinn, wenn gar keine thermischen (systemischen) Effekte auftreten. Diese Annahme darf aber mit guten Argumenten bezweifelt werden (z.B. Kuhne, BioEM, 2020, auf deutsch auch beim BfS). Es gibt zwar keine mir bekannten Studien, welche solche systemischen Reaktionen für Körperkerntemperaturerhöhung belegen, aber es ist nicht unplausibel, dass bei einem solchen permanenten thermischen Stress systemische Reaktionen auftreten, die schlussendlich zu den Tumoren geführt haben (z.B. ist Schichtarbeit ein mutmasslicher systemischer Risikofaktor für Krebs). Wobei ich persönlich immer noch das multiple Testen als Hauptproblem der NTP-Studie erachte, nämlich, dass zufällig bei den Herzschwannomas in der Kontrollgruppe weniger Fälle als erwartet aufgetreten sind. Aber gehen wir mal davon aus, dass die Herzschwannoma die direkte Konsequenz der Ganzkörpererwärmung seien. Der thermische Stress wäre also eine Belastung des Kreislaufs, was einerseits die Fitness erhöht (darum verlängerte Lebenserwartung) und andererseits zu Tumoren im Herz geführt hat. Damit finde ich den Ansatz von Uche legitim, das Modell der Ganzkörperbestrahlung mit Sicherheitsfaktoren auf die Bewertung der Ganzkörperexposition anzuwenden. Ich finde diese Annahme und Idee aus toxikologischer Sicht plausibler als die Idee von Melnick, alle Organe gleichzeitig mit dem maximalen Teilkörper-SAR zu bestrahlen und zu erwarten, dass diese Bestrahlung sich in keiner Art und Weise kumuliert.

► 2) In Ihren Tweets zur Uche-Studie sprechen Sie explizit von "MobilePhone radiation", meinen aber offenbar die Exposition durch Funkmasten und nicht die durch Mobiltelefone. Ja?

2) Ja, es geht um Ganzkörperbestrahlung im Frequenzbereich des Mobilfunks. De facto geschieht dies dann im Alltag durch Funkmasten und entsprechend habe ich nachher diese Messungen als Beispiel genommen. Insofern war der Term "MobilePhone Radiation" generisch gemeint.

► 3) In Tweet 4 heißt es: "According to this new approach, regulatory limit should be 6-13 V/m ...". In der Uche-Studie steht dazu nichts, wie kommen Sie auf diese Feldstärkewerte?

3) Die Feldstärke ist proportional zum Quadrat des SAR-Wertes. Ich habe daher für diese Aussage einfach von den ICNIRP-Referenzwerten für die Mobilfunkfrequenzen (36-61 V/m) zurückgerechnt. Uche schreibt 20- bis 40-Mal tiefer, was also einer 4,5 bis 6,3-fach tieferen Feldstärke entspricht, also 36/6,3 bis 61/4,5. (Habe es nur im Kopf gemacht. Man könnte ganz korrekt auf 14 V/m runden (6-14 V/m)).

► 4) In Tweet 5 heißt es: "So let us be conservative and propose regulatory limit of 6-13 V/m limit for 24 hours". Heißt das, arithmetisch gemittelt über 24 Stunden darf die Exposition einen (neuen) Grenzwert 6-13 V/m nicht überschreiten?

4) Genau, die Idee dahinter ist ja, dass in der NTP-Studie eine lebenslange Exposition einen Effekt hatte, ich aber in meinem Beispiel schon 24h-Expositionen begrenzen würde. Eigentlich habe ich das schon auch als Maximalwert verstanden. Es könnte ja jemand 24 h am gleichen Ort sein. Insofern dürfte die Exposition nirgends höher als dieser Wert sein oder nur kurz (sozusagen wie die Tiere bei der NTP-Studie). Natürlich wäre es keine gute Idee, die gesamte Energie von 24 h innerhalb von einigen Minuten abzukriegen. Deshalb sind ja bei den neuen ICNIRP-Richtlinien auch Grenzwerte für kurze Expositionszeiten eingeführt worden.

► 5) In Tweet 6 heißt es: "Values >6 V/m have virtually not been measured." Was genau ist hier gemeint (gemessene Momentanwerte oder berechnete Mittelwerte über x Stunden) und gilt besagter Satz für Ihre Kinderstudie oder etwa für Messkampagnen in aller Welt? Ich frage, weil in Frankreich bei der jüngsten Messkampagne der ANFR immerhin 51 Messpunkte mit Werten >6 V/m gefunden wurden. Mutmaßlich sind das aber gemessene maximale Momentanwerte und keine maximalen Mittelwerte.

5) Ich meine unsere persönlichen Messstudien wie die Kinderstudie oder unserer Studie in Zürich, wo realistische bzw. repräsentative Expositionen in der Bevölkerung erhoben werden (siehe z.B. hier Tabelle 5 und 6). Natürlich kann man gezielt nach Orten suchen wo die Exposition höher als 6 V/m ist und das haben sie in Frankreich ja gemacht. Aber dies trifft für Menschen in ihrem Alltag nur sehr selten zu. (Funfact: in der Schweiz trifft dies nur in der Nähe von Kleinzellen zu, deren Beitrag von "Mobilfunkkritikern" häufig unterschätzt wird. So habe ich den bisher höchsten Wert am Bahnhof von St. Gallen gemessen. St. Gallen rühmt sich ja mit seinem Kleinzellenkonzept als Strategie für Expositionsreduktion. Ob diese Idee, welche im 2G-Zeitalter ihre Berechtigung hatte, heutzutage wirklich noch etwas taugt, bin ich mehr als skeptisch.)

... weiter zu Teil II

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
ICNIRP, Anfrage, Sendemast, Kleinzellen, Dialog, Ganzkörperexposition, Röösli, St.-Gallen, NTP, Melnick, Grenzwertbetrachtung, Uche


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